{"id":79541,"date":"2024-04-11T09:49:45","date_gmt":"2024-04-11T08:49:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.orgelimstephansdom.at\/?p=79541"},"modified":"2024-04-11T09:49:45","modified_gmt":"2024-04-11T08:49:45","slug":"morgenstern-zuhoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/orgelimstephansdom.at\/?p=79541","title":{"rendered":"Morgenstern zuh\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><span style=\"color: #ffffff;\">https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/morgenst\/stufen\/chap016.html<\/span><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/info\/texte\/index.html\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/info\/pic\/banner-online.jpg\" alt=\"Projekt Gutenberg-DE\" border=\"0\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/autoren\/info\/autor-az.html\">Autoren<\/a>\u221e<a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/info\/texte\/allworka.html\">Werke<\/a>\u221e<a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/info\/texte\/neu.html\">Neu<\/a>\u221e<a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/info\/texte\/info.html\">Information<\/a>\u221e<a href=\"https:\/\/shop.projekt-gutenberg.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Shop<\/a>\u221e<a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/info\/texte\/lesetips.html\">Lesetips<\/a>\u221e<a>Textquelle<\/a>\u221e<\/p>\n<form id=\"search\" class=\"gsearch\" action=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/info\/search\/search.php\" method=\"post\"><input name=\"searchstring\" type=\"text\" value=\"\" \/><button name=\"search\" type=\"submit\" value=\"suchen\">\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/pic\/lupe_weiss.png\" alt=\"SUCHE\" width=\"10\" height=\"13\" \/>\u00a0<\/button><\/form>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Christian Morgenstern&lt;<\/h5>\n<h5>Stufen<\/h5>\n<div class=\"dropdown\"><a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/morgenst\/stufen\/index.html\">Inhalt<\/a><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/autoren\/namen\/morgenst.html\">Christian Morgenstern&lt;<\/a><\/p>\n<hr size=\"1\" \/>\n<p><a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/morgenst\/stufen\/chap015.html\">&lt;&lt;\u00a0zur\u00fcck<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/morgenst\/stufen\/chap017.html\">weiter\u00a0&gt;&gt;<\/a><\/p>\n<div class=\"anzeige-chap\">\n<p class=\"left\"><b>Anzeige<\/b>. <i>Gutenberg Edition 16. 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Religion ist die Erkenntnis, da\u00df alles Denken g\u00f6ttliches Denken ist, wie alle Natur g\u00f6ttliche Natur, da\u00df jede Handlung eine Handlung Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke Gottes ist, da\u00df Gott nur soweit Gott ist, als er Welt ist, da\u00df die Welt nichts anderes ist als Gott selbst, \u2013 da\u00df in demselben Augenblick, da ein Mensch sich seines Gott-seins bewu\u00dft wird, Gott in ihm sich seiner selbst als Mensch bewu\u00dft wird.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Betrachte den Sternenhimmel \u2013 alles versinkt um dich her. Wer ist er, wer bist du. Dein Denken schweigt. Du f\u00fchlst dich wie hinweggehoben, zerflattern &#8230; Wer bist du, wer ist er, wenn nicht \u2013 Es. Das unfa\u00dfbare Selbst, Gott, das Mysterium. Und dies Mysterium fragt in sich selbst: wer bin ich, wer bist du. Gott fragt sich selbst in sich selbst \u2013 und wei\u00df keine Antwort, erstummt in sich selbst &#8230;<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wie kann es eine S\u00fcnde f\u00fcr mich geben, wenn ich Gott bin? Wenn ich meinen Bruder erschlage, erschlage ich mich in ihm; es gibt nichts, was ich nicht ein Recht h\u00e4tte zu tun; denn ich tue es an mir selber. Der T\u00e4ter ist zugleich der Erleider \u2013 vielleicht ist dies ein Fenster in mich hinein, vielleicht erahnt sich durch dies Wort das Unvorstellbare, das wir sind und dem gegen\u00fcber uns nur tiefstes Grauen und Wegsehen, praktisch aber nur dies \u00fcbrig bleibt: uns als die, als die wir uns nun einmal vorgefunden haben, innerlichst zu vollenden, gleichviel, was objektiv f\u00fcr Uns, als Gott, damit gewonnen oder nicht gewonnen sein mag.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was du willst, aber bedenke, da\u00df du es dir selbst tust.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wenn du meinst, es dir selbst tun zu d\u00fcrfen, so tue selbst das \u00c4u\u00dferste. Dies Gebot hindert kein Schaffen oder Zerst\u00f6ren. Mit diesem Gebot bist du frei zu allem und doch wird es dich weise machen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<pre><span style=\"color: #000000;\">Bitte, Entschuldigung.. <em>und wie ist das mit dem anderen?? Wie darf ich<\/em>\n<em> dar\u00fcberhinaus weiterverstehen? Was ist mit dem Willen des anderen? <\/em>\n<span style=\"color: #99ccff;\">Mich pressiert's!! Klug, das pl\u00f6tzlich abrei\u00dft.. <\/span><em>das ist wie manche Fahrradwege <\/em>\n<em>in Wien. Pl\u00f6tzlich solltest' dich aufl\u00f6sn &lt;&lt;&lt;.<\/em><\/span><\/pre>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wie kann ich schw\u00f6ren: Ich schw\u00f6re bei dem allm\u00e4chtigen Gotte, da\u00df ich dies nicht getan habe \u2013 da ich doch selbst dieser allm\u00e4chtige Gott bin und \u2013 als ein sogenannter anderer Mensch \u2013 es sehr wohl getan habe? Aber ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen verm\u00f6gen; er wird niemals begreifen, da\u00df er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir ist: und ich werde als Mensch wie ein Verr\u00fcckter dastehen und als Gott auf mich den Richter blicken, wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den er ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen und sagt ihm, da\u00df er mit ihm eins sei, aber der Daumen versteht kein Wort von dem, was er sagt.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit einer oft lebhaften, leicht und nachhaltig erregbaren Phantasie und einiger dichterischer Begabung, ohne hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem best\u00e4ndigen Wunsch erf\u00fcllt, sich zu verinnerlichen; ein Schw\u00e4chling, ja ein w\u00fcrdeloser Mensch mitunter, ohne ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr Moral, von einer Sinnlichkeit, die sich wie eine feine W\u00e4rme \u00fcber sein Leben verbreitet, deren eigentliche Ausbr\u00fcche indessen nicht so sehr von Belang sind, soda\u00df man bei ihm zugleich von einer ihn h\u00e4ufig, wie die Flamme das Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich von einer sehr geringen F\u00e4higkeit zur Leidenschaft sprechen mag; dabei von einer angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott und Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich gebildet zu sein, von schlechtem Ged\u00e4chtnis, unge\u00fcbt und tr\u00e4ge im Dialektischen, durchdringend nur in seiner Ausdauer, immer nur ein Ziel bewu\u00dft oder unterbewu\u00dft zu verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem Au\u00dfer-Ihm zu erkennen; \u2013 denke dir einen solchen Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in sich hin und her wendet, mehr noch, es sich hin und her wenden l\u00e4\u00dft; denn er springt auf seine inneren Erlebnisse nicht zu, er l\u00e4\u00dft sie leben oder sterben je nach ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen Bewu\u00dftsein seiner selbst zu bringen scheint, als w\u00e4re alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit: sich nicht als Gott selbst \u2013 als das Eine und Alle, als das Einzig \u2013 Bestehende zu sehen, als w\u00e4re es geradezu eine \u203aVer-r\u00fccktheit\u2039, sich \u203aGott\u2039 gegen\u00fcber als irgend etwas anderes, Gegens\u00e4tzliches, Seitliches, Beigeordnetes oder gar Untergeordnetes zu f\u00fchlen, ja die Frage \u203aGott\u2039 \u00fcberhaupt noch irgendwie zu diskutieren, als m\u00fcsse man \u2013 <i>sich sich selbst beweisen!<\/i> \u203aIhr seid alle in mir, aber in wem bin ich? \u2013 Wer mich hat, der hat auch den Vater. \u2013\u2039<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wie mich diese steten Wiederholungen einst \u00e4rgerten, wie einf\u00e4ltig und eigensinnig sie mir erschienen; als ob ein Kind immer dasselbe wiederholte!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Bis mir eines Abends d\u00e4mmerte, aus welchem Gef\u00fchl heraus dieses unerm\u00fcdliche Betonen geflossen sein mu\u00df &#8230;<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die Deinige. Wenn ich als Individuum sterbe, bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst der Teil wie das Ganze bin, ist mein Tod mir selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit ist, ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit ist h\u00f6chste Bejahung und h\u00f6chste Bejahung Wahrheit.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Ich werde erst sterben, wenn ich erf\u00fcllt haben werde, was ich erf\u00fcllt haben konnte. Gott stirbt nicht vor der Zeit. Er wacht hier auf und schl\u00e4ft dort ein, wie es gut ist. Was str\u00e4ubst du dich gegen das, was du dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: Dein Schicksal ist, da\u00df du Gott bist. Ich sage: Gott! Aber wo uns die Wirklichkeit dieses Wortes fa\u00dfte, da w\u00e4re unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie ein Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt. Gott schauen ist Tod, das wu\u00dften alle V\u00f6lker. Gott erraten ist Leben.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Jahrhunderte stritten \u00fcber das Wort Dreieinigkeit Und doch enth\u00e4lt es die Welt, f\u00fcr ein Kind gedeutet. Der Vater, das ist das Leben, das alles ist und das der einzelne Mensch nie aus seinem Gehirn heraus fassen oder gar erkl\u00e4ren kann. Der Sohn, das ist dies selbe g\u00f6ttliche Leben als sich erahnendes Wesen, als Mensch, als der Mensch Christus im Besonderen. Der heilige Geist, das ist das langsame Weiterg\u00e4ren dieser Erkenntnis auf Erden: da\u00df alles \u203aGott\u2039 ist. \u2013<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Tief unten schlachten sich noch die V\u00f6lker, es raucht das Blut und in Selbstzerfleischung f\u00e4llt noch \u2013 Blindes sich selber an. Warum tue \u2013 Ich das. Ich wei\u00df es nicht. Die Menschheit ist noch ein Kentaur, der heilige Geist hat das Tier erst zur H\u00e4lfte verwandelt.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">\u203aGott ist nur der Lebensfunke.\u2039 Sch\u00f6n. Dieser Funke aber bildet Sterne und Gehirne. Ja, er legt mir selbst das Wort Gott \u00fcber sich in den Mund. Und so brauch ich&#8217;s denn.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Was es gilt, ist die Austreibung Gottes aus allem Jenseits in das Diesseits. Gott ist nicht irgendwo, er ist auch nicht hier oder dort, sondern er ist dies und das, und drittes und legionstes.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Ich habe den verwandelnden Blick.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Vor einer Anzahl von Leuten der \u203aguten Gesellschaft\u2039. Sind es nicht alles Menschen, die man in irgend einem Zuge ihres Wesens lieben kann? Alle sind so oder so ein wenig oder sehr liebenswert. Aber sie m\u00fc\u00dften auch fast alle mit dem Gift einer schwachen doch steten Unruhe geimpft werden. Sie wollen zu wenig \u00fcber sich hinaus, sie siedeln sich zu schnell bei sich selber an, sie haben zu wenig Wachstum und Wandertum in sich. Sie glauben, mit 30 Jahren sich gefunden zu haben \u2013 sie nennen es: erwachsen sein \u2013 und setzen sich schon auf sich selbst zur Ruhe. Man wird nichts Unerwartetes von ihnen mehr sehen oder h\u00f6ren; als ob man nicht von jedem Menschen in jeder Stunde Unerwartetes erwarten m\u00fc\u00dfte! Man kann sie vorausberechnen wie irgend etwas ganz Gew\u00f6hnliches \u2013 und dabei sind sie das Ungew\u00f6hnlichste der Welt, n\u00e4mlich Menschen und tragen das Unberechenbarste der Welt in sich: eine zu jeder Unerh\u00f6rtheit f\u00e4hige Seele. Sie haben ganz vergessen oder nie begriffen, da\u00df sie \u2013 Gott sind, sie begn\u00fcgen sich damit, Herr X oder Frau Y zu sein und als solche und nur als solche zu leben und zu sterben.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Dieser Grundhang, das Leben zu einer Biedermeierei zu erniedrigen, ist es, den ich unter der Bezeichnung \u203ab\u00fcrgerlich\u2039 \u00fcberall aufsp\u00fcre und verfolge. Es ist die eigentliche Gefahr des Menschen, zu versimpeln. Man sollte t\u00e4glich zu einer festgesetzten Stunde einen Glockenton durchs ganze Land gehen lassen, der keine andre Bedeutung h\u00e4tte, als die, den Menschen in Erinnerung zu rufen, da\u00df sie nicht nur B\u00fcrger von diesem Namen und jenem Stand seien, sondern unerforschliche Teile des Unerforschlichen. Man m\u00fc\u00dfte eine eigene Glocke daf\u00fcr erfinden und in unz\u00e4hligen gro\u00dfen und kleinen Exemplaren gie\u00dfen lassen: eine \u203aGed\u00e4chtnisglocke des Menschen\u2039. Wo aber ein Tempel gebaut w\u00fcrde, da m\u00fc\u00dfte \u00fcber seiner Pforte stehen: Dem furchtbaren Gott, oder: Mir selber, dem dreimal Unbekannten.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Der Mensch von 1900 scheint eine neue Tugend in sich gereift sehen zu d\u00fcrfen: die Erkenntnis des B\u00fcrgerlichen. Als das B\u00fcrgerliche bezeichne ich das Absehenk\u00f6nnen des Menschen davon, da\u00df er das Geheimnis der Geheimnisse ist, das Sichhinstellen- und Verharrenk\u00f6nnen des Menschen als eines Zweiten. B\u00fcrger hei\u00dft: der sich in einer Burg Bergende. B\u00fcrger hei\u00dft mir der Mensch, insofern er sich in der Burg des Gedankens birgt, etwas andres als Gott selbst zu sein. Kein Mensch kann sich wirklich als Gott f\u00fchlen, der er ist. Es kann Gott sich nur b\u00fcrgerlich und nicht anders ergreifen. Das Menschliche ist schlechtweg das B\u00fcrgerliche.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Im Menschen erschuf sich das Ungeborgene seine Burg. Gott ist nichts Au\u00dferb\u00fcrgerliches; wo auch nur die kleinste Zelle, da ist sie zugleich Gottes Burg. Nun ist aber alles Zelle, das Wort wo ist \u00fcberfl\u00fcssig, ebenso wie wenn man sagen wollte: wo (im Glase Wasser) auch nur ein Tropfen Wasser, da ist Gott in ihm. Alles ist \u203aBurg\u2039. Seit Welt \u00fcberhaupt ist, gibt es nur Gott, den Geborgenen, den B\u00fcrger.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich unterhalten, und durch das m\u00e4chtige Fenster die drau\u00dfen hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines gro\u00dfen Beh\u00e4lters, \u2013 und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist Du! Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt und aus ihren nur als sie!<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge betrachtet, in der sie das eigentlich Wertvolle, das Innerliche, Namenlose wach erh\u00e4lt, diese Menge, die unter den H\u00e4nden der Aufkl\u00e4rer zu einem platten, sich selbst und den andern uninteressanten Haufen wird! Ja, die Kirche ist sicherlich unsere, der Erkennenwollenden, beste Freundin. Sie ist die einzige ebenb\u00fcrtige Gef\u00e4hrtin der Philosophie. Und was die Verirrungen beider anbetrifft, so d\u00fcrften sie hier wie dort, wenn auch gleich ehrw\u00fcrdig, ganz verschiedenen Charakters, gleich unertr\u00e4glich und gleich l\u00e4cherlich sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun schnitz ich Gottes Bildnis an allem.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Eine szenische Vorstellung ist f\u00fcr den Kontemplativen etwas wie eine Parade. Oder wie ein Schachspiel, gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie ein Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Aller Blick auf menschliche Dinge mu\u00df zuletzt im Furchtbaren enden. Iwan Karamasow lehnt diese Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der Kinder begreift er nicht. Wie aber \u2013 wenn all dies Leiden zuletzt ein Eigenleiden, ein Selbsterleiden Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und jede nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott selbst ist, das ohne Ma\u00df gro\u00dfe schauerliche tragische Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde dumpfer Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen Hirn .. und scheint nicht alles aufgel\u00f6st \u2013 nicht in eine unsagbare <i>Harmonie<\/i> \u2013 o nein \u2013 aber in einen nie zu erfassenden, erf\u00fchlenden Abgrund von solcher Schauerlichkeit und Tiefe, da\u00df jede Anklage, jede Klage, ja jedes Urteil verstummt. Es bleibt nur der fast unsichtbare Blitz einer fernen Erkenntnis Seiner selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot niederwerfen w\u00fcrde, wenn er auch nur einen Grad heller, eine Sekunde l\u00e4nger leuchtete. Aber ich glaube, diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im Menschen ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist in der Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott ringt sich aus ihr zum Sich Selbst erschauenden Geist empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig wie der Mensch, wird sich Gott je selbst <i>erkennen<\/i> (nur erahnen); denn er erkennt ja nur so weit, als er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich Gottesleid; es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch etwas andres, ob jenes kleine M\u00e4dchen, von dem Iwan Karamasow erz\u00e4hlt, sich als eben dieses M\u00e4dchen die Brust mit den F\u00e4ustchen schl\u00e4gt oder ob es einen Moment im Leben dieser selbstseienden, mit sich selbst k\u00e4mpfenden, um sich selbst k\u00e4mpfenden Unsagbarkeit \u203aGott\u2039 darstellt. Dieses M\u00e4dchen ist dort noch b\u00fcrgerlich gesehen, g\u00f6ttlich gesehen wird es zum Mysterium, zu liebenswert f\u00fcr unsere Liebe, wie zu tief f\u00fcr unsere Klage.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">(Nach einem franz\u00f6sischen Roman.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine Sorge des Lebens fern bleibt, diese, wenn du so willst, frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen und wider das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgesch\u00f6pfe, die der Proletarier erw\u00fcrgen w\u00fcrde, wenn er wieder einmal in die H\u00e4user der B\u00fcrger br\u00e4che, \u2013 stelle dir dicht daneben, kaum durch eine Stra\u00dfe getrennt, das grinsende Elend, die verst\u00fcmmelnde Krankheit, den Schmutz, die Niedrigkeit, das Verbrechen vor \u2013 und frage dich, was ein Gott tun m\u00fc\u00dfte, der dies nicht <i>alles selbst<\/i> w\u00e4re. Nur eine Welt, die Gott selbst ist, darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber nichts, er ist die Liebe jener beiden feinen verwegen gewissenlosen Kulturgesch\u00f6pfe, er ist ihr Rausch, ein Rausch von solcher Tiefe und Sch\u00f6nheit, da\u00df er selbst dieser Rausch <i>sein<\/i> mu\u00df, um seinen ganzen sublimen Wert zu empfinden, da\u00df er er sein mu\u00df, um ihn (m\u00f6chte ich sagen) nicht erst \u203aempfinden\u2039 zu m\u00fcssen und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich ein Urteilen w\u00e4re \u2013 im Urteilen aber schl\u00e4ft auch schon das Verurteilen \u2013 herabzusetzen; ich sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben das Elend, die Krankheit, der Schmutz ist, er braucht nicht vor sich zu err\u00f6ten wie ein feiler Gen\u00fc\u00dfling, er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine h\u00f6chsten Zust\u00e4nde nicht, er ist in schrecklicher F\u00fclle und Wahrheit alles, von oben bis unten, er ist das ganze Universum am \u203aeigenen Leibe\u2039, noch einmal: Er darf alles sein, weil er alles <i>ist<\/i>. (Sp\u00e4tere Anmerkung: Solange er nicht selbst darum \u203awei\u00df\u2039. In diesem Moment beginnt seine \u2013 Sittlichkeit.)<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben k\u00f6nnte, und nichts, das ich nicht \u00fcberwinden m\u00f6chte.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst dadurch, da\u00df sie Liebe Gottes zu sich selbst ist, zu einem Problem von schauerlicher Tiefe. Was allein kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das Kind? Keineswegs. Das Kind ist ja nur wieder Gott als Individuum. Wenn der Mann mit dem Weibe pl\u00f6tzlich zusammenschmelzen k\u00f6nnte in einen dritten K\u00f6rper, dann w\u00fcrde die Erde vielleicht im selben Augenblicke vor j\u00e4hem Erschrecken untergehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Nietzsche sagt einmal, da\u00df mit der Wissenschaft der Optimismus Herr geworden sei. Und f\u00fcrwahr, mit dieser Z\u00e4hlmaschine in der Hand wird der Mensch ein besch\u00e4ftigtes und beruhigtes Schulkind. Die Furchtbarkeit des Daseins verliert ihre Gewalt f\u00fcr ihn, er klassifiziert, kl\u00e4rt auf, korrigiert hier und dort. Eine Welt, f\u00fcr die es nur die Eine Bezeichnung \u203afurchtbar\u2039 gibt, wird ihm zuletzt ein behagliches Wohnhaus, in das blo\u00df der Tod seine ungem\u00fctlichen Schatten wirft. \u2013 Sei bedankt, Tod, millionenmal bedankt, da\u00df du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens bist. Ohne dich m\u00fc\u00dfte das ganze Sinnen jedes Denkenden unaufh\u00f6rlich darauf gerichtet sein, dich zu erfinden. Ohne dich w\u00fcrde Gott am eigenen Leibe verfaulen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider Gottes.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Gott ist die \u00dcberw\u00e4ltigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die Kapitulation des menschlichen Begriffsverm\u00f6gens vor der Welt.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Philosophie und Religion ist f\u00fcr den Menschen vielleicht nur der Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn. Vor der K\u00e4lte des Universums zieht sich das Wasser als Haut zusammen, so vor der K\u00e4lte des Unbegreiflichen der Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben. Gott, wo er nicht im Verfall, rettet sich vor dem Verfall, indem er <i>denkt<\/i>.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten. Alles, was geschieht, ist Mein bewu\u00dfter oder unbewu\u00dfter Wille und als solcher unantastbar. Damit aber f\u00e4llt zugleich die \u00fcbertriebene Wichtigkeit alles Geschehens dahin. Alles ist wichtig \u2013 als g\u00f6ttliche \u00c4u\u00dferung; und nichts ist wichtig \u2013 ebenfalls als g\u00f6ttliche \u00c4u\u00dferung. Gottheit ist F\u00fclle, und F\u00fclle wei\u00df nichts von dem, was sich K\u00fcmmerlichkeit als Gewinn und Verlust herausrechnet. Es gab zu lange nur den Gott des B\u00fcrgers, Gott sah sich selbst als B\u00fcrger: den aber hat sein eignes Lachen t\u00f6ten m\u00fcssen. Aus dem Gott-B\u00fcrger wurde der Gott-Freie, aus dem komischen wieder der tragische Gott.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">In einen Roman:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">\u203aIch sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken, so gro\u00df, wie er vielleicht noch nie von einem Menschen gedacht worden ist, oder wenn, dann nur von einigen Wenigen, halb Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen und werde nicht drehend, nicht von Sinnen, nicht von Fieber gesch\u00fcttelt. Ich bringe es fertig, mit diesem Gedanken mein ganzes bisheriges Leben fortzuleben, als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich mich verachten mu\u00df, da\u00df selbst ein solcher Gedanke dies sch\u00f6ne Gleichgewicht, um das mich so viele beneiden, nicht zerst\u00f6rt, und wie ich im Innersten nur jenes Eine begehren mu\u00df: den Schmerz, den unentrinnbar t\u00f6dlich verwundenden, den \u2013\u2039<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">(Zu Drews.) Alles Lebendige unmittelbar als Gott zu f\u00fchlen, kann nicht Gr\u00f6\u00dfenwahn sein: denn wenn ich mich als Entwickelungspunkt Gottes, als Gott in einer bestimmten Entwickelungsphase erkennen zu d\u00fcrfen glaube, so gilt mir doch jeder Mitmensch, ja jedes lebendige Wesen \u00fcberhaupt gleichfalls als Gott: soda\u00df da nichts ist, was sich \u00fcber andres \u00fcberh\u00f6be, oder nur in dem Sinne, wie sich Gedanken im selben Kopfe \u00fcbereinander \u00fcberheben.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">(Zu Drews.) Es ist sehr lehrreich, da\u00df dieses dicke und gelehrte Buch \u203aDie Religion als Selbstbewu\u00dftsein Gottes\u2039 gerade <i>die<\/i> Idee, die Gott am tiefsten fa\u00dft, als \u203awahnsinnig\u2039 hinstellt. Man mache sich klar: von unz\u00e4hligen Ideen mit t\u00f6dlicher Sicherheit gerade die energischste, bedeutendste! Man m\u00f6chte den Geist des Verfassers eine umgekehrte W\u00fcnschelrute nennen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich), ist eine \u2013 Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie mit zur Welt geh\u00f6ren, so geh\u00f6ren Sie, wie jeder andere, ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit hinein.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">(Zu Dostojewski.) Es ist ein Wandel zwischen \u00dcberreiztheit, Ermattung und Gr\u00f6\u00dfe, einer Gr\u00f6\u00dfe, wie sie sich nur bei den ganz tiefen, gl\u00fchenden Seelen der Menschheit findet, und wenn ich im Augenblick gefragt werden sollte, w\u00fc\u00dfte ich auch im Augenblick nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den Namen Lagarde und den Namen Nietzsche. Nur bei ihnen findet man diesen Sturm der Seele wieder, der oft lange schl\u00e4ft, sich lange unter allerlei psychologischem, politischem, was wei\u00df ich f\u00fcr Kleinkram verkriecht, um sich dann pl\u00f6tzlich unvermutet wie ein feuriger Wirbel zu erheben, emporzusteigen, alles zu \u00fcbersch\u00fctten, zu \u00fcberstrahlen, da\u00df das Herz zu klopfen anf\u00e4ngt \u2013<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Dostojewski hat folgende gro\u00dfartige Methode: Er f\u00fchrt eine Anzahl Menschen ein, die uns zun\u00e4chst nur einfach fesseln, noch nicht erregen, wirft sie durcheinander, bringt sie in die unglaublichsten Verwickelungen, bis f\u00fcr jeden irgendeinmal die Stunde schl\u00e4gt, wo er sein Innerstes enth\u00fcllen mu\u00df. Und enth\u00fcllt er sich nicht aus freien St\u00fccken \u2013 und je bedeutender solch ein Mensch ist, desto verschlossener, schamhafter, unwilliger, ja selbst zynischer ist er \u2013 so wird er, ich m\u00f6chte sagen, \u203agestellt\u2039. Ein andrer setzt ihm das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den \u203aKaramasow\u2039, Werssilow und sein Sohn im \u203aWerdenden\u2039, Schatoff und Stawrogin in den \u203aD\u00e4monen\u2039 usw. Lassen wir das, ruft Schatoff, davon sp\u00e4ter, sprechen wir von der Hauptsache, von der Hauptsache .. Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet. \u2013 Nicht meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, \u2013 aber das andere \u2013! Und dann sprechen sie alle von dem \u203aandern\u2039, von der Hauptsache: ob es einen Gott gibt oder nicht; was der Mensch tun mu\u00df, wenn es Gott nicht gibt; ob der Mensch \u00fcberhaupt ohne Gott leben k\u00f6nne; wie im Besondern das Russenvolk diese h\u00f6chste und brennendste Lebensfrage entscheide, und ob dieses Volk nicht vielleicht \u203adas einzige Gott tragende Volk\u2039 heute sei, \u203adas einzige, dem die Schl\u00fcssel des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind\u2039.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Und in diesen Gespr\u00e4chen brennt die Flamme Gottes selbst, die Flamme des um sich selbst ringenden Gottes, dessen Leib das unendliche All der Gestirne und dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen ist.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">(Zu Dostojewski.) Wenn ich ein Priester w\u00e4re, so w\u00fcrde ich mit meiner Stirn erst dreimal vor ihm den Boden ber\u00fchren, bevor ich mich umwendete und zu meinen Br\u00fcdern spr\u00e4che; denn in ihm ward eine jener gro\u00dfen Leuchten der Erde lebendig, die noch in den finstersten N\u00e4chten leuchten, \u2013 er war einer der gro\u00dfen Rechtfertiger des Menschen, weil er sich am Menschen nicht genug sein lie\u00df; nur aber, wem der Mensch kein Ziel war, nur ein Wurf nach dem Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">(Zu Drews.) Wenn ich sage: \u203aMensch\u2039 ist nur eine sprachliche Ausdrucksform f\u00fcr \u203aGott\u2039 \u2013 ist das \u203aSelbstverg\u00f6tterung\u2039? Gott kann sich doch nicht selbst verg\u00f6ttern! Was aber w\u00e4re Gott, der nicht die ganze Natur, der nicht alles, alles selbst w\u00e4re, der nur das Selbst, nicht auch das Ich zugleich, nicht zugleich die Sehnsucht nach Sich und dies Ersehnte selbst, kurz, dessen Inhalt, sozusagen, nicht die gesamte unendliche Welt w\u00e4re? Gott ist jeder Gedanke und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik, insofern die Natur nicht nur ein einfacher chemischer oder mechanistischer Proze\u00df ist, als den sie der Materialismus hinstellen will, aber es gibt keinen Metatheismus; Metatheismus aber w\u00e4re, das menschliche Subjekt noch einmal in Mensch und Gott zu spalten: wenn diese Spaltung auch noch so fruchtbar sein mag, ja wenn sie auch unzweifelhaft eines der instinktiven Mittel des aus dumpfem Urtrieb zu immer reinerer Sichselbsterfassung, Sichselbsterringung hindr\u00e4ngenden Gottes war und ist, seinen Weg zu sich selbst, ja: Sich Selbst zu finden.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Ihr werdet mich mit Euren blassen Gottesideen nicht \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Der <i>sichselbstsch\u00f6pferische<\/i> Gott ist ein zu gewaltiger Gedanke, und wenn nicht die Philosophen, so werden die K\u00fcnstler mich stets begreifen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis Meiner selbst kommen und zu diesem Leiden geh\u00f6rt, da\u00df, was da leidet, zum allergr\u00f6\u00dften Teil nicht wei\u00df, da\u00df Ich leide, sondern sich als selbst-Leidendes f\u00fchlt, soda\u00df ich, obwohl ich es nur selbst bin, der leidet, doch endlos zugleich leiden <i>mache<\/i>. Und dies alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung willen. Was bleibt Mir da noch \u00fcbrig, womit kann Ich allein diesen furchtbaren und doch notwendigen Weg aufwiegen, wenn nicht durch \u2013 Liebe! Liebe nicht zu Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur ganzen werdenden Welt, zu allem, was \u00fcberhaupt noch Werden hei\u00dft. Die ganze Welt einst wieder an Mein Herz zur\u00fcckzunehmen \u2013 k\u00f6nnte Ich mich ohne diesen Willen zur \u2013 Welt entschlossen haben?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">(Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich mi\u00dfverstanden w\u00fcrde. Wenn man mich f\u00fcr einen gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig gewordenen Subjektivisten n\u00e4hme!)<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle der \u203aewigen Seligkeit\u2039 verspricht, ist folgendes:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wir h\u00f6ren nie auf, als Lebendige wiedergeboren zu werden, wir sind und bleiben Teilnehmer des g\u00f6ttlichen Ringens um sich selbst. Gott schenkt uns (sich) keinen \u203aFrieden\u2039, als den, welchen er sich selbst erringt. Alle h\u00f6chste Stufe der Entwickelung erreicht Gott als Mensch: Der h\u00f6chstentwickelte, am vollkommensten gelungene Mensch ist zugleich ein h\u00f6chster Gl\u00fccksmoment Gottes. Es gilt nicht, diese h\u00f6chsten Gl\u00fccksmomente Gottes auf allen Sternen einfach auszuschalten und als irdische Ungen\u00fcgendheiten zu verd\u00e4chtigen. Sie sind die <i>einzige<\/i> (bewu\u00dfte) <i>Seligkeit<\/i> Gottes, es gibt keine andere, hinterweltliche, au\u00dfer ihr. Sie sind selbst geistweltlich genug. Sie sind Erk\u00e4mpftheiten, Ersiegtheiten, nicht faule Geschenke, sie sind nicht jenes Ausruhen, jener Friede, den die Geplagten und Gemarterten als H\u00f6chstes ersehnen, sondern Seligkeiten der Kraft, des au\u00dferordentlichen Verm\u00f6gens, \u2013 alles irdische Gro\u00dfe und Herrliche ist zugleich Seligkeit Gottes. Es gibt nicht Elende und Gl\u00fcckliche und einen Gott bewu\u00dft oder unbewu\u00dft au\u00dferhalb ihrer, sondern Gott selbst ist elend und gl\u00fccklich, Gott selbst f\u00e4llt und erhebt sich, s\u00fcndigt und \u00fcberwindet sich, Gott selbst ist das Herz, die Seele, der anemos der Welt.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wer das Wunder nicht als das Prim\u00e4re erkennt, leugnet damit die Welt, wie sie ist, und supponiert ihr ein Fabrikspielzeug.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts au\u00dfer ihm. Wenn aber alles Wunder ist, das hei\u00dft durch und durch unbegreiflich, so wei\u00df ich nicht, warum man dieser gro\u00dfen einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, nicht den Namen Gott sollte geben d\u00fcrfen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wirklicher innerster, reinster Glaube <i>kann<\/i> sich nur auf etwas beziehen, wof\u00fcr die Sprache kein anderes Wort hat als absurdum; das Absurde ist sein <i>einziges<\/i> Objekt. Ja, ich m\u00f6chte noch weiter gehen: was geglaubt werden kann, ist schon nicht mehr glaubw\u00fcrdig. Glaube, im innersten Begriff, ist Annahme <i>aller<\/i> M\u00f6glichkeiten mit Ausnahme der einzigen, zu ihm selbst je ein bestimmtes Geglaubtes, das hei\u00dft einen irgendwie bestimmten Inhalt, zu finden. Glaube ist nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken entweihtes Gef\u00fchl Gottes. Glaube ist damit das Gef\u00fchl Gottes von Sich selbst, Glaube <i>an<\/i> Gott ist bereits kein reiner Glaube mehr: das an setzt einen Gedanken, ein Urteil, eine Auswahl voraus. Glaube an Gott ist ebenso wenig Glaube Gottes, wie Gef\u00fchl an Gott Gef\u00fchl Gottes. Daher auch keine Vernunft dem wahren Glauben etwas anhaben kann.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">A. Wo ist Gott &#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">B. Du fragst, wo Gott ist?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">A. Ja.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">B. (auf A. deutend) Dort.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">A. Wo? (dreht sich l\u00e4chelnd um).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">B. Ja, du mu\u00dft dich nicht nur umwenden, du mu\u00dft dich in dich hineinwenden \u2013<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">A. Hineinwenden?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">B. Ja. Siehst du diesen Handschuh?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">A. Ja.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">B. Das ist der Mensch. Und dies (st\u00fclpt den Handschuh um) ist Gott.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Gott ist gewi\u00df nicht Pers\u00f6nlichkeit. Aber er wird sie in jedem Moment. Gott ist: Pers\u00f6nlichkeiten.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Der K\u00f6rper, der \u00dcbersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Da\u00df jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene M\u00f6glichkeit unter unz\u00e4hligen M\u00f6glichkeiten bedeutet, gibt ihm erst den gro\u00dfen Hintergrund. Leib und \u2013 Seele, von hier aus neu zu begreifen. Der Leib, eine Linie der Seele, die Eine wirklich hingezeichnete Linie von Legionen Linien, die ebenfalls jede f\u00fcr sich h\u00e4tte hingezeichnet werden k\u00f6nnen. (Sichtbar, leiblich geworden sein k\u00f6nnten.)<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in best\u00e4ndigem Aufbau und best\u00e4ndiger Zersetzung begriffen. Es gibt f\u00fcr dies Wesen keinen Tod \u2013 um den Preis des individuellen Todes. Das Individuum ist der Preis des Dividuums. Das Individuum ist verg\u00e4nglich, das Dividuum ohne Anfang noch Ende. Das Dividuum teilt sich fortw\u00e4hrend und darum besteht es fortw\u00e4hrend. Es kann nur bestehen, wenn es best\u00e4ndig zu Individuen wird. Im Individuum wird es allein fest, soda\u00df man sagen kann: Die Individualit\u00e4t ist die Pers\u00f6nlichkeit der Dividualit\u00e4t, oder menschlicher: Der Mensch ist die Pers\u00f6nlichkeit Gottes.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn \u2013 Gottes.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Im Anfang war \u2013 Mein Ziel.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Gott hei\u00dft immer nur der j\u00fcngste <i>Begriff<\/i> von Gott. Gott selbst kann es f\u00fcr den Menschen niemals geben \u2013 so wenig es f\u00fcr diese meine Hand diese meine Hand geben kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Dasselbe kann nicht zugleich zweierlei sein. Mensch und Gott ist dasselbe, also kann Gott nicht vom Menschen erkannt werden. Erkannt werden kann nur eins vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich selbst umdrehen und darum wird er nie wissen, wer er eigentlich ist, woher, wohin, warum. Und <i>mit ihm<\/i> wird es Gott nie wissen. Gott ist sich selbst Mysterium. Und w\u00e4re dies schlie\u00dflich nicht das Letzte \u2013 was w\u00e4re dann die Welt? Eine Sphinx, die, gel\u00f6st, in den Abgrund st\u00fcrzen <i>m\u00fc\u00dfte<\/i>. Ihr tiefster Sinn w\u00e4re damit verloren \u2013 das Nieaussinnbare. Sie h\u00e4tte jeden Grund verloren, weiter zu <i>sein<\/i>; denn der Welt Grund ist allein ihr <i>Ziel<\/i>. Wo aber ein Ziel erreicht ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott, hei\u00dft stets unerreichtes Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, da\u00df wir nicht einmal wissen, wo es liegt, wie es hei\u00dft. Aber immer sucht das Universum. Gott ist der Welt Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche nach Sich, nach Seinem Sinn, nach Seinem Grund. Alles ist Weg, Gott ist Weg. Das Kleinste wie das Gr\u00f6\u00dfte, alles ist nur ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist der Sinn selber. Der Weg nach dem Sinn ist der <i>Sinn<\/i> des Wegs.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Alles will zusammensein und darum zusammenkommen. Assoziation ist zuletzt das eine welterkl\u00e4rende Wort. Das andere \u2013 kennen wir nicht. Aber wir w\u00fcrden das mit ihm bezeichnen, was dieses Zusammenkommen von Allem zu Einem verhindert, um daf\u00fcr die Welt der Individualformen aus ihnen zu bilden. Denke dir zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas. Die \u00e4u\u00dfere Hohlkugel ist mit Gas gef\u00fcllt, die innere luftleer. Nun wird die innere zertr\u00fcmmert: Das Gas will blitzschnell den ganzen Raum erf\u00fcllen, als Eines, Untrennbares, Ganzes, Molek\u00fcl an Molek\u00fcl, gleichartig assoziiert. Aber umsonst: denn in der innern Kugel war etwas, das nun folgenden Vorgang zeitigt: Das Gas kommt nicht als Eines, Ungeteiltes zusammen, sondern erst als eine Unzahl von besonderen Zusammenheiten, etwas verhindert es am Zusammensein schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein Zusammensein in Form von Legionen Zusammenseienden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in G\u00e4rung versetzt. Der Pilz bildet die au\u00dferordentlichsten und vielf\u00e4ltigsten Formen. Die Masse strebt ewig zur\u00fcck zu ihrer Einheit, aber der Pilz wuchert fort. Gott sein eigener Pilz.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei, und er ist Gottes Geist, ebenso, wie es auch nur einerlei Leib gibt, n\u00e4mlich: Gottes Leib.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Man bemerkt es bei den irdischen Ereignissen dieser Tage (dem Vesuvausbruch und dem Erdbeben in San Francisco) wieder einmal, wie gering bei den Menschen das Gef\u00fchl ist, das das nat\u00fcrlichste von allen sein sollte: Das Gef\u00fchl des Zusammenhangs mit allem, was ist. Nicht einmal bis Neapel reicht ihr Glaube an die Einheit und Korrespondenz aller Dinge, wie sollten sie den Gedanken fassen, da\u00df das ganze Universum best\u00e4ndig in ihnen ist, wie sie in ihm, ja, da\u00df jener Ausbruch des Vesuv sowohl wie irgend ein untergehender Stern hinter der Milchstra\u00dfe im Grunde nichts anderes als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">S\u00e4tze wie: In der Welt \u00fcberwiegt die Summe des Leidens die Summe des Gl\u00fcckes \u2013 was sind sie im letzten Grunde anderes als Wortspielereien vor dem in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und gar \u00fcbergewaltigen Charakter des Weltalls. Sollte in diesem ganz unfa\u00dfbaren Komplex des Lebens nicht Leid und Lust so untrennbar, so organisch, so durch und durch ineinander verschlungen und verwirkt sein, da\u00df man schon ein Prachtst\u00fcck an Trockenheit und Pedanterie sein mu\u00df, um hier mit einer Wage heranzutreten und seine innere Unsicherheit, was nun wohl richtiger sei, die Welt zu segnen oder zu verdammen, durch ein so durchsichtiges Man\u00f6ver bem\u00e4nteln zu wollen? Der starke Geist wird, nachdem er angefangen hat mit sich ins Reine zu kommen, leidenschaftlich bejahen oder verneinen; ohne vorzusch\u00fctzen, da\u00df er durch \u203asorgf\u00e4ltiges Abw\u00e4gen\u2039 zu solcher Erkenntnis gelangt sei. Ein noch st\u00e4rkerer aber wird es weder beim Ja noch beim Nein aushalten: Er wird bekennen, da\u00df ihm vor einem solchen Schauspiel, wie die Welt, alle Erdenworte versagen und vergehen, da\u00df wohl ein geheimes Ja in seiner Seele lebt, da\u00df er sich aber nicht Weltallsrichter genug erachtet, es auszusprechen, und da\u00df sein oft in ihm aufquellendes Nein zu der Brotkrume Erde, die und deren Erscheinungen er allein kennt, ebensowenig wagen darf, das unversiegbare F\u00fcllhorn seiender und noch m\u00f6glicher Welten zu verw\u00fcnschen. Er wird, wie einer, der seine Worte und Werturteile unerbittlich zu b\u00e4ndigen gelernt hat, zu schweigen versuchen, und wenn man ihn nach seiner Religion fragen wird, so wird er antworten: sie ist Verstummen aus Schrecken, aus Selbstzucht und aus Phantasie.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Ich will den Menschen nicht schiffbr\u00fcchig sehen, aber er sollte dessen bewu\u00dft sein, da\u00df er auf einem Meere f\u00e4hrt.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wir m\u00fcssen uns davor h\u00fcten, ausschlie\u00dflich mit der Menschheit unseres Planeten zu rechnen. Wir m\u00fcssen annehmen, da\u00df jeder m\u00f6gliche Gedanke \u00fcber Gott auch wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel ob in unsern oder in Mars- oder Saturnk\u00f6pfen, ja, da\u00df es sehr wohl Planeten geben kann, auf denen Gott sozusagen leibhaftig im vollkommenen Bewu\u00dftsein seiner selbst lebt. Da\u00df wir als die Phase Gottes, die wir sind, offenbar nur Gott in irgend einer Phase darstellen, nicht zugleich in seiner h\u00f6chsten; wiewohl auch seine h\u00f6chste nur eine \u203aendliche\u2039 sein mag, indem das unendliche \u203aMysterium\u2039 nur im immerw\u00e4hrenden Endlichen unendlich bleiben kann. Gott kann allein leben durch seinen immerw\u00e4hrenden Tod. Gott mu\u00df fortw\u00e4hrend sterben, um fortw\u00e4hrend leben zu k\u00f6nnen. Gott stirbt nie um den Preis fortw\u00e4hrenden Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, und \u00fcberwinden wir es durch das Wort \u203aIch bin\u2039, das Gott in uns spricht. \u203aIch sterbe als du, damit ich als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du, sei also getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich sie als du erkannt zu haben meine).\u2039<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem Baum, in jeder Blume. Ein Keim fiel in einen Grund, ging auf, entwickelte sich zu Pracht und Duft \u2013 und wird, was man so nennt, absterben, wenn er seinen Gang vollendet. Ist Sch\u00f6nheit und Duft einer Rose etwas Geringeres als Sch\u00f6nheit und Duft der gro\u00dfen Erdenblume? Und welkt, wenn die Rose welkt, minder Tragisches dahin, als wenn dieser Erdball einst vergehen wird? \u2013 Wachstum ist alles, das Wort \u203aw\u00e4chst\u2039 vielleicht das letzte m\u00f6gliche Wort. \u2013 Und wie es unendlich viel B\u00e4ume und Blumen gibt, so unendlich viel Welten und Gestirne, keine, keines gleicht dem andern, \u2013 und so w\u00e4re der Paradiesesgarten als Ewigkeitsgarten abermals stabilisiert. Eine Phantasie, gro\u00df genug. Ein Bild f\u00fcr Gott, immerhin unzerrei\u00dfbar von menschlichen Kinderh\u00e4nden. Eine Vorstellung, eine Erahnung, wohl nicht st\u00e4rker, nicht deutlicher als der kaum erhaschte Duft einer von einem Berggipfel in einen Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir Vor\u00fcberfall du auf einer vorspringenden Felskante wie ein blitzartiges Wunder erlebst. Aber doch eben das, und als das, etwas. \u2013<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Der Mensch, der ganz erkannt haben w\u00fcrde, w\u00e4re der wieder geschlossene Ring Gottes.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Der Mensch ist ein an einer Stelle ge\u00f6ffneter Ring. Gott ist der Ring als Eines, Ununterbrochenes. Der Mensch stellt sich dar als dieser Ring, unterbrochen, mit seinen zwei Enden sich wieder zu vereinigen, zu schlie\u00dfen strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender und in sich zur\u00fccklaufender \u2013 aber noch nicht zur\u00fcckgelaufener \u2013 Gott. Der Mensch ist die Offenheit des Rings, der noch nicht wieder zusammengeschmolzene Hingott und Widergott.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">\u203aSo wird sie mich in der Ewigkeit verstehen.\u2039 \u2013 W\u00e4re es nicht furchtbar, wenn der Mensch nur Entwurf Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entw\u00fcrfe als Entwurf endigen m\u00fc\u00dfte, statt weiter und weiter durch alle Ewigkeit ausgef\u00fchrt, weiter gebildet zu werden? Gewi\u00df, der gegenw\u00e4rtige Weltdurchschnitt wird immer Fragmentmosaik sein \u2013 aber es fragt sich, ob einmaliges Fragmentmosaik oder Fragmentmosaik als Fortsetzung und zwar nicht blo\u00df im Ganzen, sondern auch im Einzelnen, Einzelnsten: ob ich also nicht nur Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment meiner Person, als einer gottwerdenden Person, als Gottes im Einzelnen, bin. So vielleicht: Kann Gott als Menschenperson verloren gehen, ist Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein Leib Gottes) \u2013 oder ist Gott, einmal Person geworden, als solche ebenfalls unsterblich, soda\u00df seine Entwickelung nicht nur eine Entwickelung zur Selbstahnung seiner Selbst als Welt, sondern auch eine Entwickelung in jedem Einzelnen zur immer wieder sterblichen Person auf immer wieder h\u00f6herer Stufe w\u00e4re?<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Vor einem Sterbelager.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Vielleicht trifft man sich einmal unter freundlicheren Verh\u00e4ltnissen wieder. Ja, vielleicht haben wir uns auch diesmal schon wiedergetroffen, von fr\u00fcher her, nur, da\u00df wir es nie wissen, da\u00df wir heimliche Zusammenwanderer sind.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit kann nur als Irrtum zur Erscheinung kommen. Alles Daseiende selbst ist Irrtum, aber Gott entwickelt sich, wird (ist) nur dadurch, da\u00df er sich best\u00e4ndig \u203averrennt\u2039, verstrickt, verwickelt, zu Knoten sch\u00fcrzt, da\u00df er sich selbst best\u00e4ndig Stationen schafft. Er w\u00fcrde wie ein Meer ins Unendliche verflie\u00dfen \u2013 wenn er sich nicht fortw\u00e4hrend selbst im Netz gleichsam der Einzelerscheinung finge, diese Netzerscheinung wie als ein bereits Endg\u00fcltiges zu h\u00f6chster relativer Vollkommenheit emportriebe: um, wenn das urspr\u00fcngliche Netz sozusagen v\u00f6llig in sie hineingenommen, nun den Pers\u00f6nlichkeitskern als Eigengewinn davon zur\u00fcckzubehalten, das andere wieder zerfallen zu lassen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt von dir auf den andern. Dich aber sollst du zu vollenden trachten, nicht den andern. Wer sich nach innen wendet in seiner Tiefe, von dem f\u00e4llt Mitleid ab wie ein M\u00fc\u00dfiggang. Er kann niemanden mehr bedauern um seines Leides willen, er k\u00f6nnte ihn h\u00f6chstens um dessentwillen bedauern, da\u00df ihn sein Leid nicht in sich hineintreibt, da\u00df es ihn nicht vertieft. Wer sich und den N\u00e4chsten als Gott erkannt hat, von dem f\u00e4llt Mitleid ab wie ein Geschw\u00e4tz. Er wird den N\u00e4chsten zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches zum Opfer bringen k\u00f6nnen, wenn es das gilt, aber ohne Mitleid; denn mit gro\u00dfem Auge wird er durch sein Leiden hindurch ihn als Sich sehen; in dem aber, was er da sieht, fallen, wie Ekkehart sagt, alle Worte dahin. Da hat Mit-Leiden keinen Sinn und keinen Platz mehr.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe schwerf\u00e4llige K\u00f6rper, als Geist zugleich mit dem Geist aller Epochen unabl\u00e4ssig verkehrend.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die Stickerei dieses Teppichs die Geschichte des Menschen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Z\u00fcnde einen Magnesiumfaden an \u2013 und du hast das Leben des Menschen im blitzschnellen Bild. Leben und sterben sind nur zwei Ausdr\u00fccke f\u00fcr dasselbe. Und unser Ichgef\u00fchl das Gef\u00fchl des hineilenden feurigen Punktes.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Es gibt nur ein Neues: Die N\u00fcance.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Die Welt, eine in sich zur\u00fccklaufende Spirale.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Wir m\u00fcssen sehen, aus den Formen, als die wir erschienen sind, bis zu unserm Ende zu Kugeln zu werden: die Spirale der Ewigkeit hinabzurollen, nicht aber wie ungef\u00fcgte Kl\u00f6tze hinabzurutschen und hinabzupoltern, mu\u00df unser erster Wunsch und letzter Wille sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #d0d9d0;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #d0d9d0;\">Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich. Unwesentlich die M\u00fccke, wesentlich der Mensch; unwesentlich der Mensch, wesentlich die Menschheit; unwesentlich die Menschheit, wesentlich das Universum; unwesentlich das Universum, wesentlich \u2013<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><b>1907<\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Wir m\u00fcssen das Quantitative verabschieden. Gott, ich meine das Unvorstellbare, das wir sind, ist weder gro\u00df noch klein. Alles ist in jedem Augenblicke Gott und jeder \u203aTeil\u2039 in jedem Augenblicke zugleich das Ganze. (Ist denn das Wasser f\u00fcr den Tropfen klein oder gro\u00df? Nein, er ist der Tropfen und das Wasser zugleich. Wasser aber ist weder klein noch gro\u00df und wenn der Tropfen zur\u00fcckblickt auf den Wasserfall, so wird er doch darum nicht sagen k\u00f6nnen: Wasser ist gro\u00df. Und so ist \u203aGott\u2039 auch nicht gr\u00f6\u00dfer da, wo er die \u203aMilchstra\u00dfe\u2039 ist, als da, wo er in einem Menschen im Gras liegt. An sich ist diese Blume hier nichts geringeres als zehntausend Gestirne. Und so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten \u203agro\u00df\u2039 und \u203aklein\u2039, denn \u203adas gibt es alles garnicht\u2039.)<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Ich f\u00fcrchte, \u2013 und dieser unheimliche Gedanke kehrt mir, fast seit ich denken gelernt, immer wieder, \u2013: nicht, da\u00df wir sterben werden, ist zu f\u00fcrchten, sondern da\u00df wir nie sterben werden. Ich empfand dies immer unter folgenden Worten: Ich werde immer da sein. Und wenn ich heute meinem Leib nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht \u2013 mein Freund bin? Nicht als ob etwas, was meine Seele genannt werden k\u00f6nnte, gewandert w\u00e4re, nein, sondern wie wenn ein Etwas in allem Lebendigen immer w\u00e4re und w\u00fc\u00dfte da\u00df es w\u00e4re &#8230; Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz und gar als dieser und mit allen physischen Pr\u00e4missen) in die Welt blickt, in demselben Moment, wo er sein Bewu\u00dftsein verliert? Solange ich in meiner Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite ist vielleicht nichts als wieder das Eine.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Dies Bewu\u00dftsein wenigstens habe ich: mein h\u00f6chster Gedanke hat nichts zu tun mit dem \u00c4u\u00dferlichen meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend etwas getrieben worden sind, als da ist unterdr\u00fcckte Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele, Verzweiflung an sich und der Welt oder \u00e4hnliches. Ich kenne diese Zust\u00e4nde wohl, aber ich w\u00e4re nie vor ihnen zu einem neuen Gottes-Begriff geflohen: wie denn dieser auch weder \u203aheilt\u2039 noch \u203aerl\u00f6st\u2039. Diese Idee ist vielmehr aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann ihre Anf\u00e4nge bis in mein zweites Jahrzehnt zur\u00fcckverfolgen, in dessen Mitte etwa ein ganz spezifisch philosophisches Interesse in mir erwachte. Ihr endliches Zutagetreten h\u00e4ngt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen, das mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit das Micheinsf\u00fchlen mit allem zu einem nat\u00fcrlichen Gef\u00fchl macht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Ebenso hatte ich stets das Gef\u00fchl des Zusammenhangs in so hohem Ma\u00dfe, da\u00df ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese etwa, da\u00df meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze Weltall in Mitleidenschaft ziehen m\u00fcsse.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle Sprache und damit alle Begriffe und Dinge: der Rest ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist \u2013 Gott.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">\u203aGott\u2039 ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels: ziehe alles von dir ab, was abzuziehen ist, und der Rest ist \u2013 Mysterium.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerkl\u00e4rliche sagt aus Menschenmund Gott zu sich.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott selbst sich zum Bewu\u00dftsein gekommen. In Christus erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal sich selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen. Aber freilich: \u203aTausend Jahre sind vor Ihm wie ein Tag.\u2039<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Man emp\u00f6rt sich gegen die Gottheit Christi \u2013 als liege man selbst in Hose und Rock nicht als ein St\u00fcck \u2013 Gottheit herum.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres. Von au\u00dfen, mit fremdem Auge betrachtet, mag es nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen Augen gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben \u2013 Gottes aber angeschaut, wird es sofort unaussprechlich tief und tragisch. Sieh nur irgend einen Menschen daraufhin an, da\u00df er nichts andres ist als Gott, Gott selbst in ureigenster Person \u2013 und die Welt wird sich dir mit einemmal und auf immer verwandeln und du wirst kein Sittengesetz mehr zu befragen brauchen; denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig werden.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: da\u00df den Menschen eines Tages in gr\u00f6\u00dferer und gr\u00f6\u00dferer Anzahl zum Bewu\u00dftsein kommt \u2013 nicht nur nominell wie bisher, sondern faktisch \u2013 da\u00df sie in der Unendlichkeit leben.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie sehen den Himmel, aber noch nicht den RAUM.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich und in der Ewigkeit. (Getr\u00e4umte Zeile.)<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was wie jede andere Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung produziert. Bis heute glaubt die Menschheit noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die G\u00f6tter ihrer Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch den Satz zu widerlegen: Dein Gott ist eine blo\u00dfe Vorstellung von dir. Gewi\u00df ist er das. Erst die Menschheit, welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen, ist irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten k\u00f6nnen, ist das Unvorstellbare, auf das unsre Vorstellungen zur\u00fcckgehen, ist das, was wir f\u00fcr uns als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst (wie wir uns bezeichnen) und alles, was um uns ist (was wir so bezeichnen). Gott ist alles. Wir haben kein andres Wort f\u00fcr Gott als das Wort \u203aalles\u2039. Man kennt und f\u00fchlt Pantheismus schon lange, aber ich wei\u00df nicht, ob je mit diesem \u203aalles\u2039 schon ganz und resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht, f\u00fcr den gibt es kein Entrinnen mehr. Er mu\u00df selbst hinein in dies \u203aalles\u2039 mit jeder Faser seines Leibes und jedem Schatten seiner Gedanken, er mu\u00df selbst zusammenfallen mit Gott, er mu\u00df selbst Gott \u2013 und nicht nur in Gott \u2013 sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">\u203aSein\u2039 (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn Gott sagt: ich bin, so sagt er dies beides nur als Mensch. Als Gott sagt er nichts, \u203aist\u2039 er nicht einmal etwas. Gott ist nicht Gott.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Als Mensch \u203aist\u2039 Gott.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Auch wo Gott \u203asich\u2039 f\u00fchlt, wie im Mystiker, bleibt er noch Mensch.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, da\u00df die Welt unerkl\u00e4rlich sei. Die Folgen dieser bornierten Leugnung, dieser stierm\u00e4\u00dfigen Annahme des Gottmenschenkopfes von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind allzu wertvoll, verinteressieren \u2013 als Wissenschaft \u2013 das Leben in allzu hohem Grade.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Unbewu\u00dfte Stupidit\u00e4t, bewu\u00dfte Verlogenheit \u2013 als Voraussetzung aller Wissenschaft, ja aller geistigen Kultur \u00fcberhaupt: das ist eine groteske Wahrheit Gottes, des Menschen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Auch hier meine Ausf\u00fchrungen, was ich auch versuche, bleiben \u2013 Anthropomorphismus. Diese Feststellung sollte eigentlich der Tod Gottes sein. Der Tod Gottes \u2013 als einer auszuscheidenden Vorstellung. Aber diese Vorstellung war meine letzte, in der ich alle andern begrub. Kein Wort der Erde, das sich mir im Wort \u203aGott\u2039 nicht l\u00f6ste. Andre nennen ihre Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber ist das minder anthropomorph? Nein. Jedes Wort ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach gleich viel wert. \u203aLeben\u2039 ist das Wort einer andern <i>Phantasie<\/i> als \u203aGott\u2039, das ist alles.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur ein \u203aUr\u2013wort\u2039. Dieses Urwort mu\u00df uns gelassen bleiben, wollen wir Menschen bleiben.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Gott w\u00e4re etwas gar Erb\u00e4rmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe begreifen k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Ich frage mich, welche innere N\u00f6tigung liegt meiner Handlungsweise zu Grunde (dr\u00fccken wir es so aus): das Ding an sich Gott zu nennen. Meine aufrichtigste Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist Gottes Sache selbst. Ich bin \u2013 wie ich es ansehen kann \u2013 nur eine Etappe im ungeheuren Heer und Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich nun selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so w\u00e4re damit wohl nicht viel mehr getan, als wenn ein Strudel jenes Baches dort unten die Art seines Gurgelns durch die Daten seines Lokals usw. erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen glaubte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Nun gut. Welche N\u00f6tigung? Die N\u00f6tigung, nicht Halt machen zu brauchen. Die N\u00f6tigung, mich mit allem um mich durch ein <i>pers\u00f6nliches<\/i> Band verbunden f\u00fchlen zu d\u00fcrfen. Wenn diese Tanne da vor mir ein geistreicher Mechanismus ist wie ich, so kann sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichg\u00fcltig, ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus, sie teilt \u2013 ob ich sie nun als <i>Du<\/i> oder Erscheinung bezeichne \u2013 <i>Ein<\/i> Geheimnis mit mir, das Geheimnis des Lebens. Wir sind Br\u00fcder als Erscheinungen, und unser Beider Vater als Dinge.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Ich, als Vater, erf\u00fclle mich erst im Menschen, als mir, dem Sohne; als Sohn erst erfahre ich mich als den Vater.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst \u2013 Erscheinung.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Von mir: die Menschen sind ihm allein K\u00f6pfe Gottes.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Ja, gewi\u00df, es ist vieles am Menschen l\u00e4cherlich und ver\u00e4chtlich. Aber der Mensch ist ja auch nur ein winziger Teil Gottes. Und was w\u00e4re Gott, wenn er nicht irgendwo auch l\u00e4cherlich und ver\u00e4chtlich w\u00e4re. Gott schenkt sich nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen, die meinen, man k\u00f6nne das Eine ohne das Andere haben, ja noch mehr: man d\u00fcrfe es.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die gro\u00dfen Grotesken Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform ist notwendig grotesk.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Man k\u00f6nnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttr\u00f6stungen Gottes.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Nicht, da\u00df gek\u00e4mpft wird, ist das Tragische der Welt. Sie selbst ist das Tragische.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Betrachte den gef\u00fcllten Zuschauerraum eines Theaters. Wie festlich machen ihn die vor Erwartung und Lebenslust gl\u00e4nzenden Augen der Frauen, ihre schneewei\u00dfen Nacken, ihr herrliches Haar \u2013 wie scheinen sie alle zu rufen voll reizender Ungeduld: den Vorhang auf! den Vorhang auf! Wie gern sie leben und leben sehn, wie ganz unverst\u00e4ndlich es ihnen w\u00e4re, wenn nun pl\u00f6tzlich ein Mann aufst\u00fcnde und spr\u00e4che: Nein, nicht den Vorhang auf! nicht auf! Sondern la\u00dft uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen Theaterspiel! Und seine Augen w\u00fcrden sich schlie\u00dfen im \u00dcberma\u00df des Schmerzes. Aber nach einer kurzen Spanne der Starrheit \u2013 was w\u00fcrde geschehen? Mit ihren F\u00e4chern w\u00fcrden sie ihn zu erschlagen drohen und mit hundert beredten Geb\u00e4rden laut oder stumm, l\u00e4chelnd oder schluchzend, die M\u00e4nner rings fragen: Wie? und wir? sind wir nichts? gelten f\u00fcr nichts? Ihr wollt dies starke s\u00fc\u00dfe bunte Leben nicht mehr? Ihr wollt also Uns nicht mehr? Was haben wir euch denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder? O, ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen! Aber ihr sollt uns nicht irre machen. Nicht irre an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht und gesundem Menschenverstand. Nein, die Kom\u00f6die sei noch nicht zu Ende! \u2013 Der Sprecher von vorhin aber w\u00fcrde bei sich denken: Umsonst. Gottes Teufel ist seiner w\u00fcrdig. Er k\u00f6nnte nicht \u00fcberzeugender noch unschuldiger sein. Und f\u00fcrwahr: Heute erkannte ich ihn zum ersten Mal \u2013 und sein triumphierendes Reich, soweit Welt ist.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem Gott immer wieder zu schanden wird, von dem er immer wieder zum Leben verf\u00fchrt wird, vertieft, dem wird die Gr\u00f6\u00dfe und Sch\u00f6nheit des Lebens f\u00fcrder nicht Einwand sein k\u00f6nnen: Denn je unfa\u00dflicher dieser Gott ist, desto unfa\u00dflicher wird auch die Kunst seines Teufels sein m\u00fcssen, desto heiliger wird sie erscheinen m\u00fcssen, desto bejahungsw\u00fcrdiger die Welt f\u00fcr menschliche Urteilskraft.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">\u203aDie Welt\u2039 ist Gottes Weg zu seiner Sch\u00f6nheit. \u00dcberall und immer duftet diese Wunderpflanze \u203aWelt\u2039. Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist ihre Sch\u00f6nheit, ihre \u203aSeele\u2039, \u203aGottes\u2039 \u2013 Seele.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben worden. Wir leben und weben mitten im Paradiese wie je, wir sind selbst Paradies, \u2013 nur seiner unbewu\u00dft, und damit mitten im \u2013 Inferno.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #ffcc00;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ffcc00;\">\u203aAlles was ist, ist vern\u00fcnftig\u2039 \u2013 ganz gewi\u00df. Freilich nicht vom Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X oder des Privatdozenten Y aus; aber sub specie Dei.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\"><b>1908<\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. Was ist der Mensch? Die Trag\u00f6die Gottes.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn sie einer verneint, verneint sie Gott (und damit Sich). Gott sagt weder blo\u00df ja noch blo\u00df nein zu sich, sondern urewig ja <i>und<\/i> nein.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Wo einer keine Augen f\u00fcr sich \u2013 als Mysterium \u2013 hat, da hat auch Gott keine Augen f\u00fcr sich, als Mysterium. Aber als der, als der er Augen f\u00fcr sich hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine Augen f\u00fcr sich hat, und z\u00fcrnt sich, dem andern, aus sich, dem einen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Die Welt k\u00f6nnte so gro\u00df angelegt sein, da\u00df die unaufgel\u00f6ste Dissonanz eines ganzen Planeten als solche mit hineingeh\u00f6rte. Ein schauerlicher, wahnwitziger Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz \u2013 schon allein seine ganz pers\u00f6nliche Dissonanz \u2013 nicht aufgel\u00f6st und sei es auch erst \u2013 nach \u00c4onen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit. Als Gesamtheit aber ist er vielleicht eine Zweiheit von Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit als Welt. Sagst du aber: Die Welt? das w\u00e4re wohl nicht genug, wenn nur <i>das<\/i> Gott w\u00e4re! so frage ich: wei\u00dft du, wo die Welt aufh\u00f6rt, da\u00df du von genug und nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches noch-genug sein oder \u203anicht-genug\u2039?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Das ist gewi\u00df: was auch von Gott, von Gottheit gedacht werden mag, kann auch noch nicht an den Saum des Mantels seines Ernstes r\u00fchren.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen zu einander ist \u2013 wenn die Welt nicht der ewige Weg dieser zwei Seelen ist \u2013 so wei\u00df ich nicht, was Gott und Welt bedeuten.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des MENSCHEN, und der MENSCH nur ein Moment innerhalb Naturae sive Dei.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Es versteht sich mir fast von selbst, da\u00df das, was ich bin, sich irgend einmal seines ganzen Lebens \u2013 in allen seinen Erscheinungsformen \u2013 erinnern wird.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Und es wird nichts sein \u2013 kein Richten, kein Wundern, nur ein Schauen. Aber in diesem Schauen wird Gericht oder Freispruch beschlossen sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Ich und du, einmal gro\u00df und einmal klein geschrieben \u2013 das ist die Weltformel. Ich und Du, und ich und du.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Mu\u00dfte der wahrhaft innerliche Mensch fr\u00fcher mit der Kirche ringen, so mu\u00df er es heute mit der Wissenschaft. Der sich selbst schauende Gott ist immer nur als \u2013 Ketzer m\u00f6glich.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Vielleicht ist nichts von allem Gedachten <i>ganz<\/i> unwahr. Sollte Gott \u00fcber Sich <i>g\u00e4nzlich<\/i> falsch denken <i>k\u00f6nnen<\/i>? Sollte nicht die barbarischste religi\u00f6se Vorstellung ein K\u00f6rnchen Wahrheit enthalten, enthalten <i>m\u00fcssen<\/i>?<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem Andern, \u2013 Formel Gottes, des Individuums. (Hinzuzuf\u00fcgen: zusamt der stillgeglaubten Anwartschaft auf alles Andere.)<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere im Menschen streben, wenn nicht dahin, da\u00df Gott in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das Erkennen kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er mu\u00df aus dieser Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln hervorschreiten, mu\u00df ja sagen und tun wie der Zarathustra Nietzsche&#8217;s, oder nein wie der indische Buddha. Er mu\u00df das Schicksal der \u203aWelt\u2039 an seinem Teile entscheiden; sie soll sein oder sie soll nicht sein. Und doch \u2013.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Frage dich nur bei allem: \u203aH\u00e4tte Christus das getan?\u2039 Das ist genug.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Das ergibt sich aus meiner Lehre, da\u00df nicht nur der Einzelne sondern auch Volk um Volk und endlich die ganze Menschheit \u2013 Pers\u00f6nlichkeit zu werden trachtet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Denn wenn wir \u203aGott\u2039 sind, \u2013 was k\u00f6nnen wir H\u00f6heres aus uns machen, als immer durchseeltere, durchbildetere, vollendetere Pers\u00f6nlichkeit? So wie der einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll, so soll auch ein Volk, eine Menschheit durch und durch \u203akalonkagathon\u2039 werden wollen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk die ganze Erde \u2013 das ist das Ziel.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen aber wird ihn alle f\u00fcnfzig Jahre \u2013 vielleicht \u2013 Einer.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen k\u00f6nnten, wer Christus war, w\u00fcrden sie ihn allesamt als einen Irrsinnigen und Verbrecher verdammen. Ja, so weit weg steht der Mensch, der gesagt hat \u203aIch und der Vater sind eins\u2039 (und nur der johanneische Christus ist f\u00fcr mich Christus, so ausschlie\u00dflich, da\u00df, wenn es ihn nie gegeben haben sollte, er l\u00e4ngst h\u00e4tte \u203aerfunden werden\u2039 m\u00fcssen) von der \u00fcbrigen \u203achristlichen\u2039 Menschheit und insonderheit ihren Theologen, da\u00df er wie der leibhaftige Teufel auf sie wirken w\u00fcrde, h\u00e4tten sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgef\u00fchl bis zum Letzten nachzuf\u00fchlen.<\/span><\/p>\n<p class=\"center\"><span style=\"color: #e4e4ed;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e4e4ed;\">Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins Ged\u00e4chtnis, immer wieder komme ich zu mir selber wie Christus und frage mich: Und Du schl\u00e4fst! Und ich fahre auf und Scham \u00fcbergie\u00dft mich ganz und ich erwache zu mir selbst. Aber nur ein Kleines, so bin ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt mein Selbst an mich heran, r\u00fchrt mir ans Herz, da\u00df ich wie verwundet aufschrecke und zum wievielten Male! das traurige Wort vernehme: Du schl\u00e4fst! Wie \u2013 w\u00e4re mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze geboren, wo das Mittelm\u00e4\u00dfige und das Au\u00dferordentliche zusammensto\u00dfen, ein Mensch, zu gro\u00df, zu reich, zu tief, im Gew\u00f6hnlichen zu verharren und doch zu klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungew\u00f6hnlichen? Mir f\u00e4llt ein Vers aus meinen ersten J\u00fcnglingsjahren ein, jenen Jahren, deren damals noch ganz anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden Schritt nach nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten wenigstens bis zu einem gewissen Grade \u00fcberwand: \u203aIch m\u00f6chte schw\u00e4cher sein und bin es nicht, ich m\u00f6chte st\u00e4rker sein und bin es nicht, und da\u00df ich st\u00e4rker nicht noch schw\u00e4cher bin, als wie ich bin, das ist&#8217;s, was mich zerbricht,\u2039 Und auch das f\u00e4llt mir ein: Wie ich mich fr\u00fcher geha\u00dft habe. Geha\u00dft bis zu bitterster Todfeindschaft, die mir vielleicht nur aus Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein Flehen um Tiefe f\u00e4llt mir ein, das der alte Gott noch h\u00f6ren mu\u00dfte und erf\u00fcllen sollte. Ein Mensch also gemacht aus Edelmetall und taubem Erz, zerspalten in Reichtum und Armut, Verm\u00f6gen und Ohnmacht! Emporfahrend aus seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen und Sch\u00f6pferischen in seine Arme herabzurei\u00dfen, ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und seiner fl\u00fcchtigen Hoheit wieder entschlummernd in den Schlaf des Allt\u00e4glichen, von neuem erwachend nach kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das w\u00e4re ich! Das bin ich?<\/span><\/p>\n<hr size=\"1\" \/>\n<p><a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/morgenst\/stufen\/chap015.html\">&lt;&lt;\u00a0zur\u00fcck<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/morgenst\/stufen\/chap017.html\">weiter\u00a0&gt;&gt;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/morgenst\/stufen\/chap016.html &nbsp; Autoren\u221eWerke\u221eNeu\u221eInformation\u221eShop\u221eLesetips\u221eTextquelle\u221e \u00a0\u00a0 &nbsp; Christian Morgenstern&lt; Stufen Inhalt Christian Morgenstern&lt; &lt;&lt;\u00a0zur\u00fcck\u00a0weiter\u00a0&gt;&gt; Anzeige. 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