{"id":44434,"date":"2020-11-22T15:12:19","date_gmt":"2020-11-22T14:12:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.orgelimstephansdom.at\/?p=44434"},"modified":"2020-11-22T15:12:19","modified_gmt":"2020-11-22T14:12:19","slug":"textfund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/orgelimstephansdom.at\/?p=44434","title":{"rendered":"Textfund \u239e\u239b Alleinsein ist herbe&#x1f98c;"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><span style=\"color: #c7c7af;\">1<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><span style=\"color: #c7c7af;\">Alleinsein ist herbe<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #c7c7af;\">von Jo Conrad\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<h6 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">von \u00a0<span style=\"color: #99cc00;\">https:\/\/bewusst.tv\/category\/spirituell\/ \u00a0<\/span><\/span><\/h6>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Die Strecke war eigentlich nicht neu f\u00fcr mich, aber ich mu\u00dfte mich doch ziemlich konzentrieren, weil, es war mitten in der Nacht und go\u00df volle Kanne. Die Scheibenwischer brachtens auch nicht mehr so; sie verschmierten eher die ganze Angelegenheit, ohne irgendwelche klareren Sichtverh\u00e4ltnisse zu schaffen. Neue Wischerbl\u00e4tter w\u00e4ren nicht verkehrt gewesen. Aber Nachts um zwei welche zu organisieren, ist nicht so einfach. Besonders, wenn man \u00fcber einsame Landstra\u00dfen d\u00fcst, wo sowieso weit und breit kein Mensch ruml\u00e4uft.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Mein vierzehn Jahre alter Taunus namens Murphy, den mir ein Kumpel f\u00fcr f\u00fcnfhundert Flocken, und das Versprechen, ihn gut zu behandeln, vertickt hatte, lief sahnem\u00e4\u00dfig. Nur da\u00df die Reifen etwa so abgefahren waren wie Nina Hagen und so wenig Profil hatten, wie eine Rede von Ronald Reagan.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ist \u00fcbel, zu fahren, wenn die Sicht gleich Null ist. Aber das hielt mich nicht davon ab, knapp unter Lichtgeschwindigkeit durch die Gegend zu brettern. Kann sein, da\u00df das leichtsinnig war, aber es war ja sonst nichts los auf den Stra\u00dfen. Genaugenommen schienen Murphy und ich offenbar die Einzigen zu sein, die sich um diesen Zeit noch in der Botanik rumtrieben.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwie wirkte alles sehr unheimlich. Ich meine, die menschenleeren Stra\u00dfen und die orangefarbenen Stra\u00dfenfunzeln, die an den Kreuzungen standen. Es t\u00f6rnte meine Phantasie unheimlich an, und ich stellte mir vor, da\u00df ich auf irgendeiner anderen Welt w\u00e4re und mit meinem kleinen Raumjet durch einen Ionensturm d\u00fcste, oder so. Wenn es etwas gibt, auf das ich abfahre, dann ist es Science-Fiction.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Etwas von Pink Floyd h\u00e4tte jetzt ganz gut gepa\u00dft, oder auch Schuberts Unvollendete. Aber ich hatte beides nicht auf Band. Deswegen zog ich mir &#8222;The Kick Inside&#8220; rein, was auch ganz gut pa\u00dfte. Diese merkw\u00fcrdigen Klangwelten und Akkordabenteuer, dieser sehns\u00fcchtige Gesang von der alten Kate &#8211; sehr merkw\u00fcrdiges Feeling ergab das alles. Voll unkonkret, aber ziemlich intensiv.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Abgesehen von dieser exotischen Stimmung war ich eher mies drauf; ich war gerade zu Hause abgehauen, weil mein Alter mal wieder auf dem Autorit\u00e4tstrip gewesen war und es reichlich Trouble gegeben hatte. Ich will nicht n\u00e4her auf Details eingehen, aber es war alles reichlich \u00f6de.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dazu kam noch der Dauerfrust meines trostlosen Liebeslebens, und der wurde durch diese einsame Dunkelfahrt auch nicht viel besser. Jedenfalls ging ich, insgesamt betrachtet, ganz sch\u00f6n am Stock &#8211; stimmungsm\u00e4\u00dfig. Andererseits hat so eine Weltuntergangsstimmung auch irgendeinen Reiz. Ich meine, man sp\u00fcrt zumindest, da\u00df man noch lebt, wenn irgendwelche ganz starken Empfindungen einen \u00fcber das normale Gef\u00fchlseinerlei hinausheben und man die Tragik der ganzen Welt fast k\u00f6rperlich zu sp\u00fcren scheint. Zwar hat so eine n\u00e4chtliche Landstra\u00dfe im Grunde nicht mehr Bezug zum Kosmos, als eine Schnecke zum Autofahren, aber das , was ich sp\u00fcrte, war so stark, da\u00df es nicht einfach nur die Landstra\u00dfe sein konnte, die auf mein Brustbein dr\u00fcckte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber dann stand so ein Typ von Anhalter am Gr\u00fcnstreifen, und da es das einzige Wesen war, das im Moment die kosmische Tragik dieser Landstra\u00dfe mit mir teilte, ging ich in den Anker. Vielleicht hatte irgend jemand etwas spitz gekriegt, wie ich drauf war. Andererseits lag es vielleicht auch ganz einfach nur daran, da\u00df um diese Zeit kein Zug mehr ging.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Man mu\u00df ziemlich sinnig bremsen, bei solchem Wetter, wenn man nicht einen doppelten Rittberger auf der Fahrbahn machen will. Es dauerte eine Weile, bis meine Dose auf Null war, und ich mu\u00dfte noch eine Ecke zur\u00fcckfahren. Der Typ kam entgegengelaufen und ich machte die rechte T\u00fcr von innen auf, weil der Griff drau\u00dfen so seine speziellen Mucken hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Nimmst mich \u0301n St\u00fcck mit?&#8220; fragte er.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Nee. Ich habe nur meine Bremsen getestet.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Manchmal habe ich coole Spr\u00fcche drauf. Besonders bei Trampern, die fragen, ob man sie mitnimmt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er fa\u00dfte das jedenfalls korrekt auf und stieg ein, nachdem er kurz gelacht und mich dabei ganz nett angesehen hatte. Das war etwas entschieden Positives in dieser ganzen Trostlosigkeit. Er hatte so dunkle Knopfaugen, die tierisch aussahen. Er schnaufte gewaltig und aus seinen nassen Haaren tropfte es. Er war grob gepeilt etwa mein Jahrgang und sah nicht schlecht aus. Allerdings beschlugen die Scheiben wie wild, seit er an Bord war. Ich schaltete zwar das Gebl\u00e4se von Murphy an, was aber auch Banane war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Schon lange gewartet?&#8220; fragte ich, haupts\u00e4chlich, um \u00fcberhaupt etwas zu sagen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Geht so. Ich wollte gerade zur\u00fcckschwimmen.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich mu\u00dfte etwas lachen und fand, da\u00df er ganz gut drauf war, wenn man Zeit und Witterungsverh\u00e4ltnisse unserer Unterhaltung ber\u00fccksichtigte. Obwohl &#8211; Unterhaltung war \u00fcbertrieben, denn sie war damit auch schon vorbei. Er schnaufte nur noch und in der Kiste verbreitete sich der Geruch von nassen Haaren.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Null Ahnung, ob er auf die Musik von Kate Bush stand, aber ich konnte mich zu nichts anderem entschlie\u00dfen, obwohl ich etwas popul\u00e4reres h\u00e4tte abspulen sollen.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;So sp\u00e4t noch unterwegs?&#8220; fragte ich, weil es schade gewesen w\u00e4re, wenn wir uns die ganze Zeit nur ange\u00f6det h\u00e4tten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Naja. Ich war noch auf &#8217;ner Fete und um diese Zeit l\u00e4uft nicht mehr viel ab &#8211; bundesbahnm\u00e4\u00dfig.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Darauf fiel mir nichts anderes ein, als ein knappes &#8222;Stimmt!&#8220; und die Frage &#8222;Wo mu\u00dft&#8217;n hin&#8220;, halb aus Neugier und halb, um das Gespr\u00e4ch in Gang zu halten.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte den Eindruck, da\u00df er mich \u00fcberrascht ansah, obwohl das bei dem Licht schwer auszumachen war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Zur Kaserne.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das passierte mir nicht zum erstenmal. Ich meine, da\u00df die Leute denken, ich w\u00e4re auch beim Bund, weil ich meine Haare ziemlich kurz trage. Ich habe aber auch keine Triebe, mir &#8217;ne Wahnsinnsmatte stehen zu lassen, nur damit man mir ansieht, da\u00df ich nicht beim Bund bin.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Wieso? Wo mu\u00dft Du denn hin?&#8220; fragte er, immer noch etwas \u00fcberrascht.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Hoffentlich hatte er nichts dagegen, da\u00df ich bei der Konkurrenz war. Schlie\u00dflich war er im Augenblick der Einzige, der mich von meinen Frustgef\u00fchlen abhielt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Zu den Anstalten,&#8220; sagte ich deshalb nur kurz, worauf er nickte und weiter durch die Windschutzscheibe peilte. &#8222;Zivildienst?&#8220; hakte er dann noch mal nach, worauf ich wieder nur ein &#8222;Stimmt!&#8220; ablie\u00df.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und, wie ist der Job so? Sicher auch nicht ganz einfach?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ooch. Man gew\u00f6hnt sich ja an vieles. Ist zumindest als Lebenserfahrung nicht \u00fcbel.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Kann ich mir vorstellen.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Mehr reizte ihn das Thema scheinbar nicht, weil er eine Zeitlang nichts mehr sagte und ich auch keinen Bock hatte, ihm etwas zu erz\u00e4hlen, was ihn nicht interessierte. Au\u00dferdem, wenn man zu tief in die Sache einstieg, konnte es leicht zu Meinungsverschiedenheiten kommen. Reibungspunkte gab es sicher so viele, wie zwischen einer Sandburg und einem Kinderpopo. &#8222;Und wie ist das beim Bund so?&#8220; fragte ich ihn nach einer Weile, weil es ein ungutes Gef\u00fchl ist, wenn zwei so unterschiedliche Sachen im Raum stehen und keiner sagt was. Ich bin da sensibel. Besonders bei Leuten, die ich ganz nett finde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Naja, wenn man erst mal die Grundausbildung hinter sich hat, schiebt man &#8217;ne ruhige Kugel. Ich hab&#8216; mich f\u00fcr zwei Jahre verpflichtet, weil&#8217;s da mehr Kohle gibt. Sonst fahr ich da auch nicht so drauf ab, aber was soll&#8217;s.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war ganz nett, da\u00df er mich nicht im Regen stehen lie\u00df und so eine Art Br\u00fccke baute. Auf einmal w\u00e4re ich ganz gerne noch mit ihm irgendwohin gefahren, um ein Bier mit ihm zu trinken, oder so. Aber erstens war um diese Zeit sowieso alles tot und zweitens traute ich mich nicht, ihn zu fragen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich beschr\u00e4nkte mich also darauf, einen kleinen Umweg f\u00fcr ihn zu fahren und ihn direkt vorm Kasernentor rauszulassen. Er verabschiedete sich mit einem Wahnsinnsl\u00e4cheln aus seinen braunen Knopfaugen und knallte die T\u00fcr zu. Es tat mir fast ein bi\u00dfchen weh, als er &#8217;ne Biege machte, weil er wirklich nett gewesen war und es frustrierend war, nun wieder alleine zu sein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich sah noch zu, wie er auf das Tor zulief, dem Wachhabenden seine Hundemarke zeigte und wegen des Regens ziemlich schnell reingelassen wurde. Er drehte sich noch mal kurz um und winkte. Ich erwiderte die Verabschiedung mit der Lichthupe und fand es schade, da\u00df ich ihn nicht n\u00e4her kannte. Er war wirklich eine dufte Type, wenn man es n\u00fcchtern betrachtete.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann war ich wieder alleine mit Kate Bush und meinem Frust. Sie besang &#8222;Old England&#8220; und ich wendete meine Badewanne, um in Richtung Anstalten zu d\u00fcsen. Teufel! Manchmal ist man so einsam, da\u00df es sogar weh tut, wenn ein Anhalter hinter einem Kasernentor verschwindet.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war nicht mehr sehr weit bis zum Gephardshof, wie das Gel\u00e4nde hie\u00df, wo ich wohnte. \u00dcber die<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Eisenbahnbr\u00fccke, den Innenstadtring links lassend und dann noch ein paar hundert Meter. Ich stellte Murphy auf dem ungepflasterten Parkplatz ab, der voller Pf\u00fctzen war und blieb noch eine Weile sitzen, weil die Musik so sch\u00f6n war, da\u00df es Frevel gewesen w\u00e4re, sie mittendrin abzuschalten, und weil es keine erfreuliche Aussicht war, bei dem Wetter auszusteigen. Ich hatte zwar eine rote Regenjacke mit, die unheimlich sportiv aussieht, besonders, wenn es nicht regnet, aber das half auch nicht viel bei kleinen Wiederauff\u00fchrungen der Sintflut.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann hatte ich mich \u00fcberwunden, auszusteigen und lief in Rekordzeit zu der alten Bude, in der ich wohnte und holte mir nasse Turnschuhe.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich sah kaum was, obwohl ich auch nicht viel verpa\u00dfte. Voll der tr\u00fcbselige Anblick, der Gephardshof mit seiner schlappen Wegebeleuchtung und den alten Holzbaracken, in denen die Stationen sind. Irgendwie erinnerten mich die immer an Konzentrationslager, rein vom \u00c4u\u00dferlichen. Jedenfalls war das mein erster Eindruck gewesen, als ich vor sechzehn Monaten hier aufgekreuzt war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Mich \u00fcberkamen die merkw\u00fcrdigsten Gedanken, als ich so \u00fcber das n\u00e4chtliche Gehege h\u00fcpfte. Ich hatte zwar eine ganz sch\u00f6n lange Zeit hier abgerissen und mich voll an die Behinderten gew\u00f6hnt. Aber in dieser Nacht lungerten doch einige unheimliche Vorstellungen in meiner Birne rum. Grausame und unmenschliche Vorstellungen von Versuchen mit Behinderten w\u00e4hrend der Nazizeit und andere unkonkrete Dinge.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Andererseits bin ich ein mehr sachlicher Typ, und ich verdr\u00e4ngte diese vagen Ausschweifungen meines Unterbewu\u00dftseins wieder dahin, wo sie hergekommen waren und konzentrierte mich wieder mehr auf die Pf\u00fctzenausweichman\u00f6ver.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Meine Bude lag im ersten Stock, wo von einem langen, kahlen und linoliumbelegten Flur die einzelnen Zimmer abgingen. Es war vollkommen ruhig hier oben. Vermutlich waren alle am Ratzen, oder an ihren freien Tagen zu<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Hause.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich schl\u00fcsselte meine T\u00fcr auf und nahm das Namensschild ab und diese Scheibe, auf der man mit einem drehbaren Pfeil einstellen konnte, wo man sich gerade rumtrieb. Auf Station, Hier, Zu Hause, bei Freunden, in Bremen, im Suff, oder wei\u00df der Henker, wo. Die Dinger waren jetzt \u00fcberfl\u00fcssig, weil ich mit dem Job so gut wie durch war. \u00fcbermorgen noch einmal Fr\u00fchdienst und dann war Sense.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich machte das Licht in der Bude an und die T\u00fcr hinter mir zu. War nicht \u00fcbel, der Raum. Ziemlich gro\u00df und hoch, naja, so, wie man fr\u00fcher gebaut hatte. War wohl im Krieg mal als Krankenzimmer verwendet worden. Jedenfalls waren alle W\u00e4nde wei\u00df, bis auf eine, die einen blassen Gelbton auftrug.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">An der Decke hing eine nackte Gl\u00fchlampe. Es hatte zwar mal einen Lampenschirm gegeben, aber der war so spie\u00dfig gewesen, da\u00df ich ihn schon an meinem ersten Tag weggeworfen hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">An der einen Wand war das Waschbecken, darunter ein Eimer, in den das Wasser lief, wenn man sich hinter den Ohren wusch. Der Abflu\u00df war ewig verstopft gewesen und nach mehreren, nur vor\u00fcbergehend wirksamen Reparaturversuchen des Hausmeisters hatte ich schlie\u00dflich aufgegeben, ihn zu rufen und eben diese Direktverbindung zum Eimer eingebaut. Der mu\u00dfte dann alle paar Tage im Klo ausgeleert werden. Stank zwar tierisch, aber was soll&#8217;s? Ich mu\u00dfte an den Hausmeister denken, der ganz cool drauf war, wenn man es von der spa\u00dfigen Seite sah. Er rannte immer mit einem Zigarrenstummel im Kopf durch das Gehege und war m\u00e4chtig stolz darauf, seinerzeit hier auf dem Gephardshof so was wie Elektrizit\u00e4t eingef\u00fchrt zu haben. Seitdem hatte sich allerdings auf dem Gebiet nicht viel getan und immer, wenn irgendwas hin\u00fcber war, erz\u00e4hlte er einem, da\u00df die Leute ohne ihn hier immer noch mit Petroleumlampen durch die Gegend laufen w\u00fcrden.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich lie\u00df mich auf die Matratze fallen und bedauerte den Umstand, da\u00df ich hier nicht mehr wohnen konnte. Es war meine erste eigene Bude gewesen, wo sich niemand die Hirnwindungen deswegen verbog, was ich so machte. Bald w\u00fcrde ich wieder in dem kleinen Loch neben dem Schlafzimmer meiner Eltern wohnen m\u00fcssen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Hier hatte ich wesentlich angenehmere Nachbarn. Haupts\u00e4chlich Zivis, wie ich, wohnten hier oben, und die waren zum gr\u00f6\u00dften Teil sehr in Ordnung. Manchmal standen alle T\u00fcren offen und man konnte einfach zu jemandem gehen, ohne etwas Bestimmtes auf der Pfanne haben zu m\u00fcssen. Man konnte zusammen Tee trinken, Musik h\u00f6ren, etwas erz\u00e4hlen oder auch einfach nur zusammen rumsitzen. Schade, da\u00df nicht alle Menschen so locker drauf sind. Das Leben k\u00f6nnte sonst wesentlich unkomplizierter sein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf einmal begann in der Station schr\u00e4g unter meinem Fenster einer der Patienten, zu schreien. Ziemlich laut und aggressiv. Um diese Zeit war das schon nervend, obwohl man hier daran gew\u00f6hnt war. Ich konnte mir ziemlich genau vorstellen, wie die Nachtwache da unten jetzt am Wirbeln war und voll in Panik versuchte, den Typ zu beruhigen. Der k\u00fcmmerte sich offenbar aber nicht viel darum und l\u00e4rmte weiter.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">\u00fcble Angelegenheit, so was. Denn von so einem Krach werden nat\u00fcrlich auch die anderen Jungens auf der Station wach und dann breitet sich die totale Unruhe aus.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich habe auch mal Nachtwache schieben m\u00fcssen. Zivis d\u00fcrfen das zwar eigentlich nicht, aber solange nichts passierte, k\u00fcmmerte sich kein Schwanz darum.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Im Nachtwachenbuch w\u00fcrde morgen vermutlich stehen; &#8222;Patient soundso gegen drei Uhr unruhig. Chloralhydrat verabreicht. Ansonsten ruhiger Nachtverlauf.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jede Nacht mu\u00dfte irgendwas ins Nachtwachenbuch eingetragen werden, und die meisten Pfleger hatten nichts anderes drauf, als ,ruhiger Nachtverlauf.&#8216; Allerdings ist es auch nicht so einfach, sich etwas anderes daf\u00fcr auszudenken. Ich hatte es mit ,Alles roger&#8216; oder ,Nichts Besonderes&#8216; versucht, aber am Dritten Abend fiel mir auch schon nichts Originelles mehr ein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls dauerte es da unten ziemlich lange, bis die Nachtwache die Sache im Griff hatte und der ruhige Nachtverlauf wieder hergestellt war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Scheinbar war ich nicht der Einzige, der um diese Zeit mies drauf war. Null Ahnung, was der Junge da unten f\u00fcr Trouble hatte und wahrscheinlich waren seine Probleme auch nicht so differenziert, wie meine. Aber eigentlich gab es keinen Grund, mein Leiden \u00fcber seins zu stellen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwie war alles trostlos. Jedenfalls h\u00e4tte ich auch schreien k\u00f6nnen, wenn das etwas gebracht h\u00e4tte. Vielleicht w\u00e4re dann jemand gekommen, aber vermutlich nicht, um mich liebzuhalten. Das war im Grunde das, was mir am meisten fehlte; jemanden zu haben, zu dem man mal z\u00e4rtlich sein konnte. Jedenfalls ist es herbe, dauernd alleine sein zu m\u00fcssen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war voll schlapp und hatte \u00fcberhaupt keine Triebe, noch mal aufzustehen, um meine Klamotten auszuziehen. Aber es war ja auch niemand da, der sich dar\u00fcber aufregen konnte, da\u00df ich mit &#8217;ner Tapete im Bett lag, also zog ich nur meine Leisetreter aus und deckte mich zu.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Eigentlich h\u00e4tte ich schon lange m\u00fcde sein m\u00fcssen, aber mein Gehirn machte mal wieder \u00dcberstunden und es lief nichts ab mit einratzen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Der Regen lief immer noch die Fensterscheibe hinunter und manchmal knackte es leise in der Heizung. Eine einsame Fliege d\u00fcste um die Funzel und zog ab und zu eine gr\u00f6\u00dfere Bahn durchs ganze Zimmer. Eigentlich h\u00e4tte ich mich \u00fcber sie freuen m\u00fcssen, da ich mit ihr immerhin nicht ganz so alleine war, aber sie nervte mich mit der Zeit doch. Ich versuchte ein paarmal, sie mit einem gezielten Schlag zu killen, aber sie war flugtechnisch tierisch gut drauf. Dann versuchte ich es mit einem Trick, da ich wohl keine Ruhe haben w\u00fcrde, bis ich das Problem erledigt hatte. Ich machte die Zimmert\u00fcr auf und das Licht im Flur an. Fliegen stehen unheimlich auf Beleuchtung und<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 4\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">tats\u00e4chlich dauerte es nicht lange, bis sie in den Flur ged\u00fcst war. Dann konnte ich die T\u00fcr wieder zu machen. Dann zog ich auch gleich die nassen Klamotten aus, machte die Funzel aus und legte mich in die Kiste.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich mu\u00dfte an die Zeit denken, die ich hier verbracht hatte und die nun bald vorbei war. Es war keine schlechte Zeit, n\u00fcchtern betrachtet. Ich hatte eine ganze Menge Erfahrungen gemacht, hier. Keine, die sich so ohne Weiteres auflisten lassen, aber manchmal mu\u00dfte man hier mit ziemlich harten Situationen fertig werden und das \u00fcbte nicht schlecht. Ich meine, man kann mich inzwischen nur noch schwer aus der Fassung bringen, weil ich ziemlich extreme Sachen erlebt hatte, hier.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Die Leute denken immer, da\u00df man von so einem Job mit Behinderten leicht Alptr\u00e4ume und so was bekommt. Aber da hatte ich eigentlich keine Sorgen mit.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Klar, als ich hier angefangen hatte, dachte ich schon, das w\u00e4re der totale Ernstfall. Mir war jedenfalls ziemlich ungut zumute, als mich der Stationsleiter zum ersten Mal durch den Laden gef\u00fchrt hatte. Einige von den Typen kamen gleich an und wollten mich umarmen. Ist ,n witziges Feeling, wenn man es nicht gew\u00f6hnt ist. Andere waren voll scheu und dr\u00fcckten sich auf dem trostlosen, kahlen Korridor herum. Der war ziemlich lang und bestand aus einem r\u00f6tlichen Linoliumfu\u00dfboden, Holzw\u00e4nden und ein paar auf Spanplatten geklebten Kalenderfotos zur Verzierung. \u00dcberall hockten oder liefen irgendwelche wirr aussehende Typen herum, einige apathisch, andere hektisch und nerv\u00f6s, oder was wei\u00df ich. Aus einem Lautsprecher qu\u00e4kte st\u00e4ndig ein mieses Radioprogramm und \u00fcberall muffte es nach Urin, Schwei\u00df und anderen Sachen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ist herbe, von einem Haufen solcher Gestalten umgeben zu sein, wenn man \u00fcberhaupt nicht wei\u00df, wie man sich denen gegen\u00fcber verhalten soll.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sp\u00e4ter habe ich mich dann ziemlich schnell dran gew\u00f6hnt, auch daran, zum Beispiel die Gemeinschaftstoilette durchzufeudeln, w\u00e4hrend sie gerade auf vier P\u00f6tten lief, oder so. Die Leute machten sich nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nichts daraus, weil sie nichts anderes kannten. Die meisten waren hier aufgewachsen und die meisten w\u00fcrden hier wohl auch den L\u00f6ffel abgeben. Ist &#8217;ne ziemlich harte Vorstellung, wenn man es n\u00fcchtern betrachtet.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Die Kollegen waren auch alle ganz gut drauf. Ich meine, ich hatte erst schon bef\u00fcrchtet, da\u00df so ein Job auf Dauer doch abf\u00e4rben w\u00fcrde, aber eigentlich waren es alles ganz normale Leute, die sich in der Kaffeepause \u00fcber ganz normale Dinge unterhielten, wie Autos, die Arbeit, , Fernsehen oder Beischlaf.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war alles ganz locker, wenn man sich erst mal dran gew\u00f6hnt hatte. Beziehungsweise wenn man etwas abgestumpft war, denn ich glaube, ohne das k\u00f6nnte man das gar nicht aushalten. Ist wohl &#8217;ne Schutzfunktion, da\u00df man auf einmal v\u00f6llig unbeteiligt wird, auch wenn es um Zust\u00e4nde geht, \u00fcber die die meisten sich aufregen w\u00fcrden. Dann mu\u00dfte ich an die Story mit den Kitteln denken. Die waren n\u00e4mlich gerade dabei, die wei\u00dfen Kittel f\u00fcr das Personal wieder einzuf\u00fchren. Angeblich aus hygienischen Gr\u00fcnden. Dabei war es, weil der neue Chefarzt jemandem mal doppelte Portion Valium verordnet hatte und es ziemlich peinlich f\u00fcr ihn war, als er bemerkte, da\u00df es ein Pfleger gewesen war. Naja, und seitdem wurde das mit dem Pfleger-Look wieder Vorschrift. Allerdings brauchte ich meinen Charakter nicht zu festigen, indem ich mich weigerte, in so &#8217;ner Kluft Dienst zu schieben, da ich sowieso aufh\u00f6rte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann fing ich an, irgendwelchen zusammenhanglosen Schwachsinn zu denken, nur, da\u00df mir das \u00fcberhaupt nicht auffiel. Aber das geht einem wohl immer so, wenn man einschl\u00e4ft. Man mu\u00df nur mal versuchen, seine letzten Gedanken zu analysieren, wenn man kurz vor dem Einschlafen wieder aufwacht. Ist schon witzig, was f\u00fcr ein Quatsch auf einmal scheinbar einen Sinn ergibt. Jedenfalls wachte ich nicht mehr auf, um meine letzten Gedanken aufzurollen, sondern schlief ziemlich tief und fest bis zum n\u00e4chsten Morgen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">2<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Die Patienten, die morgens zur Besch\u00e4ftigungstherapie gehen, machen einen ganz sch\u00f6nen Krach. Jedenfalls genug, um Leute, die eigentlich noch eine Runde knacken k\u00f6nnen, wach zu machen. Es war ein ziemliches Durcheinander unartikulierter Laute und das Rufen der Pfleger, wenn einer zu weit voraus lief oder zur\u00fcckblieb. Einer von den Typen sang jeden Morgen mit einem Wahnsinnssopran irgendein altes Volkslied. Wei\u00df der Geier, woher er es hatte, jedenfalls erzeugte es auf einmal so eine fremdartige Stimmung in mir. So, als wenn ich auf einem Planeten war, der ein gutes Dutzend Lichtjahre entfernt war. Es war, wie der Gesang von irgendwelchen Qrks oder Muhans, was immer das f\u00fcr Wesen waren. Jedenfalls fahr ich unheimlich ab, auf solche Stimmungen, und ich lag eine ganze Weile nur so da und versuchte, dieses Feeling aufrechtzuerhalten.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte keinen Grund, aufzustehen, weil im Grunde \u00fcberhaupt nichts anlag. Und einschlafen konnte ich auch nicht mehr. Mit der Zeit entwickelte ich aber einen animalischen Kohldampf, der irgendwann st\u00e4rker wurde, als meine Schlappheit. Ich stand also tr\u00e4ge auf, um mir was E\u00dfbares in den Kopf zu stecken. Wir Zivis bekamen immer so eine Kiste voller Brot, Milch, Butter, Wurst, K\u00e4se und was wei\u00df ich. Nur war die Milch nat\u00fcrlich sauer und der Pest sonstwie gealtert, so da\u00df ich fast alles wegwerfen mu\u00dfte. Also zog ich mich an und tigerte zum Supermarkt, um mir was zum Bei\u00dfen zu holen. Haupts\u00e4chlich ern\u00e4hre ich mich von Haferflocken und Yoghurt. Also packte ich massenhaft von dem Zeug in den Einkaufswagen. Die Kassiererin war voll unbeteiligt, als sie die Preise eintippte. Ich l\u00f6hnte und nahm mir einen T\u00fcrkenkoffer, um die ganzen Sachen mitzukriegen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Gephardshof mu\u00dfte mir dann ausgerechnet der unangenehmste Typ aus dem ganzen Laden \u00fcber den Weg<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 5\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">laufen. Schon aus Zwanzig Metern Entfernung machte er mich an;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Guten Morgen, Bruder Schr\u00f6der. Waren Sie einkaufen?&#8220; Die Frage war mindestens ebenso \u00fcberfl\u00fcssig, wie sein dazugeh\u00f6riges Grinsen, und die Anrede ,Bruder&#8220;, die fr\u00fcher \u00fcblich war. Aber einige von den Behinderten peilten das nie, da\u00df das Cut war. Ich hatte keinen gro\u00dfen Bock auf eine Unterhaltung mit dem Typ, brummte nur eine Art &#8222;Ja&#8220;. Als ich an ihm vorbeigegangen war, boxte er mich von hinten in den R\u00fccken. Ich drehte mich um und er machte blitzschnell &#8217;ne Biege. Scheinbar fand es das unheimlich spa\u00dfig, weil er das Ganze noch ein paarmal wiederholte. Kann sein, da\u00df das schon ein fortgeschrittenes Stadium von Humor ist, f\u00fcr einen geistig Behinderten, aber mich \u00f6dete es tierisch an, weil ich auch keine Triebe hatte, ihm mit einer Plastikt\u00fcte in der Hand hinter her zu laufen. &#8222;Brauchen Sie nicht mehr zu arbeiten, Bruder?&#8220; fragte er. Er hatte wohl etwas spitz gekriegt, da\u00df meine Zeit hier um war. Ich hatte aber auch keinen Bock, ihm meinen Dienstplan vorzulesen und sagte gar nichts.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das hielt ihn aber auch nicht davon ab, mir den ganzen Weg nachzulaufen. Das Gel\u00e4nde war so \u00e4hnlich, wie ein Park, mit verschlungenen Wegen und Parkb\u00e4nken, ab und zu, auf denen einige kuriose Gestalten rumhingen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann kam uns ein M\u00e4dchen entgegen, das einen Karren vor sich herschob, in dem ein Gnom lag, der dauernd irgendwelche Bruchst\u00fccke von Rilke-Versen von sich gab. Das war schon irre, irgendwie.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Einige von den Behinderten hatten wirklich hei\u00dfe Sachen drauf. Einer konnte einem zum Beispiel genau sagen, auf was f\u00fcr einem Wochentag man geboren war, wenn man ihm das Datum sagte. Und er hatte alle m\u00f6glichen Daten von Ereignissen im Kopf, die wirklich alle stimmten. Manchmal schnallt man voll ab, wenn man so was mitkriegt. Als ich endlich den Eingang von meiner Bude erreicht hatte, rief mir der Typ noch ein &#8222;Auf Wiedersehen, Bruder.&#8220; hinterher und gesellte sich dann wieder zu den anderen. Zum Gl\u00fcck wu\u00dfte er genau, da\u00df er nicht in die Personalwohnungen durfte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Oben zog ich mir erst mal was zu Essen rein, und dann legte ich mich wieder auf meine Matratze, weil ich \u00fcberhaupt keine Idee hatte, was ich machen k\u00f6nnte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich lag also nur so da und lie\u00df mir die Ger\u00e4usche ins Ohr laufen. Den Stimmensalat der Behinderten, das Zwitschern der V\u00f6gel und so. Dann schien es anzufangen, zu regnen und das fand ich schon wieder ganz gem\u00fctlich. Ich meine, da\u00df ich jetzt hier liegen konnte. Ich vermi\u00dfte meine Stereoanlage, weil es nicht schlecht gewesen w\u00e4re, sich jetzt Terje Rhypdals &#8222;Whenever you seem to be far away&#8220; reinzuziehen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Andererseits war es auch nicht verkehrt, nur mal so auf den Sound der Natur zu achten, zumal der ganze Aufwand mit Lautsprechern und so entfiel.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war ziemlich verh\u00e4ngnisvoll, nur so dazuliegen und die Gedanken treiben zu lassen, aber ich konnte mich zu nichts anderem entschlie\u00dfen und deswegen kam ich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu dem unausweichlichen Thema, das mich meistens besch\u00e4ftigte, wenn nichts anderes anlag. Ich meine mein schlappes Liebesleben.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Liebe ist &#8222;n gro\u00dfes Wort, zugegeben. Und niemand wei\u00df so genau, was das eigentlich exakt ist und meistens wird es auch f\u00fcr alles m\u00f6gliche andere verwendet. Aber was auch immer es bedeutete, es lief nichts ab auf dem Gebiet. Dabei bin ich schon ungef\u00e4hr dreiundzwanzig Lenze auf diesem Planeten und damit schon einige Jahre in einem Alter, wo man sich mehr f\u00fcr seine Mitmenschen interessiert, als sandkastenm\u00e4\u00dfig. Ich meine, wer von den f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Jungens heutzutage noch keine Mieze hat, der mu\u00df schon reichlich bescheuert sein. Oder so wie ich. Das Problem bei mir ist n\u00e4mlich, da\u00df ich mir nichts aus M\u00e4dchen mache. Ich wei\u00df, da\u00df das &#8222;n ganz sch\u00f6ner Hammer ist und ziemlich peinlich, dar\u00fcber zu reden, aber es ist nun mal Sache, da\u00df ich viel mehr auf Jungens abfahre.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Was die M\u00e4dchen betrifft &#8211; ich habe nichts gegen sie, aber sie lassen mich eben vollkommen kalt. Das einzige, was ich mit denen zu tun habe, ist, da\u00df ich sie darum beneide, da\u00df sie es viel einfacher haben, einen h\u00fcbschen Jungen anzumachen, als ich zum Beispiel.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Bei mir lief da absolut nichts ab, obwohl ich mir nichts mehr w\u00fcnschte, als einen Freund zu haben, der lieb, z\u00e4rtlich und sch\u00f6n war. Aber es ist gar nicht so einfach, so jemanden kennenzulernen, obwohl es massenhaft h\u00fcbsche Typen gibt. Nur, wie soll man sie kennenlernen? Immerhin gab es eine ganze Menge Vorurteile gegen Leute, wie mich, und da ist es gar nicht so einfach, ganz locker jemanden anzumachen, der einem gef\u00e4llt. Zuerst mal mu\u00df man selber damit fertig werden, da\u00df man anders ist, auf dem Gebiet. Und ich hatte die gr\u00f6\u00dfte Zeit meiner Jugend wohl damit verbracht, mich selber zu akzeptieren, so wie ich war. Vor der Pubert\u00e4t war das alles nicht so schlimm, weil man als Kind solche Sachen ganz locker sieht und nicht sexuell. Aber als ich dann nach und nach dahinter kam, da\u00df alle anderen Jungens immer den M\u00e4dchen nachpfiffen und ich damit \u00fcberhaupt nichts anfangen konnte, sondern anfing, bei bestimmten Typen kribbelig zu werden, da war dann auf einmal alles nicht mehr so einfach. Und mit der Zeit bekam ich auch mit, wie meine Klassenkameraden in der Schule Leute, wie mich, ansahen und es war ziemlich herbe, da\u00df ich einer von denen war, die verachtet wurden oder \u00fcber die man sich lustig machte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Von da an fing ich an, mich zu verstecken, mich zu tarnen und ich hatte einen tierischen Horror davor, da\u00df jemand dahinter k\u00e4me, da\u00df ich so war. Jedenfalls ist es nicht so einfach, damit fertig zu werden. Deswegen hat sich auch in meiner gesamten Jugend \u00fcberhaupt nichts abgespielt, weder mit Liebe, oder auch einfach nur mit Sex. Aber die Triebe waren nat\u00fcrlich da. Einerseits die sexuellen, die man noch am leichtesten abreagieren konnte, aber auch der Wunsch, jemanden einfach nur liebzuhalten, zu streicheln, oder was wei\u00df ich. Nur, wie sollte man da ran kommen, wenn niemand dahinter kommen durfte, da\u00df man drauf stand? Irgendwie mu\u00dfte man da eine M\u00f6glichkeit finden und als ich in der Berufsschule Mario kennenlernte, hatte ich ganz sch\u00f6n damit zu k\u00e4mpfen. Ich hatte das mit dem Abi nicht gepackt, und als meine Alten dann wissen wollten, was ich denn so werden wollte, wu\u00dfte ich noch gar nicht so<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 6\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">genau, wozu ich \u00fcberhaupt Bock hatte. Aber man kann nicht einfach das Handtuch wegwerfen und dann nicht wissen, was man sonst will. Deshalb entschied ich mich irgendwann dazu, Fotograf zu werden.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war keine besonders gute Entscheidung, denn mit dem Traumjob mit in der Welt rumjetten und so, was man sich so vorstellt, hatte die Fotolehre nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nichts zu tun. Statt dessen gab es eine uralte Dunkelkammer, in der man Pa\u00dfbilder abziehen durfte und dazu dauernd Druck vom Chef, weil irgendwas st\u00e4ndig nicht schnell oder gut genug war. Das hat mir ganz sch\u00f6n gestunken, zumal ich ziemlich sensibel bin, und der Alte machte st\u00e4ndig aus allem so eine pers\u00f6nliche Sache. Und immer, wenn ich im Labor hockte, hoffte ich, da\u00df die Zeit bald um war und freute mich auf die zwei Wochen Berufsschule, die nach jedem Monat angesagt waren. Der Unterricht war die reinste Erholung gegen diesen Psychoterror, und au\u00dferdem gab es in der Schule eben diesen Mario.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Mario war ein h\u00fcbscher Junge, wirklich, Ein ganz sanftes, fast edles Gesicht, dunkle, samtige Haare und tierisch braune Augen. Und dazu war er zwar klein, aber ganz sch\u00f6n kr\u00e4ftig gebaut. Das war eine Kombination, ich meine dieser kr\u00e4ftige K\u00f6rper und sein sanftes Wesen, auf die ich unheimlich abfuhr. Obwohl das nicht der richtige Ausdruck ist, eigentlich. Es h\u00e4tte wohl schon eher etwas mit t Verliebtsein zu tun. Obwohl das auch ein bl\u00f6der Ausdruck ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls w\u00fcnschte ich mir nichts mehr, als ihn n\u00e4her kennenzulernen. Sicher kann sich das niemand vorstellen, der Mario nicht kennt, was ich f\u00fcr ihn \u00fcbrig hatte. Ich kann auch nicht sagen, was ich am meisten an ihm mochte. Die Art, wie er lachte, zog mir regelm\u00e4\u00dfig die Schuhe aus, und er hatte so ein wundersch\u00f6nes Gesicht.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es gibt Leute, denen bedeutet Sch\u00f6nheit nicht so \u00fcberm\u00e4\u00dfig viel. Ich meine, vielen ist es egal, wie jemand aussieht, aber f\u00fcr mich gab es nichts Sch\u00f6neres, als Sch\u00f6nheit. F\u00fcr mich ist das etwas Heilige , irgendwie, auch, wenn derjenige, der sch\u00f6n ist, genauso wenig daf\u00fcr kann, wie jemand, der nicht so sch\u00f6n ist. Nat\u00fcrlich war es nicht nur sein Aussehen, denn was n\u00fctzt ein h\u00fcbsches Gesicht, wenn jemand tierisch doof ist? Davon gibt es ja auch genug Leute. Aber Mario war ganz gut drauf, in jeder Hinsicht. Nur, da\u00df er sich immer nur mit anderen Leuten gut verstand, das tat mir weh. Aber wir kannten uns damals noch nicht n\u00e4her, deswegen mu\u00dfte ich einfach versuchen, ihn n\u00e4her kennenzulernen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte da keine Probleme mit, weil ich ganz gute Spr\u00fcche drauf hatte, dann und wann, und irgendwo sicher auch nicht verkehrt bin. Jedenfalls kamen die meisten Leute mit mir ganz gut zurecht, und deshalb schaffte ich das mit der Zeit auch, mit Mario in Kontakt zu kommen. Wir hatten eine ganze Menge gleicher, oder \u00e4hnlicher Interessen. Wir mochten die gleiche Musik und so weiter. Irgendwann hatte dann sein Tischnachbar bei seiner Lehrstelle das Handtuch geworfen, weil er st\u00e4ndig Zoff mit dem Meister hatte und ich nutzte die Gelegenheit einfach aus, mich auf den frei gewordenen Platz neben ihm zu setzen. Schei\u00df drauf, was die Mieze, neben der ich vorher gesessen hatte, davon dachte. Es war ziemlich aufregend, direkt neben ihm zu sitzen. Ich geno\u00df vor allem die Augenblicke, wenn sich unsere Arme oder Beine zuf\u00e4llig ber\u00fchrten. Ihm war das offenbar egal; mal zog er sie weg, mal nicht. Aber mich machte das immer ganz sch\u00f6n kribbelig, obwohl es nat\u00fcrlich auch wieder eine ganze Menge neuer W\u00fcnsche erweckte, die vermutlich nicht so einfach in Erf\u00fcllung gehen w\u00fcrden. Ich meine, ich konnte eigentlich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, da\u00df er irgendwo eine h\u00fcbsche Mieze hatte, die auf ihn wartete. Woher sollte ich auch wissen, was Sache war? Irgendwann nach der Schule hatte er mich mal eingeladen, ,&#8217;ne Tasse Tee trinken und seine Plattensammlung sichten, und so. Das war ganz normal, ich meine, es hat nichts Besonderes zu bedeuten, wenn jemand seine Schulfreunde mal mit nach Hause nimmt. Obwohl ich irgendwo nat\u00fcrlich hoffte, da\u00df es etwas zu bedeuten hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich kam aber ziemlich schnell dahinter, da\u00df er nicht solo war. \u00fcberall standen kleine, liebevolle Geschenke herum, die sie sich gemacht hatten und er hatte ,&#8217;ne Menge Fotos von ihr. Sie sah gar nicht schlecht aus, f\u00fcr eine Mieze. Ich meine, ich konnte mir schon vorstellen, da\u00df man sie auch lieben konnte, wegen ihrer Sch\u00f6nheit.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber gerade das tat weh. Da\u00df die beiden jederzeit ganz nah beieinander sein durften und ihre Feelings austauschen konnten. Es ist herbe, wenn man so mitbekommt, wie sch\u00f6n es sein kann, wenn zwei h\u00fcbsche Menschen sich lieben, und wenn man selber davon ausgeschlossen ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich kn\u00fcllte meine Bettdecke zusammen und stellte mir vor, da\u00df es sein sch\u00f6ner, warmer, kraftvoller K\u00f6rper war. Es w\u00e4re jetzt wirklich die optimale Ma\u00dfnahme gewesen, ihn streicheln zu k\u00f6nnen und einfach nur seine N\u00e4he zu f\u00fchlen. Ich kann in solchen Augenblicken unheimlich z\u00e4rtlich zu Bettdecken sein. Andererseits war es eben nur eine textile Angelegenheit und auf Dauer nicht sehr befriedigend. Deswegen benutzte ich sie irgendwann wieder als Decke, zog sie mir bis \u00fcber die R\u00fcbe und w\u00fcnschte mir, \u00fcberhaupt nicht da zu sein. Obwohl das ziemlich kindisch war &#8211; n\u00fcchtern betrachtet.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Manchmal denke ich dar\u00fcber nach, woher es wohl kommt, da\u00df ich so bin. Ich meine, ob ich es von meinen Alten geerbt habe oder ob es b\u00f6se Umwelteinfl\u00fcsse waren. Ich wei\u00df es nicht, sosehr ich auch dar\u00fcber nachdenke. Mir f\u00e4llt jedenfalls kein einschneidendes Erlebnis ein, das mich umgepolt haben k\u00f6nnte. Ich hatte schon immer was f\u00fcr Typen \u00fcbrig, soweit ich mich auch zur\u00fcckerinnern kann.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Da waren die hei\u00dfen Onkeldoktor Spiele mit einem Jungen aus der Nachbarschaft. Ziemlich raffinierte Methode, sich mit Sex zu besch\u00e4ftigen, eigentlich. Schade, da\u00df das aus der Mode kommt, wenn man \u00e4lter wird.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann mu\u00dfte ich an diese Schwarte denken, die meine Alten im B\u00fccherregal hatten, \u00fcber Kunstgeschichte, oder was wei\u00df ich. Jedenfalls waren massenhaft Bilder von Aktskulpturen drin. Ich peilte das damals noch nicht, da\u00df das Heldenbilder aus dem<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 7\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Dritten Reich waren. Es war mir auch ziemlich egal. Jedenfalls haben mich diese knackigen Helden ganz sch\u00f6n angemacht. Unheimlich muskul\u00f6s und ganz glatt und so. Nat\u00fcrlich ist das Ansichtssache, aber K\u00f6rper von Frauen erschienen mir dagegen immer ziemlich schlapp und langweilig. Ich habe mir diese Helden stundenlang angesehen und war ziemlich aufgeregt dabei, ohne \u00fcberhaupt zu wissen, woher dieses merkw\u00fcrdige Kribbeln \u00fcberhaupt kam. Und das in einem Alter, als ich noch nicht einmal zur Schule ging. Die Sexualit\u00e4t von Kindern wird viel zu wenig beachtet, finde ich. Allerdings ist Sex f\u00fcr mich weniger das, was im Vordergrund steht. Klar, ich habe ziemlich unanst\u00e4ndige Gedanken, dann und wann. Aber wenn man Druck auf dem Gebiet hat, ist es eine Sache von f\u00fcnf Minuten, sich da abzureagieren, und dann kann man sich wieder mit anderen Dingen besch\u00e4ftigen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Aber solche Dinge, wie ich sie f\u00fcr Mario \u00fcbrig hatte, die waren nicht nach f\u00fcnf Minuten weg. Die waren st\u00e4ndig da, und lie\u00dfen einem keine Ruhe. Nat\u00fcrlich spielten auch bei Mario erotische Sachen eine Geige, das will ich nicht leugnen. Ich bin ja auch kein Heiliger. Aber es waren eben auch noch andere Dinge und ich glaube, die werden, immer viel zu wenig beachtet, wenn \u00fcber Homosexualit\u00e4t geredet wird. Naja klar, das Wort daf\u00fcr unterst\u00fctzt das ja auch ziemlich viel. Es ist \u00fcbel, da\u00df es kein Wort daf\u00fcr gibt, das den Tatbestand angenehmer nennt.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Homosexuell, das klingt so wissenschaftlich, analysierend, und im \u00fcbrigen sage ich zu meinem Auto ja auch nicht &#8222;Kraftfahrzeug&#8220; sondern M\u00fchle, oder so. Deswegen benutze ich lieber den Ausdruck &#8222;Schwul&#8220;, obwohl der auch ziemlich bl\u00f6de ist. Eigentlich ist es ein Schimpfwort, ziemlich \u00fcbel. Aber man kann sich auch daran gew\u00f6hnen und es einfach als die umgangssprachliche Variation von Homosexuell ansehen. Ich glaube, wenn man Begriffe, die eigentlich als Schimpfworte gemeint sind, ganz selbstverst\u00e4ndlich anwendet, f\u00fcr sich selber, dann nimmt man ihnen die Sch\u00e4rfe. Genauso, wie ich es gut finde, wenn ein Polizist sich als Bulle bezeichnet, weil es eben eine allgemeing\u00fcltige Bezeichnung ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Aber es ist gar nicht so einfach, diese Dinge locker zu sehen. Ich hatte n\u00e4mlich die gleichen Vorurteile anerzogen bekommen, wie mindestens sechsundneunzig Prozent der restlichen Zivilisation auch. Und mit Vorurteilen ist es nur f\u00fcr Leute einfach, bestimmte Dinge in den Griff zu kriegen, die nicht davon betroffen sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">13<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Witzige Angelegenheit, so ein Sch\u00fctzenfest auf dem Land. Ziemlich l\u00e4ndlich, eben, aber eine ganz gute<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Gelegenheit, mit vielen zu feiern.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hing mit ein paar Freunden beim Autoscooter rum. Wenn ich Freunde Sage, meine ich damit nat\u00fcrlich keine tiefgehenden Beziehungen. Einfach Leute, die sich Platten von einem ausleihen und total versypht wieder zur\u00fcckgeben.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Beim Autoscooter war immer ganz fetzige Musik, wenn die Klangqualit\u00e4t auch unter aller Sau war. Sie spielten die Hitparade rauf und runter, und egal, ob es anspruchsvolle Musik war oder nicht, es ging ganz gut ab. Ich meine, Pop Musik kann auch ganz sch\u00f6n unter die Haut gehen. Toto war angesagt und Imagination, und ich war so gut drauf, da\u00df ich so zwischen den Autoscooters h\u00e4tte tanzen k\u00f6nnen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Sonne knallte voll auf den Platz und die Stimmung war ganz gut. Das war zum Teil dem Bier zu verdanken, das sich hier jeder massenhaft reinzog.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das Sch\u00f6nste war, das Mario dabei war und ich geno\u00df es, wenn sich unsere Blicke trafen und er l\u00e4chelte. Zusammen mit der Musik war das so stark, da\u00df ich die ganze Welt h\u00e4tte umarmen k\u00f6nnen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es nervte ein bi\u00dfchen, da\u00df meine Freunde jeder Mieze nachpfiffen, n, die vorbeitigerte, und irgendwelche Spr\u00fcche ablie\u00dfen, wie es mit der w\u00e4re und so. Im Grunde war es mir ja egal, aber es \u00f6dete mich doch etwas an, zumal ich da \u00fcberall nicht mitreden konnte. Ich sagte immer nur ,Ja,Ja&#8216;, um nicht aufzufallen und versuchte, wir nichts daraus zu machen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich konnte ja nicht gut den h\u00fcbschen Typen hinterherpfeifen, die ab und zu vorbeiliefen. Ich meine, das w\u00e4re wohl eher peinlich gewesen. Obwohl es mich \u00e4rgerte, da\u00df ich von dem Gebiet ausgeschlossen war. Zwar wollte ich mich an diesem chauvinistischen Spiel nicht unbedingt beteiligen, aber man kommt sich irgendwie schlapp vor, wenn man da nicht mitbieten kann.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann wurde mir das alles zu bl\u00f6d und ich lud Mario ein, mit mir Autoscooter zu fahren. Das war dann wieder ganz gut. Ich meine, so ganz nah bei ihm zu sein. Schlie\u00dflich ist es in so einem Ger\u00e4t ziemlich eng.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf einmal war ich wieder ganz gut drauf. Dauernd rempelten wir andere Wagen an und gr\u00f6lten dann tierisch rum. Mario war nur am Lachen, weil ich st\u00e4ndig irgendwelche unpassenden Bemerkungen von mir gab, wie ,Da vorne kriegen wir nie ne Parkl\u00fccke&#8216; oder ,Wir m\u00fcssen genau in die Sto\u00dfzeit geraten sein.&#8216; Ich freute mich, da\u00df er lachte, und da\u00df wir beide so gut drauf waren. Manchmal machte ich die Augen zu und geno\u00df seine N\u00e4he und den Sound von ,Music and Lights&#8216;.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann stand dann seine Tussi an der Umrandung und winkte. Und nach der n\u00e4chsten Runde lief er zu ihr und ich war auf einmal nur noch Nebensache. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, aber es ging mir gewaltig an die Nieren, wie er mit ihr rummachte. Und irgendwann machte ich deshalb &#8217;ne Biege.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Weg nach Hause liefen mir massenhaft Sch\u00fctzen \u00fcber den Weg. Selbst die H\u00e4rtef\u00e4lle aus dem Dorf legten durch ihre Uniform eine sagenhafte W\u00fcrde an den Tag und erst durch reichlich Bier und Korn fanden sie im Laufe<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 8\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">des Tages wieder in ihre alte Form zur\u00fcck.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich will gar nicht n\u00e4her auf meine Weltuntergangsstimmung eingehen, die mir zu Hause zu schaffen machte. Auf jeden Fall ging es mir ziemlich dreckig. Andererseits hielt ich es auch nicht lange zu Hause aus, weil ich dauernd das Gef\u00fchl hatte, ich w\u00fcrde irgend etwas verpassen, w\u00e4hrend die sich da oben am\u00fcsierten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Gegen Abend bin ich also wieder hochgegangen. Im Festzelt gab es zwar nur die hohle Musik von einer sehr mittelm\u00e4\u00dfigen Bumskapelle, aber das ganze Dorf traf sich am Abend hier und meistens ging das ganz gut ab.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die meisten meiner Freunde schmuggelten sich mit irgendwelchen Tricks ins Zelt, wozu ich allerdings auch keine Triebe hatte. Andererseits ist ein Heiermann eine Menge Geld f\u00fcr diese Art von Spie\u00dfer-Kultur. Mir wurde die Entscheidung allerdings abgenommen, als dieser Typ von Postbote auf mich zukam. Er hatte wohl Beziehungen zu dem Typ am Eingang, jedenfalls schleuste er mich irgendwie rein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Das kann man ja gar nicht mit ansehen, wie Du da drau\u00dfen so rumstehst.&#8216; sagte er dazu. Ich bedankte mich bei ihm und versprach ihm, ihm sp\u00e4ter mal einen auszugeben. Dann lie\u00df ich ihn stehen, um meine Freunde zu suchen. Ein bi\u00dfchen ein schlechtes Gewissen hatte ich dabei, weil ich das Gef\u00fchl hatte, da\u00df ich noch etwas h\u00e4tte bei ihm bleiben sollen. Und als ich mich nach ihm umdrehte, sah er mir auch mit einem etwas gequ\u00e4lten L\u00e4cheln nach. Ich konnte mir denken, was in ihm vorging, weil es n\u00e4mlich das Ger\u00fccht \u00fcber<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">ihn gab, da\u00df er schwul war. Wenn so was bekannt wird, dann wei\u00df es in so einem Nest gleich jeder, ist ja klar. Ich kannte ihn eigentlich gar nicht n\u00e4her. Nur manchmal, wenn man ihn morgens traf, wie er mit seinem alten Drahtesel durch die Gegend schob und Briefe in fremde H\u00e4user steckte, gr\u00fc\u00dfte er immer ganz locker und flockig, was eigentlich auch voll nett war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls hatte ich irgendwie das ungute Gef\u00fchl, da\u00df er ganz gerne noch etwas mit mir zusammen geblieben w\u00e4re, als er mir so nachsah. Ich war ziemlich unsicher, deswegen und wu\u00dfte nicht so, wie ich mich verhalten sollte. Aber das war ziemlich schnell vergessen, als ich erst mal wieder im Kreis meiner Freunde war. Ich mu\u00dfte gleich einen ausgeben, und da ich die Chips vom Eintritt ja gespart hatte, hatte ich auch nichts dagegen. Au\u00dferdem war es ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl, mit Mario anzusto\u00dfen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Danach gab er einen aus und so ging das &#8217;ne Zeitlang weiter. Ich war nicht besonders an Alkh gew\u00f6hnt und merkte schon, wie ich langsam schwindelig wurde und versuchte ab da, mich etwas zur\u00fcckzuhalten. Jedenfalls war ich ganz gut drauf und freute mich, da\u00df ich nicht alleine war. Irgendwann machte Mario mit seiner Freundin &#8217;ne Biege und irgendwo tat mir das weh, aber ich versuchte, nicht daran zu denken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann fiel mir diese Gruppe von Spie\u00dfern auf, die um diesen Postboten rumstanden. Ich peilte erst nicht, was die wollten, aber dann kam ich dahinter, da\u00df die sich \u00fcber seine Veranlagung lustig machten. Einer von den Sch\u00fctzen legte seinen Arm um seinen Hals und machte einen auf tuntig und die anderen waren nur so am Gr\u00f6len. Dazu kam, da\u00df sie dauernd versuchten, ihn zum Trinken zu \u00fcberreden. Das war besonders \u00fcbel, weil der Typ fr\u00fcher mal ziemlich an der Flasche gehangen hatte und erst seit kurzem ganz davon weg war und sich jetzt nur noch Cola reinpfiff. Das war &#8217;ne ganz sch\u00f6ne Leistung. Ich konnte mir gut vorstellen, da\u00df er wegen seiner Probleme angefangen hatte, zu saufen. Ich meine, er hatte bestimmt kein sehr gl\u00fcckliches Liebesleben. In so einem Dorf ist es ein hartes Brot, anders zu sein, als die anderen. Deswegen war es eine ganz sch\u00f6ne Leistung, da\u00df er es geschafft hatte, vom Sprit wegzukommen. Ich hatte mir nie viel Gedanken um den Typ gemacht, aber jetzt, wo ich so dar\u00fcber nachdachte, bekam ich auf einmal ganz sch\u00f6n Respekt vor ihm. Au\u00dferdem rechnete ich es ihm hoch an, da\u00df er sich auch nicht soweit prostituiert hatte, in den Sch\u00fctzenverein einzutreten, wie die meisten anderen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwie hatte ich ein ganz ohnm\u00e4chtiges und trauriges Gef\u00fchl im Bauch, als ich das so mit ansehen mu\u00dfte, wie sich die Typen \u00fcber ihn lustig machten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Wenn ich jetzt John Wayne gewesen w\u00e4re, oder so jemand, w\u00e4re ich da hingegangen, h\u00e4tte einen von denen zusammengeschlagen und gesagt: &#8218;Okay, wenn sich nach jemand auf die Kosten anderer am\u00fcsieren m\u00f6chte &#8211; ich bin gerade in der richtigen Stimmung.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das alles ganz cool, mit einer m\u00e4nnlich- rauchigen Stimme und einem finsterem, aber festen Blick in den Augen. Aber ich hatte weder eine rauchige Stimme, noch einen festen Blick. Ich glaube, ich h\u00e4tte sogar ziemlich alt ausgesehen, wenn ich da mitgemischt h\u00e4tte. Ich bin halt nicht John Wayne, oder so. Obwohl dies wirklich die Gelegenheit gewesen w\u00e4re, so etwas wie Charakter zu trainieren. Aber ich bin einfach nicht der Typ f\u00fcr solche Szenen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich lief ein St\u00fcck durch das Festzelt und dann sah ich Mario wieder. Er war offenbar ohne seine Mieze wiedergekommen und ich freute mich tierisch dar\u00fcber, so da\u00df ich gleich einen ausgab. Er war unheimlich nett zu mir und wir liefen eine ganze Zeitlang gemeinsam durch das Zelt. Wir trafen alle m\u00f6glichen Leute, aber ich freute mich, da\u00df Maria trotzdem bei mir blieb und sich nicht von mir absonderte. Ich h\u00e4tte mit ihm tanzen k\u00f6nnen, so freute ich mich. Es wurde immer sp\u00e4ter und ich sp\u00fcrte schon reichlich, wie der Alkh mir Schwierigkeiten machte. Alles war irgendwie z\u00e4hfl\u00fcssig, ich h\u00f6rte die Stimmen, wie durch ein Kanalrohr und freute mich immer, wenn ich etwas, was ich sagte, einigerma\u00dfen ohne Fehler herausgebracht hatte, und die anderen es verstanden. Abgesehen von diesem Ph\u00e4nomen besch\u00e4ftigte mich die Frage, wie ich das beurteilen sollte, da\u00df Maria alleine zur\u00fcckgekommen war und nun bei mir blieb. Ich wu\u00dfte ja, da\u00df er eine Freundin hatte und sicher hatte es nichts zu bedeuten. Schlie\u00dflich sah ich auch jede Menge Sch\u00fctzen, die sich unter dem Einflu\u00df von Alkh st\u00e4ndig in den Armen lagen und versicherten: &#8218;Du bist ,n dufter Kumpel&#8216;, und so. Es hatte sicher nichts zu bedeuten, aber ich besch\u00e4ftigte mich sehr damit, ob Marios Z\u00e4rtlichkeit nicht auch f\u00fcr mich da sein konnte.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 9\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Das Problem war nur, da\u00df ich dann irgendwann einen Schritt machen mu\u00dfte, der ihm das klar machte. Und gerade, da der Sprit uns beide alles nicht mehr so eng sehen lie\u00df, war dies die beste Gelegenheit, ihn daraufhin anzusprechen. Besonders, als er gegen vier Uhr endlich aufbrechen wollte, war ich fieberhaft mit mir am k\u00e4mpfen. Immerhin brachte ich den Mut auf, ihm anzuk\u00fcndigen, da\u00df ich ihn noch ein St\u00fcck begleiten wollte. Es schien ihn nicht stutzig zu machen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Drau\u00dfen war es schon fast wieder hell. Die Arbeiter waren schon dabei, das Zelt abzubauen. Wir mu\u00dften erst mal &#8217;ne Runde pinkeln und stellten uns irgendwo in die Landschaft.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Weg erz\u00e4hlte er mir dann etwas von einer Cross-Maschine, die er sich zulegen wollte. Und er hatte nichts dagegen, mal mit mir durchs Gel\u00e4nde zu fahren, als ich ihn danach fragte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann kamen wir bei der Stelle an, wo er in die eine Richtung mu\u00dfte und ich in die andere. Sp\u00e4testens da h\u00e4tte ich ihn fragen sollen, ob er nicht noch mit zu mir kommen wollte. Es war eigentlich die optimale Gelegenheit, da der Alkoholspiegel bei uns beiden so schwindelerregend hoch lag, da\u00df er vielleicht sogar darauf eingegangen w\u00e4re. Allerdings packte ich das nicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ziemlich frustriert ging ich dann nach Hause und \u00fcberlegte mir dauernd, was passiert w\u00e4re, wenn, und welche Beobachtungen daf\u00fcr gesprochen hatten und welche dagegen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann lief mir der Typ von Postbote \u00fcber den Weg und beschwerte sich scherzhaft, da\u00df ich ihm keinen ausgegeben hatte. Aber obwohl er scherzte, klang seine Stimme reichlich down. Konnte ich verstehen, nach dem, was ich mitgekriegt hatte. Ich wollte ihn tr\u00f6sten, andererseits auch auf Distanz halten, weil es nicht gut war, wenn er auf einmal mehr von mir wollte, als reden.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Das war nicht besonders nett von den Leuten, was?&#8220; ,&#8217;nein,&#8220; sagte er und versuchte zu l\u00e4cheln. Vielleicht half es ihm, dar\u00fcber zu reden.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Hast es nicht leicht gehabt, im Leben, was?&#8220; sagte ich deshalb.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er gab nur ein dumpfes ,Tja&#8216; von sich und wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Die Leute denken immer nur an die unanst\u00e4ndigen Sachen. Nie daran, da\u00df man auch ehrliche Gef\u00fchle haben kann, wenn man&#8230;&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jetzt suchte er nach Vokabeln, die die Sache irgendwie angenehmer umschrieben, aber er fand wohl keine. Aber er schien froh zu sein, da\u00df er jemanden hatte, der ihm zuh\u00f6rte, und nach und nach erz\u00e4hlte er mir dann seine halbe Lebensgeschichte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">In seiner Jugend hatte sich voll nichts abgespielt, mit Liebe und so. Er trieb sich dann gelegentlich in einschl\u00e4gigen Kneipen rum, und als das bei der Post rauskam, w\u00e4re er fast gegangen worden. Dadurch ist er dann an den Alkh gekommen, wovon nat\u00fcrlich auch nichts besser wurde. Das Einzige, was er hatte, um sich ab und zu abzureagieren, waren Pornohefte und er gurkte ab und zu in die City, um f\u00fcr ein paar Scheine Abenteuer mit irgendwelchen Strichern zu erleben. Es widerte ihn an, offenbar, aber was blieb ihm \u00fcbrig?<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Er hatte ziemlich edle Vorstellungen, eigentlich. Von Liebe und Treue und so. Und seine Sehnsucht nach jemandem, der seine Feelings erwiderte, war sicher ganz sch\u00f6n echt. Jedenfalls kenne ich massenhaft ,Normale&#8216;, die nicht halb so viel Feeling haben, wie er.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann hat er mir ein altes Pa\u00dfbild von sich gezeigt, als er achtzehn war. Er hatte ein h\u00fcbsches Gesicht gehabt, und blonde Haare, wobei der Haarschnitt allerdings zu der Zeit noch reichlich spie\u00dfig gewesen war. Aber es war ein sch\u00f6nes Gesicht mit einem sonnigen L\u00e4cheln.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Jetzt sah er nicht mehr so h\u00fcbsch aus, und es war ganz sch\u00f6n herbe, wenn man sich \u00fcberlegte, da\u00df dieses L\u00e4cheln nie erwidert worden ist. Ich meine, jeder Mensch braucht doch mal jemanden, der nett zu einem ist, jemanden, der gerne mit einem zusammen ist, aber er hatte nie so etwas gehabt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich mu\u00dfte daran denken, da\u00df mein Leben bisher auch nicht viel anders verlaufen war. Und wenn ich mir vorstellte, da\u00df ich auch alt werden w\u00fcrde, ohne je so was, wie Z\u00e4rtlichkeit zu erfahren &#8211; das war echt hart.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann waren wir dann bei seiner Bude angelangt. Er hatte auch keinen Versuch gemacht, mehr von mir zu verlangen, als ihm zuzuh\u00f6ren, und das war ganz sch\u00f6n anst\u00e4ndig. Nur als er sagte: &#8222;Komm&#8216; gut zu liegen, Junge,&#8220; strich er mir kurz mit der Hand \u00fcber die R\u00fcbe. Das machte mich ziemlich nerv\u00f6s, zuerst, aber eigentlich war es auch ganz nett. Jedenfalls finde ich, da\u00df er voll in Ordnung ist. Und das ist eine ganz sch\u00f6ne Leistung, wenn man seine Lebensstory bedenkt.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">4<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es war keine besonders erfreuliche Stimmung, in der ich mich so befand, als ich auf meiner Matratze rumlag. Eigentlich h\u00e4tte ich irgend etwas unternehmen sollen, um mich abzulenken, aber erstens war ich zu faul dazu und zweitens wurde mir die Entscheidung abgenommen, als jemand gegen die T\u00fcr pochte. Ich hatte eigentlich kaum Triebe zu einer Unterhaltung, au\u00dfer wenn es Berti gewesen w\u00e4re, der blonde Zivi vom Ende des Ganges. (Mit Ganges ist nicht der Flu\u00df in Indien gemeint, sondern eine grammatikalische Sonderform von Gang.) Berti war tierisch in Ordnung und, abgesehen davon, da\u00df ich ihn ganz gerne mochte, hatte ich ihm neulich ein paar M\u00e4use geliehen, obwohl das keineswegs der Grund war, zu hoffen, da\u00df er geklopft hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Er hatte jedoch nicht, beziehungsweise, ich wu\u00dfte nicht, ob er geklopft hatte, aber auf alle F\u00e4lle nicht gegen meine T\u00fcr. Dort stand n\u00e4mlich so ein Typ von Handwerker rum.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 10\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ich soll den Abflu\u00df reparieren,&#8220; sagte er so br\u00fchwarm, wie m\u00f6glich.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er sah unrasiert und ziemlich dumm aus. Eher notgedrungen lie\u00df ich ihn rein, schlie\u00dflich konnte ich ihn nicht einfach wieder wegschicken, obwohl ich von einem funktionoblem Abflu\u00df nun \u00fcberhaupt nichts hatte und es au\u00dferdem viel sch\u00f6ner ist, in seinem Frust auf der Matratze zu liegen, als zuzugucken, wie so&#8217;n Typ mit ner Rohrzange umgehen kann.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls kam er rein, knallte seine Werkzeugkiste neben das Waschbecken auf den Sisalteppich und sagte: &#8222;Na, dann woll \u0301n wir mal.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Da fiel mir nicht viel zu ein, aber da ich sowieso nicht gut drauf war, war es mir auch egal, was die Maske von meiner Freundlichkeit hielt. Ich brummte nur irgendwas und haute mich wieder auf meine Matratze.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann fing er an, in seinem Blaumann rumzuw\u00fchlen, bis er anstelle eine Abflu\u00dfreparierger\u00e4tes eine Fluppe rausholte und sie gleich ge\u00fcbt entflammte. Das ging mir schon wieder tierisch auf die N\u00fcsse, weil es f\u00fcr mich nichts \u00c4tzenderes gibt, als Nikotinschwaden zwischen Matratze und Waschbecken. Eigentlich h\u00e4tte ich ihn \u00fcberreden sollen, da\u00df Ding wieder auszumachen, aber m\u00f6glicherweise w\u00e4re er dann gleich total sauer geworden, weil ich ihm seine Freiheit beschnitt. Es gibt Raucher, die sehen das so. Ich meine, sie ignorieren lieber, da\u00df sie die gesunden Lungen von Nichtrauchern gef\u00e4hrden, als sich in ihrem Nikotingenu\u00df einschr\u00e4nken zu lassen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war zwar so mies drauf, da\u00df ich es sogar drauf an kommen lassen h\u00e4tte, mich mit ihm anzulegen, aber ich war selbst zu schlapp, mich dazu durchzuringen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich beobachtete eine Zeitlang, wie er die verschiedensten Teile aus seiner Kiste kramte und sich an dem Abflu\u00df zu schaffen machte. Er sagte nichts dazu, da\u00df ich das eine Rohr abmontiert hatte, was ich schon wieder ganz gut fand. Dann fing ich an zu \u00fcberlegen, ob ich in die K\u00fcche gegen sollte, um was zu futtern, w\u00e4hrend er hier rumturnte. Aber bevor ich mich entschlossen hatte, fing er eine Art Verlegenheitsunterhaltung an.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Was machst Du hier? Zivildienst?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich brummte nur eine Art &#8222;Ja&#8220; und fragte mich gleichzeitig, warum ich nicht einfach aufstand, und in die K\u00fcche ging. Es dauerte eine ganze Weile, bis er die n\u00e4chste Frage ablie\u00df.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und warum hast Du verweigert? Ich meine&#8230;&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er lie\u00df sich Zeit, oder vielleicht brauchte er sie einfach, um das zu formulieren, was er wollte. Und irgendwas Bestimmtes wollte er abchecken, das peilte ich sofort.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ich verstehe die Einstellung nicht richtig. Nicht, da\u00df ich was dagegen habe, da\u00df Du Zivildienst machst, aber wieso gehst Du nicht zum Bund, wie andere Jungens auch?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte zwei Gewissenspr\u00fcfungen abgerissen, um darzulegen, warum ich nicht zum Bund wollte, aber wie soll man so was jemandem beibiegen, in der Zeit, wo jemand den Abflu\u00df repariert. Zumal, wenn man \u00fcberhaupt keine Triebe hat, sich auf so ein Interview einzulassen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ich bin eben ein friedliebender Mensch,&#8220; versuchte ich also die Superkurzfassung, obwohl ich nat\u00fcrlich wu\u00dfte, da\u00df ihm das nicht gen\u00fcgen w\u00fcrde. Deswegen nervte mich das Ganze auch tierisch.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Friedliebend! So so! Friedliebend. Das bin ich eigentlich auch. Ich meine, wer will schon Krieg? Aber um den Frieden zu sichern, dazu ist doch der Bund da. Und die Jungens halten ihren Kopf doch im Ernstfall auch f\u00fcr Dich hin.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jetzt ging schon die Art von Gespr\u00e4ch los, bei denen man wei\u00df, da\u00df der andere nach dem Gespr\u00e4ch genauso von der Richtigkeit seiner Einstellung \u00fcberzeugt sein wird, wie vorher. Andererseits \u00e4rgerte ich mich \u00fcber diese Einstellung. &#8222;Wenn ich zum Bund gehe, dann werde ich zu nichts anderem erzogen, als dazu, wie man am besten andere Leute umnietet. Und das mu\u00df ich nicht haben.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Aber wenn es zu einem Krieg kommt, dann hast Du wesentlich bessere Karten, wenn Du wei\u00dft, wie man sich verteidigt.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Wenn es zu einem Krieg kommt, hat niemand gute Karten.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Aber man mu\u00df sich doch verteidigen k\u00f6nnen, wenn man angegriffen wird. Schlie\u00dflich, wenn dir so \u0301n Typ mit \u0301ner Kalaschnikov gegen\u00fcber steht, wird es Dir nicht viel helfen, wenn Du sagst, da\u00df Du Pazifist bist.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;M\u00f6glich. Ich glaube aber eher, da\u00df der Typ erst mal die Leute alle macht, die bewaffnet sind. Die Unbewaffneten, die sind ihm doch gar nicht so gef\u00e4hrlich. Aber ich lehne halt dieses ganze System ab, das dadurch gekennzeichnet ist, da\u00df die Menschen glauben, mit Waffengewalt sich von anderen Ideologien abgrenzen zu k\u00f6nnen. Warum k\u00f6nnen nicht alle friedlich miteinander leben? Ich meine, stell Dir doch mal vor, zwei Revolverhelden stehen sich auf der Stra\u00dfe gegen\u00fcber und halten die Engelmacher in H\u00fcfth\u00f6he aufeinander gerichtet, und das jahrelang. Zum Teufel, dann haben die doch gar keine Zeit mehr, irgend etwas anderes zu machen. Ihr ganzes Leben besteht nur daraus, sich gegenseitig zu bedrohen. Ist doch \u00e4tzend, so was. Also, wenn ich einer von den beiden w\u00e4re, w\u00fcrde ich sp\u00e4testens nach zwei Minuten und siebenundzwanzig Sekunden die Kanone weglegen und ein Eis essen gehen.&#8220; &#8222;Du bist wohl irgendwie lebensm\u00fcde, oder was. Was meinst Du, wie schnell der Osten uns ausgel\u00f6scht h\u00e4tte, wenn wir abr\u00fcsten w\u00fcrden. So schnell kannst Du gar nicht kucken. Die einzige M\u00f6glichkeit zu \u00fcberleben, ist doch, denen klarzumachen, da\u00df wir uns wehren, wenn die uns angreifen.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Warum haben die dann noch nicht l\u00e4ngst L\u00e4nder, wie die Schweiz, \u00d6sterreich, Schweden oder was wei\u00df ich ausradiert? Aber die leben mit ihrem neutralem Status, und zwar vermutlich wesentlich beruhigter, als wir es hier jemals sein k\u00f6nnen. Und warum gibt es im nahen Osten st\u00e4ndig Kriege, bei denen Zig-Tausende st\u00e4ndig draufgehen, obwohl beide Seiten etwa gleich stark ger\u00fcstet sind?&#8220;<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 11\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Du kennst die Russen nicht. Wenn Du Dich mal mit dem Kommunismus besch\u00e4ftigst, wirst Du schnell begreifen, da\u00df einer der Grunds\u00e4tze von denen ist, da\u00df der Kommunismus einmal auf der ganzen Welt herrschen soll. Aber m\u00f6chtest Du so leben, wie die da dr\u00fcben? Haben die irgendwelche Freiheiten, die f\u00fcr uns selbstverst\u00e4ndlich sind?&#8220; In mir stieg w\u00e4hrend des ganzen Gespr\u00e4chs irgend so ein \u00c4rger hoch, \u00fcber diese Schei\u00df Einstellung, die mir so total unverst\u00e4ndlich war, und gegen die ich trotzdem nicht ankam. W\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs war die Katze, oder es war wohl eher ein Kater, jedenfalls das Vieh vom Hausmeister durch die halboffene T\u00fcr gekommen. Sie war dem Klempner ein paar mal um die Beine gestrichen und dann zu mir gekommen. Voller Z\u00e4rtlichkeit hatte sie sich gegen mein Bein gedr\u00fcckt, und sich daran langgeschmiegt. So was haut mich einfach um, und ich habe dann angefangen, sie zu streicheln, was sie mit einem tierischen Schnurren quittierte. Sie kam, als wollte sie unserem Gespr\u00e4ch eine andere Wendung geben. Und bei dieser intensiv gezeigten Zuneigung und Z\u00e4rtlichkeit war es auch schwer zu verstehen, warum die Menschen nicht auch so sein konnten, warum sie sich st\u00e4ndig bedrohten, und Waffen entwickelten, mit denen sie die gesamte Menschheit zig-fach ausl\u00f6schen konnten. Ich konnte so etwas einfach nicht verstehen. Ich \u00fcberlegte, ob ich diese bedingungslose Zuneigung der Katze in das Gespr\u00e4ch reinbringen sollte. Aber er war schneller.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Es ist sicherlich kein gl\u00fccklicher Zustand, mit dem Wettr\u00fcsten, aber die Jungens vom Bund sind im Notfall bereit, zu sterben, auch f\u00fcr Dich.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ich w\u00fcrde im Kriegsfall auch sterben, aber ich bin nicht bereit, aus irgendeinem Grund zu t\u00f6ten.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er lachte, was ein bi\u00dfchen ver\u00e4chtlich klang, aber er sagte eine Weile nichts dazu. Ich streichelte wieder den Kater, der zwar immer wieder weglief, aber regelm\u00e4\u00dfig wieder kam und gestreichelt werden wollte und es tierisch zu genie\u00dfen schien. Kann ich verstehen. Ich meine, es ist sicherlich sch\u00f6n, st\u00e4ndig gestreichelt zu werden. Jedenfalls sch\u00f6ner, als Schie\u00df\u00fcbungen auf Pappkameraden zu veranstalten. Zum Teufel, so einen Freund wollte ich haben, der gar nicht genug Z\u00e4rtlichkeit bekommen konnte. Ich mu\u00dfte an Mario denken, und daran, wie freundlich er immer zu allen war. Warum konnten nicht alle Menschen so sein? Ich meine, warum sollte man nicht auch mit einem Russen genausogut Tee trinken und Musik h\u00f6ren k\u00f6nnen, wie mit jedem anderen?<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Warum glaubt Ihr nur alle, da\u00df man den Frieden nur aufrechterhalten kann, wenn man die M\u00f6glichkeit hat, die Leute auf der anderen Seite alle m\u00f6glichst perfekt umnieten zu k\u00f6nnen? Ihr alle wollt doch angeblich Frieden, warum seid ihr dann nicht bereit, Euch f\u00fcr den Frieden einzusetzen? Und dadurch, da\u00df wir solche schrecklichen Waffen haben, wird doch erst die M\u00f6glichkeit geschaffen, da\u00df ein kleiner Konflikt die ganze Menschheit vernichtet. Wenn alle so denken w\u00fcrden, wie ich, oder andere<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Zivis, dann k\u00f6nnte es zwar weiterhin Konflikte geben, aber diese k\u00f6nnten niemals dazu f\u00fchren, da\u00df auch nur ein einziger Mensch dabei draufgeht. Und die Milliardensummen, die st\u00e4ndig f\u00fcr R\u00fcstung ausgegeben werden, die k\u00f6nnten f\u00fcr soziale und kulturelle Sachen ausgegeben werden. Die Arbeitslosigkeit k\u00f6nnte abgeschafft werden, die Armut und Hunger auch, alles w\u00fcrde besser und sch\u00f6ner sein und niemand br\u00e4uchte Angst vor etwas zu haben, au\u00dfer davor, da\u00df ihm der Himmel auf den Kopf f\u00e4llt.&#8220;<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Du bist ein Tr\u00e4umer. Diese Welt gibt es eben nicht. Und wir m\u00fcssen halt einmal mit den Realit\u00e4ten leben. Du h\u00e4ttest mal zum Bund gehen sollen, das h\u00e4tte sicherlich einen Kerl aus Dir gemacht. Ein Kerl, der wei\u00df, was er tun kann, wenn er angegriffen wird.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ich glaube nicht, da\u00df ich dadurch ein besserer Mensch geworden w\u00e4re.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Der Typ hatte seine Werkzeuge wieder eingepackt, und sah mich finster an.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Es ist ja nicht so, da\u00df ich es nicht respektiere, da\u00df Du Dich hier mit den behinderten Jungens rumschl\u00e4gst. Aber es ist nun mal eine permanente Bedrohung da, und im Ernstfall n\u00fctzt es nichts, zu sagen, da\u00df man Pazifist ist. Dann doch lieber k\u00e4mpfen, oder seh ich das falsch?&#8220; sagte er und nahm seine Kiste und verschwand. Die Mieze hinterher, wahrscheinlich in der Hoffnung, da\u00df er ihr irgendwas zu Futtern besorgte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte es ja gewu\u00dft: er hatte nichts von dem geblickt, was ich gesagt hatte. Ich h\u00e4tte ihn noch fragen k\u00f6nnen, warum er, wenn er sagte, er w\u00e4re auch f\u00fcr den Frieden, warum er dann nicht mitarbeitete, die Realit\u00e4ten zu ver\u00e4ndern. Ich meine, wenn niemand bereit war, im Kleinen anzufangen, dann w\u00fcrde es auch noch in Hunderttausend Jahren noch die st\u00e4ndige Bedrohung der totalen Zerst\u00f6rung geben, wenn sie nicht schon viel eher irgendwann einmal geschehen war. Warum sollte man als Einzelner nicht damit anfangen, erst gar keine Waffe in die Hand zu nehmen, und statt dessen lieber etwas zu tun, was irgendwelchen Leuten wenigstens irgend etwas brachte? Aber ich sch\u00e4tze, damit h\u00e4tte ich bei ihm auch nicht viel losgemacht. Bestimmte Einstellungen sind so verkrustet, da\u00df man sich den Mund fusselig reden kann, ohne da\u00df es irgend etwas \u00e4ndert. Es h\u00e4tte schon einer ziemlich ausgefuchsten Argumentation bedurft, ihm so was klarzumachen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war kurz aufgestanden, um die T\u00fcr zuzumachen und hatte mich wieder hingehauen. Ich war tierisch aufgeregt, dabei. So was kann mich aufregen, zum Teufel, obwohl man sich eigentlich \u00fcber solche Dummheit nicht \u00e4rgern sollte. Aber man ist so hilflos. Eigentlich ist es Schwachsinn, sich \u00fcber so etwas aufzuregen, aber ich mu\u00dfte trotzdem pausenlos dar\u00fcber nachdenken und mir fielen noch tausend Sachen ein, die ich ihm einleuchtender h\u00e4tte erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, aber es h\u00e4tte vermutlich trotzdem nichts gebracht. Jedenfalls bin ich irgendwann mit diesem \u00c4rger und dem angestrengten Suchen nach neuen, weltbewegenden Argumenten ein bi\u00dfchen eingeratzt, was wohl das Beste war, da alles furchtbar frustrierend war.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">5<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 12\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich glaube, als Eremit w\u00e4re ich eine ziemliche Niete gewesen, weil, nachdem ich irgendwann abends wieder aufgewacht war und voll schlapp auf meiner Matratze rumlag, ging ich mir selbst ganz sch\u00f6n auf die N\u00fcsse. Es ist irgendwie ein frustrierendes Gef\u00fchl, wenn man den halben Tag verpennt, und dann so abgeschlafft ist, da\u00df man nicht wei\u00df, was man mit der anderen H\u00e4lfte des Tages anfangen kann. Das hei\u00dft, Tag war nicht mehr richtig. Denn inzwischen war es drau\u00dfen dunkel.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Am liebsten h\u00e4tte ich mich wieder umgedreht, und weitergeratzt, aber es ist nicht besonders befriedigend, die ganze Zeit absolut nichts zu tun. Allerdings wu\u00dfte ich auch nicht, was ich tun konnte. Es brachte nur \u00fcberhaupt keine Erregung, auf der Matratze liegen zu bleiben, und sich schlapp und unzufrieden zu f\u00fchlen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Also entschied ich mich dazu, einen drauf zu machen, obwohl die M\u00f6glichkeiten dazu in einem Kaff, wie diesem ziemlich mittelm\u00e4\u00dfig sind. Es gab nur eine Disco, in der sich allerdings manchmal ganz sch\u00f6n h\u00fcbsche Kinder rumtrieben. Und vielleicht lief mir ja auch der Wahnsinnstyp \u00fcber den Weg. Zumindest war die Wahrscheinlichkeit h\u00f6her, als wenn ich weiterhin schlapp in meiner Bude rumhing. Allerdings war mir auch ziemlich klar, da\u00df mir das \u00fcberhaupt nichts n\u00fctzte, wenn mir so ein Typ in der Disco oder sonstwo begegnete, solange ich es nicht packte, denjenigen dann auch anzusprechen. Aber das war etwas, was ich noch weniger drauf hatte, wie ein Sprung von einem zehn-Meter-Brett in der Badeanstalt. Meistens blieb es dabei, da\u00df ich ziemlich aufgeregt war, wenn mir so ein h\u00fcbscher Bengel \u00fcber die Turnschuhe stolperte, und ich dann ziemlich frustriert wieder nach hause fuhr.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich ging zu meiner M\u00fchle, um zum Bar-O-Meter zu d\u00fcsen. Das war der Laden, en, den ich zu diesem Zwecke ab und zu frequentierte. Es hatte aufgeh\u00f6rt zu pinkeln, und ein fast voller Mond schien durch die aufgelockerte Wolkendecke. Ich stand eine Weile nur so da und versuchte, etwas von diesen kosmischen Empfindungen in mich aufzunehmen, die einen manchmal \u00fcberkommen, wenn man so alleine unter dem Mond steht. Ich meine, die Sterne und der weite Himmel \u00fcber einem &#8211; jedenfalls \u00fcberkam mich dann manchmal so ein komisches Feeling von&#8230; ich wei\u00df auch nicht, was. Irgendwas gewaltiges und kosmisches, das all diese kleinen Erdenprobleme total belanglos erscheinen lie\u00df. Allerdings war dieses Gef\u00fchl an diesem Abend auch wieder nicht so stark, als da\u00df es mich davon abgehalten h\u00e4tte, die Disco aufzusuchen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es w\u00e4re wohl unheimlich sportiv gewesen, die paarhundert Meter zu Fu\u00df zu laufen, aber ich war ziemlich schlapp drauf. Und Murphy gab meiner Faulheit auch noch Nahrung, in dem er ad hoc ansprang. Das Bar-O-Meter ist direkt am Bahnhofsplatz. Ich stellte meine Kiste irgendwo ins Halteverbot, weil alle Parkpl\u00e4tze besetzt waren. Im tr\u00fcben Licht der Bahnhofszwiebel, die auf viertel vor zwei stand, tummelten sich ein paar Gestalten um einen Haufen Zeitungen. Ist ranzige Vorstellung, mitten in der Nacht aufzustehen, um Zeitungen in fremde H\u00e4user zu stecken. Das war so ungef\u00e4hr der letzte Job, den ich annehmen wurde.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ein paar Meter weiter stand ein Taxi, und der Fahrer war gerade damit besch\u00e4ftigt, an eine Hecke zu pinkeln. Ich stellte mir vor, da\u00df in dem Haus dahinter eine alte Oma wohnte, die es bestimmt reichlich \u00e4tzend gefunden h\u00e4tte, wenn sie gewu\u00dft h\u00e4tte, da\u00df ihr die Taxifahrer nachts an die Hecke pinkeln.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich ging auf den Eingang vom Bar-O-Meter zu, und z\u00f6gerte etwas, die T\u00fcr aufzumachen, weil es eine unangenehme Vorstellung ist, da\u00df alle Leute erst mal zur T\u00fcr gucken, wenn je und reinkommt. Andererseits, wenn man immer nur vor irgendwelchen An L\u00e4den stehen bleibt, anstatt reinzugehen, denken die Leute irgendwann, da\u00df man Dope zu verkaufen hat, oder so.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich ging also rein und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Es war ziemlich dunkel in dem Laden, abgesehen von dem roten und bunten Licht, das die Tanzfl\u00e4che beleuchtete und sich dauernd ver\u00e4nderte. Aus den Lautsprechern dr\u00f6hnten die wuchtigen Trommeln der Gruppe UB 40. Das ist so&#8217;ne Art Reggae und fetzt unheimlich los. Die Leute auf Tanzfl\u00e4che flippten auch ganz sch\u00f6n rum.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wollte erst mal abchecken, was alles so rumlief und deshalb eine Runde durch den Schuppen drehen. Das erfordert eine gewisse Mimik, weil, man Zur\u00fcckhaltung h\u00fcbschen Gesicht und jedem Blick, der einem hier begegnete, seinen Gef\u00fchlen freien Lauf lie\u00df, konnte man seine Visage hinterher wegwerfen. Ich meine, so viele, neue, aufregende Menschen, das kann einen schon verwirren, und es ist dann schwer, sich nichts anmerken zu lassen. ich stellte mir also vor, ich w\u00e4re Gary Cooper oder so jemand und schlenderte locker, aber bestimmt durch das Gew\u00fchl.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es waren mal wieder einige Leute da, die so sch\u00f6n waren, da\u00df es einem die Schuhe auszog. Ich meine, es gibt wirklich Typen, die sehen so gut aus, da\u00df man sich w\u00fcnscht, entweder selber so auszusehen, oder zumindest der beste Freund von so jemandem zu sein und aufregende Abenteuer mit ihm zu bestehen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich selber bin zwar nicht h\u00e4\u00dflich, aber auch nicht gerade umwerfend sch\u00f6n. Ich meine, ich hatte reichlich Probleme mit Pickeln. Herbe, da\u00df es kaum wirksame Mittel dagegen gibt. Dabei haben die Medizinm\u00e4nner doch alles m\u00f6gliche drauf, heutzutage. Sie wechseln einem das Herz aus oder transplantieren einem den Fu\u00df. Aber sie schaffen es nicht, solche \u00fcblen Sachen, wie Schnupfen oder Pickel wirksam zu bek\u00e4mpfen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Andererseits ist es vielleicht auch ganz gut so, ich meine, da\u00df ich nicht so ein Sch\u00f6nling bin. Denn wer wei\u00df, was aus mir geworden w\u00e4re, wenn alle Leute mich wegen meines Aussehens lieben w\u00fcrden. Jemand, der dauernd alles in der Arsch geschoben kriegt, weil er so&#8217;n h\u00fcbscher Bengel ist, hat es ja gar nicht n\u00f6tig, sich andere Qualit\u00e4ten anzueignen, um bei den Leuten anzukommen. Aber wenn man so aussieht, wie ich zum Beispiel, mu\u00df man sich schon etwas M\u00fche geben, um f\u00fcr seine Mitmenschen interessant zu sein.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Insofern ist es vielleicht doch von Vorteil f\u00fcr meine Entwicklung gewesen, obwohl ich ganz gerne auch gut<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 13\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">aussehen w\u00fcrde. Aber es ist wirklich schwierig, mit einer Handvoll Pickeln im Gesicht so etwas, wie Sex-Appeal auszustrahlen, oder so.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wei\u00df nicht, warum ich mir so viel aus Sch\u00f6nheit mache. Das war bei mir aber schon immer so. Ich erinnere mich noch, welche Schwierigkeiten ich w\u00e4hrend meiner Kindheit hatte, zu verstehen, warum die Menschen ihre Umwelt so h\u00e4\u00dflich gestalten. Wenn ich mal mit meinen Eltern in die Stadt fuhr, machte mich es immer ganz sch\u00f6n fertig, wie h\u00e4\u00dflich so eine Stadt aussieht. Oder wie \u00e4tzend sich die meisten Menschen einrichten. Zum Beispiel das Bad von meinen Alten; ein Boiler an der blau gestrichenen Wand, zum Trocknen aufgeh\u00e4ngte W\u00e4sche und ein total \u00f6der Duschvorhang. Naja, ist sicher auch eine Frage von Geld, wie man sich einrichten kann, aber daran dachte ich damals noch nicht, als mir \u00fcberall auffiel, wie h\u00e4\u00dflich die Welt war, wo sich die Menschen bet\u00e4tigt hatten. Oder ich mu\u00df nur an Campingpl\u00e4tze denken. So was h\u00e4\u00dfliches&#8230;<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Als ich so dar\u00fcber nachdachte, fiel mir auf einmal dieser s\u00fc\u00dfe Junge auf, der neben der Tanzfl\u00e4che stand und mit vertr\u00e4umten Augen auf die bunten Lichter blickte, die sich auf dem Boden spiegelten. Er hatte dunkle, seidig schimmernde Haare, ein h\u00fcbsches Gesicht und die vertr\u00e4umtesten Augen, die man sich denken kann. Ich war auf einmal ganz aufgeregt, denn wenn ich heute abend jemanden kennenlernen wollte, dann ihn. Allerdings war ziemlich unwahrscheinlich, da\u00df er mit seinen Augen von einem Typ wie mir tr\u00e4umte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Die einfachste Methode, so etwas abzuchecken, w\u00e4re nat\u00fcrlich gewesen, hinzugehen, und ihn zu fragen. Aber wer glaubt, da\u00df ich so etwas drauf habe, der ist nicht ganz edel im Sch\u00e4del.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Andererseits war ich ja aus genau diesem Grunde hierher gekommen. Und ich redete mir so lange ein, da\u00df ich ein Mann war, der das, was er sich vornimmt, auch durchzieht, bis ich den ernsthaften Entschlu\u00df gefa\u00dft hatte, zu ihm zu gehen, und ihn zu fragen, ob er ein Bier mit mir trinken wollte. Schlie\u00dflich w\u00fcrde es ja auch nicht so schlimm sein, wenn er dann nein sagte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Allerdings hatte ich reichlich Probleme, mein Vorhaben nicht wieder fallenzulassen. Meine Pumpe hatte auf einmal einen Wahnsinns-Rhytmus drauf. Fast so, wie UB-40. Aber ich versuchte einfach, mir nichts daraus zu machen und ging in seine Richtung.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war allerdings reine Adrenalinverschwendung. Denn als ich fast bei ihm war, machte er pl\u00f6tzlich &#8217;ne Biege. Keine Ahnung, warum. Es hatte wohl nichts mit mir zu tun, weil er gar nicht in meine Richtung gesehen hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich h\u00e4tte ihm einfach folgen sollen, aber meine gesamte Energie war bei meiner ersten Selbst\u00fcberredung drauf gegangen und ich mu\u00dfte mich jetzt erst mal beruhigen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich ging also ein bi\u00dfchen auf die Tanzfl\u00e4che, um da ein bi\u00dfchen mitzumischen. Zuerst hatte ich das gar nicht drauf und kam mir reichlich bl\u00f6d vor, weil meine Bewegungen reichlich taktlos waren. Aber ich versuchte, hart zu bleiben und wurde mit der Zeit auch etwas lockerer. Es bringt Bock, seinen K\u00f6rper passend zur Musik zu bewegen. Musik bekommt dann eine v\u00f6llig neue Dimension. Ab und zu ein kleiner Sprung, eine Drehung mit dem Oberk\u00f6rper, oder ein Nicken mit der Birne im Takt der verschiedenen Beats. Zwar mu\u00dfte ich die ganze Zeit an den Typ denken, aber dadurch, da\u00df ich tanzte, wurde die Leere durch seine Abwesenheit etwas kompensiert.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Als ich total na\u00dfgeschwitzt war, stellte ich mich wieder an die Seite und kam mir reichlich bl\u00f6d vor. Ich \u00fcberlegte die ganze Zeit, wohin er gegangen sein konnte. Nach Hause, oder nur mal aufs Schei\u00dfhaus? Und wenn er weg war, sollte ich dann wieder herkommen, um ihn wiederzusehen? Eigentlich lohnte es sich ja gar nicht, noch jemanden kennenzulernen, weil ich ja nicht mehr lange in diesem Gebiet sein w\u00fcrde. Der hier w\u00e4re es andererseits aber auch wert gewesen, ab und zu mal wieder hierher zu kommen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich habe mich mindestens so gr\u00fcndlich umgesehen, wie eine alte Oma, die vorhat, den Champs-\u00c9lys\u00e9es w\u00e4hrend der Rush-hour zu \u00fcberqueren, aber ich konnte ihn nirgendwo entdecken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Also tanzte ich weiter, weil die Musik unheimlich gut war. Ich tanzte so lange, bis mir die Beine weh taten. Die Schwei\u00dftropfen liefen mir von der Stirn und die Hose klebte an den Beinen fest. Das ist ganz sch\u00f6n stressig, aber andererseits bringt es Bock und ungesund ist es sicherlich auch nicht. Au\u00dfer, da\u00df die Luft ziemlich mies war, halt. Der Nikotinspiegel war so hoch, da\u00df ich fast Schwierigkeiten beim Atmen hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann war er auf einmal wieder da. Ich meine dieser Junge mit den vertr\u00e4umten Augen. Er hatte sich wohl was zu Trinken geholt, obwohl es ganz sch\u00f6n lange gedauert hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Eigentlich h\u00e4tte ich ihn jetzt ansprechen m\u00fcssen, aber irgendwie war der Dampf raus. Dann versuchte ich so was wie Blickkontakt aufzunehmen, aber das ist nicht so einfach, wenn man sein ganzes Leben gelernt hat, seine Feelings zu verbergen und sich nichts anmerken zu lassen. Wie soll man dann jemandem signalisieren, da\u00df man eventuell Interesse an ihm hat ? Jedenfalls immer, wenn sich unsere Blicke trafen, sah ich blitzschnell woanders hin. Ich brachte es einfach nicht fertig, zu l\u00e4cheln oder ihm zuzuzwinkern oder sonst irgendwelche Gesichtsgymnastik zu betreiben, die eindeutig war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann nervte mich das Ganze tierisch an. Eigentlich lag zwar alles nur an mir, aber trotzdem ging es mir gewaltig auf den Keks. Also nahm ich irgendwann meine Weste, die ich irgendwo hingelegt hatte und verlie\u00df den Schuppen mit einem Tempo, wie Napoleon auf der Flucht. Ich sah mich noch einmal zu dem Typ um, ob er sich eventuell umdrehte, aber ich war kaum entt\u00e4uscht, weil mir schon klar war, da\u00df es ziemlich unwahrscheinlich gewesen w\u00e4re, wenn er mir nachgeblickt h\u00e4tte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war ver\u00e4rgert \u00fcber mich selber, denn solange ich mich davor dr\u00fcckte, die Leute anzusprechen, die ich irgendwie gut fand, solange brauchte ich mich auch nicht zu wundern, da\u00df sich in meinem Liebesleben nichts abspielte. Eigentlich war es doch nichts Schlimmes, Ich meine, die meisten Leute gingen doch vermutlich mit der Vorstellung<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 14\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">in eine Disco, andere Leute kennenzulernen. Und sie w\u00fcrden zumindest damit rechnen, auch mal von einem Jungen angesprochen zu werden. Trotzdem hatte ich immer Schi\u00df vor der Reaktion des anderen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war ganz sch\u00f6n herbe, da\u00df ich nun wieder alleine nach Hause d\u00fcsen konnte. Dabei w\u00e4re es doch wirklich total simpel gewesen, den Typ zu fragen, ob er ein Bier mit mir trinken wollte, Schlie\u00dflich war ich nicht auf den Mund gefallen. Ich meine, ich habe ganz gute Spr\u00fcche drauf, manchmal, Nur versagt das alles, wenn ich irgend einen h\u00fcbschen Typ ansprechen wohl Au\u00dferdem ist es in einer Disco viel zu laut, um sich mit jemandem zu unterhalten. Zum Teufel, wenn man nur w\u00fc\u00dfte, ob so einer an einem Interesse hat, oder nicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich setzte mich erst mal in meine M\u00fchle und versuchte, der ganzen Sache einen positiven Aspekt abzugewinnen. Aber dazu h\u00e4tte man schon ein gewaltiges Abstraktionsverm\u00f6gen haben m\u00fcssen. Jedenfalls konnte ich mich nicht entschlie\u00dfen, loszufahren. Denn erstens wu\u00dfte ich nicht so recht, wohin und zweitens beschlug meine Brille wie wild, als ich sie aufgesetzt hatte, weil ich so hei\u00df<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">vom Tanzen war. Ich brauche eine Brille beim Fahren, weil ich ein bi\u00dfchen kurzsichtig bin. Ich hatte aber auch keinen Bock, sie st\u00e4ndig zu tragen. Vielleicht weil ich eitel bin.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das einzige Tr\u00f6stliche an dem ganzen Abend war gewesen, da\u00df ich gesehen hatte, da\u00df es noch andere Leute gab, die sich Nachts in der Disco rumtrieben. Und bestimmt war ich nicht der Einzige, der allein war. Und au\u00dferdem war es immer besser, sich irgendwie abzulenken, als in der Bude zu hocken und sich Selbstmordgedanken durch den Kopf zu jagen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Eigentlich ist es komisch; obwohl ich fast st\u00e4ndig total frustriert war, dachte ich nie ernsthaft an Selbstmord. Wenn ich auch nicht genau wu\u00dfte, was mich exakt davon abhielt. Vermutlich war es die Vorstellung, da\u00df jede Liebe im Jenseits k\u00f6rperlos ist, und da\u00df es dort keinen Mario gab, den man in Ermangelung eines K\u00f6rpers auch nicht liebhalten konnte. Und das wollte ich zumindest noch mal erleben, bevor ich die L\u00f6ffel abgab. Ich wei\u00df zwar nicht so genau, woher ich diese Vorstellung vom Jenseits hatte, auf alle F\u00e4lle hielt sie mich aber davon ab, mein Geld in Schlaftabletten anzulegen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Eigentlich habe ich keine Angst vorm Tod. Ich meine, wenn er kommt ist es schon okay. Hauptsache ich mu\u00df nicht irgendwo langsam und qualvoll in einem Krankenhaus abkratzen. Aber sonst meine ich, wenn es mich nicht gibt, kann ich mich auch nicht dar\u00fcber \u00e4rgern. Au\u00dferdem w\u00fcrde es einem eine Menge Leiden ersparen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dazu fiel mir dieser Spruch ein, der im Bar-O-Meter an den Kacheln im Schei\u00dfhaus stand.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Je fr\u00fcher Du stirbst, desto l\u00e4nger bist Du tot.&#8216; Man mu\u00df immer das Positive an den Dingen sehen. Andererseits war es bl\u00f6de, hier in der Kiste zu hocken, und \u00fcber Klospr\u00fcche nachzudenken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Der Taxifahrer stand auch immer noch da. War wohl alles tot, um diese Zeit. Wahrscheinlich las er jeden lausigen Artikel in der W\u00fcmme-Times und l\u00f6ste das Kreuzwortr\u00e4tsel.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war eigentlich keine schlechte Idee. Ich meine, Taxifahrer zu werden. Zumindest, bis ich irgendwas anderes gefunden hatte. Immer noch besser, als irgend ein mieser Job, wo man morgens um acht auf der Matte stehen mu\u00df. Ich fahre ganz gerne Auto, eigentlich. Fr\u00fcher, als ich noch keinen Lappen gehabt hatte, war ich manchmal mit der Kiste von meinem Alten durch die Gegend gegurkt. Ich hatte mir den Schl\u00fcssel geklemmt und bin dann mitten in der Nacht aufgestanden und losged\u00fcst. Das war tierisch aufregend.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich w\u00e4re beinahe r\u00fcbergegangen, um &#8217;ne Runde mit dem Taxi-Driver zu reden, \u00fcber den Job und so. Ich meine, was man tun mu\u00df, au\u00dfer den Leuten an die Hecke zu pinkeln. Aber vermutlich oh hatte gedacht, da\u00df er eine Wahnsinnstour nach Hamburg de oder so bekommen w\u00fcrde, wenn ich bei ihm eingestiegen w\u00e4re. Und da w\u00e4re er bestimmt reichlich sauer geworden, wenn ich gesagt h\u00e4tte, da\u00df ich nur ein bi\u00dfchen plaudern wollte. Kann sein, da\u00df ich zuviel R\u00fccksicht auf die Leute nehme, aber ich bin nun mal so.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wollte gerade meine M\u00fchle anwerfen, da liefen mir Bertold und seine Mieze \u00fcber den Standort. Berti war auch Zivi in den Anstalten und ich mochte ihn ganz gerne. Er war voll gut drauf und locker. ich mochte die Art, wie er lachte, wenn sich jemand f\u00fcr Details interessiert.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Vermutlich waren sie mit einem Zug aus Bremen gekommen. Wei\u00df der Henker, wo sie waren. Jedenfalls beneidete ich sie darum, da\u00df sie nicht alleine in die Disco gehen mu\u00dften, wenn sie mal einen drauf machen wollten. Ich h\u00e4tte auch gerne jemanden gehabt, mit dem ich zusammen was unternehmen konnte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich machte ihnen die T\u00fcr auf, weil das bei Murphy schon eine gewisse Fingerfertigkeit voraussetzt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Na, Alter? Hast Du auf jemanden gewartet?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Nee. Ich steh&#8216; hier nur zur Verzierung,&#8220; gab ich darauf zur\u00fcck, was nicht besonders komisch war, aber sie lachten beide dar\u00fcber. Ich lud sie ein, mit mir zu den Anstalten zu fahren, und, damit sie mich nicht mit Fragen durchl\u00f6cherten, erz\u00e4hlte ich ihnen, da\u00df ich im Barometer war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und wo kommt Ihr her?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Oh, wir waren in Bremen, bei einem Konzert von Mike Oldfield. Schade, da\u00df Du nicht mit warst. War echt gut.&#8220; Ich fand \u0301s auch schade, weil es sicher ein sch\u00f6nerer Abend gewesen w\u00e4re, mit den beiden ins Konzert zu fahren, als sich alleine Selbstmordgedanken durch den Kopf zu jagen. Ich \u00e4rgerte mich, da\u00df ich das verpa\u00dft hatte. Aber mein Informationsspiegel ist nicht besonders hoch, was kulturelle Veranstaltungen betrifft. Oder genauer, er ist nie sehr aktuell; ich erfahre solche Sachen immer erst, wenn sie gerade gelaufen sind.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Wo, in der Stadthalle?&#8220; fragte ich, w\u00e4hrend ich Murphys letzte Kraftreserven forderte. Manchmal mu\u00df ich auch ein bi\u00dfchen auf die Kacke hauen. Ich bin schlie\u00dflich auch nur ein Mensch.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Genau.&#8220;<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 15\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und? Gut?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Affengeil. War gerammelt voll. Aber dufte Sache. Wir waren ziemlich vorne an der B\u00fchne. Totales Gedr\u00e4nge. Und nachher sind die da alle rumgeflippt. Ganz sch\u00f6n hart. Und dann haben die im Zuschauerraum alle ihre Feuerzeuge angemacht. War echt gut. Und er, der alte Michael Altfeld steht da ganz cool, die Augen dicht, w\u00e4hrend er auf der Klampfe die h\u00e4rtesten Solos bringt. Der ist schon f\u00e4hig, da gibt&#8217;s nichts.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es ging mir ganz sch\u00f6n an die Nieren, da\u00df ich nicht dabei gewesen war. Ich meine, mit Berti in dem Gedr\u00e4nge, das w\u00e4re sicherlich sehr stark gewesen. Nicht, da\u00df jemand was Falsches denkt. Es w\u00e4re einfach sch\u00f6n gewesen, so eine Stimmung mit jemandem mitzuerleben, den man ganz gut abkann. Er hatte lange, blonde Haare und ein h\u00fcbsches Gesicht mit einem sehr kernigen, breiten Kinn.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war nicht viel Verkehr und so waren wir ziemlich schnell beim Gephardshof. Auf dem Weg zu unserer Bude legte Berti seinen Arm um seine Mieze, was mir auch schon wieder an die Nieren ging. Ich meine, nicht, da\u00df ich es ihr nicht geg\u00f6nnt h\u00e4tte, oder so. Aber irgendwo gab es mir einen kleinen Stich in der Gegend um die Pumpe.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">6<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Als wir oben waren, fragten sie mich, ob ich noch einen Tee mit ihnen trinken wollte. Ich bin nicht gerade verr\u00fcckt nach Tee. Andererseits w\u00fcrde ich mich vermutlich wieder ziemlich suicidm\u00e4\u00dfig gef\u00fchlt haben, wenn ich auf einmal wieder alleine gewesen w\u00e4re.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">In der Gemeinschaftsk\u00fcche war es etwa so gem\u00fctlich, wie in einem Waschsalon. Aber jeder Ort ist gem\u00fctlich, wenn jemand, wie Berti da ist. Ich meine, jemand, der gut drauf ist und einem Gelegenheit gibt, diesen Zustand mit ihm zu teilen. Ich mochte seine lockere, flockige Art, die irgendwo ganz niedlich war. Ich will nicht sagen, da\u00df ich in ihn verliebt war, und es gibt durchaus auch h\u00fcbschere Leute, aber in seiner N\u00e4he f\u00fchlte ich mich immer ganz wohl. W\u00e4hrend seine Mieze einen Tee ansetze, schl\u00fcsselte er seine Bude auf, in der es ziemlich chaotisch aussah. \u00dcberall lagen alle m\u00f6glichen Sachen herum, und man mu\u00dfte seinen Radar einschalten, wenn man nicht auf irgend etwas treten wollte. Daf\u00fcr hatte er es voll drauf, sein Fenster zu gestalten. Es hing eine ganze Menge Gem\u00fcse davor und eine gro\u00dfe Glaskugel, in der sich das Licht brach. Und wenn am Tag die Sonne durchs Fenster schien, leuchtete das Gr\u00fcnzeug und es sah echt gut aus.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Seine Musikanlage war Banane, um genau zu sein. Daf\u00fcr hatte er jede Menge gute Scheiben. Phil Collins und Peter Green, zum Beispiel.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war zu ihm ins Zimmer gekommen, weil mir das mehr gab, als seiner Ische in den Teekessel zu gucken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich legte die Scheibe &#8222;Vensters&#8220; von Harry Sacksioni auf, weil das im Moment am besten zu meiner Stimmung pa\u00dfte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Er war damit besch\u00e4ftigt, seinen Radiowecker auf viertel vor sechs zu stellen, weil er morgen Fr\u00fchdienst hatte. Er hatte einen total festen Schlaf, da\u00df er das Ding immer volle Kanne aufrei\u00dfen mu\u00dfte, um \u00fcberhaupt wach zu werden. Manchmal verga\u00df er, das Teil abzustellen, wenn er frei hatte und zu Hause war. Und dann ging Morgens ein tierisches Get\u00f6se los und keiner konnte die Karre abstellen. Bis einer auf den Trichter gekommen war, die Sicherungen rauszudrehen. Das ging, nur mu\u00dften dann s\u00e4mtliche Radiowecker neu eingenordet werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Hast Du morgen auch Dienst?&#8220; fragte er mich.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ja. Letzte Tag, morgen.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich freute mich, da\u00df er gefragt hatte, weil es mir zeigte, da\u00df es ihm nicht ganz gleichg\u00fcltig war, was ich machte. &#8222;Der Tee ist fertig,&#8220; kam es dann aus der K\u00fcche.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Wir gingen r\u00fcber, und auf dem Weg erz\u00e4hlte er von seinem Dienst am Vormittag. Mittwochs werden die Behinderten immer mit dem Bus zum Baden gefahren. Nat\u00fcrlich nur die, die nicht an einen AOK-Shopper gefesselt sind, oder beim Anblick von H20 einen Anfall bekommen. War immer &#8217;ne sch\u00f6ne Sache, mit den Jungens Baden zu fahren, au\u00dfer, wenn einer ausflippte. Aber meistens war es ganz witzig, mit den Jungens eine Art von Freistilwasserball zu spielen, wo jeder seine speziellen Unf\u00e4higkeiten an den Tag legte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und der eine, Albrecht, den m\u00fc\u00dftest Du auch kennen. Jedenfalls, das ist so&#8217;n Epileptiker und der macht immer &#8217;ne Riesenshow davon, wenn er ins Wasser springt. Na, und gestern springt der rein und kommt nicht wieder hoch.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">An der Stelle fing er heiter an zu lachen. So hart kann es also nicht gewesen sein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ich hab&#8216; das erst gar nicht gepeilt, weil ich am anderen Ende vom Becken war. Jedenfalls hat Junker den erst mal rausgefischt und dann lag Albrecht da &#8217;ne ganze Weile an der Kante und hat nichts gesagt. Wir hatten voll die Panikgef\u00fchle, kannst&#8216; Dir vorstellen. Wir wu\u00dfte ja gar nicht, was Sache war. Jedenfalls hat Junker dann gesagt ,Ja, der bleibt wohl n\u00e4chstes Mal besser zu Hause.&#8216; und bums, war der wieder auf&#8217;m Sender.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Berti lachte tierisch, und es war ganz sch\u00f6n, eigentlich. Ich meine, er hatte so ein offenes und fr\u00f6hliches Lachen. Ganz nat\u00fcrlich. Er tat nicht so, als ob er lachte, oder dachte lange dar\u00fcber nach, wie er lachen sollte, sondern tat es einfach. Das haben nicht viele Leute drauf. Meistens merkt man, da\u00df sie nur lachen, weil man es von ihnen erwartet. Bei mir l\u00e4uft auch erst mal alles oben durch die Birne, und das verdirbt eigentlich schon alles. Deswegen mag ich Typen, die alles, was sie machen, von innen heraus tun. Einige Leute m\u00f6gen das als primitiv bezeichnen. Aber Berti war nicht primitiv. Er war einfach nat\u00fcrlich und das mochte ich.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Naja, damit bist Du ja jetzt durch,&#8220; sagte Berti.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das stimmte, obwohl ich das Baden mit den Jungens doch vermissen w\u00fcrde. Ich bin eigentlich keine Wasserratte. In<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 16\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">der Schule hatte ich sogar einen tierischen Horror davor, weil die Lehrer immer von dem sportlichen Standart der meisten Jungens ausgingen, und ich schon froh war, wenn ich mich ein paar Minuten \u00fcber Wasser halten konnte. Aber beim Baden mit den Jungens wurde nichts verlangt, sondern es war ganz locker und da hatte ich zum ersten Mal rausgefunden, wie sch\u00f6n das ist, eine Rolle im Wasser zu machen, oder ganz nach unten zu tauchen, um dann andere zu \u00fcberraschen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und was hast Du jetzt so vor?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war &#8217;ne gute Frage, weil ich in der n\u00e4chsten Zeit erst mal durchh\u00e4ngen w\u00fcrde und ich selber nicht wu\u00dfte, was ablaufen w\u00fcrde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Mal seh&#8217;n. Vielleicht bekomme ich ja einen Job in irgendeinem Fotoladen.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war nun echt das Letzte, wo ich Triebe zu hatte, hinter dem Ladentisch zu stehen und absoluten Laien zu erkl\u00e4ren, warum ein Kleinbildfilm kein Rollfilm ist, obwohl beide gerollt werden, oder was wei\u00df ich. Aber die Leute erwarten halt, da\u00df man irgendeine Perspektive hat und es war schlimm genug, da\u00df ich \u00fcberhaupt keine hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es w\u00e4re optimal, irgendwie selbst\u00e4ndig zu sein. Ich war nicht schlecht drauf, fotom\u00e4\u00dfig, und irgendwie mu\u00dfte man da doch einen Dreh dran kriegen, davon leben zu k\u00f6nnen. Und wenn das nicht m\u00f6glich war, dann konnte ich ja zwischendurch Taxifahren. Die Vorstellung gefiel mir ganz gut, obwohl ich \u00fcberhaupt keine Ahnung hatte, ob und wie sich das arrangieren lassen w\u00fcrde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und willst nicht studieren?&#8220; fragte Berti und ich erz\u00e4hlte ihm zum zehnten Mal, da\u00df ich kein Abi hatte. In der zw\u00f6lften Klasse hatte ich das Handtuch abgegeben, haupts\u00e4chlich, weil ich die Sache mit der Mathe irgendwann nicht mehr geblickt hatte. Integralrechnung und Exponentialfunktionen. Null Ahnung, wof\u00fcr so was gut sein soll. Irgendwann hat mein Enthusiasmus jedenfalls nicht mehr ausgereicht, um mir den immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Berg von unverst\u00e4ndlichen Sachen reinzutun. Ich mu\u00df wenigstens einsehen, wof\u00fcr, wenn ich mich mit solchen abstrakten Dachen n\u00e4her besch\u00e4ftigen soll. Und wenn ich das Abi hatte, waren meine Chancen dann besser, nicht arbeitslos zu werden? Wozu sollte ich studieren, wenn ich sp\u00e4ter keine Anstellung bekommen w\u00fcrde, was in diesen Zeiten wahrscheinlich war. Und wozu sollte ich das Abi schaffen, wenn ich nicht mal an die Hochschule kam?<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich bin dann in den Mathestunden immer mit ein paar Leuten Kaffeetrinken gegangen, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben, weil gut ein Drittel der Klasse in den Mathestunden Schmacht auf Kaffee hatten. Nur, da\u00df die meisten anderen sich das leisten konnten, weil sie das alles voll rafften, und ihnen der Unterricht viel zu lahm war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls lie\u00df sich irgendwann nicht mehr verheimlichen, da\u00df der Zug abgefahren war. Es gab reichlich Trouble zu Hause. Mein Alter wollte mich vor die T\u00fcr setzten, wenn ich nicht weiter machte. Aber irgendwann kam auch er dahinter, da\u00df nichts laufen w\u00fcrde, abim\u00e4\u00dfig.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die beiden schienen zu merken, da\u00df ich nicht viel Bock hatte, \u00fcber trostlose Zukunftsperspektiven zu parlieren und Bertis Freundin go\u00df mir erst mal ,n neuen Becher Tee ein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und wie ist das mit Deiner Mieze so? Tut sich da was?&#8220; fragte er nach einer Weile.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war voll herbe, weil ich ihm mal erz\u00e4hlt hatte, da\u00df ich &#8217;ne unerwiderte Liebe hatte und so, weil er unbedingt wissen wollte, warum ich keine Mieze hatte. Ich hatte ihm nicht gerade auf die Nase binden wollen, da\u00df ich schwul war. Sicher w\u00fcrde er mich nicht verurteilen, wenn ich meine wahren Probleme vom Stapel gelassen h\u00e4tte, und seine Mieze sah das sicher auch nicht so eng. Ich h\u00e4tte es einfach sagen sollen, zum Teufel. Aber ich hatte einfach nicht den richtigen Drive, so was zu bringen. Deswegen antwortete ich so ausweichend, wie ich es jahrelang ge\u00fcbt hatte. &#8222;Spielt sich nichts ab.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Hast Du sie denn schon mal gefragt?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war ein spezifisches Problem von mir; ich erz\u00e4hlte immer, da\u00df ich in JEMANDEN ungl\u00fccklich verliebt war, und da\u00df sich DIE PERSON nicht f\u00fcr mich interessierte, und die Leute schlossen immer automatisch darauf, da\u00df ich eine MIEZE wollte, und da\u00df SIE sich nicht f\u00fcr mich enthusiasmieren konnte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ich wei\u00df es einfach,&#8220; sagte ich und es klang bestimmt ganz sch\u00f6n sauer. Ich war es auch, eigentlich, aber mehr \u00fcber mich selber, weil ich es nicht drauf hatte, offen zu sagen, was Sache war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war voll nerv\u00f6s und ging erst mal auf Bertis Bude, um &#8217;ne andere Scheibe aufzulegen. Er ging nicht besonders gut mit den Dingern um; \u00fcberall lagen die besten Scheiben ohne Pelle auf dem Boden und verstaubten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich suchte diese Platte von PASSPORT raus, wo vorne der alte Dampfer auf dem Cover ist. Das St\u00fcck ,Ancient Saga&#8216; ist mein Lieblingsst\u00fcck. Es ist zugleich sehns\u00fcchtig und harmonisch und andererseits herbe und jazzig.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Starke Scheibe, was?&#8220; fragte Berti, der ins Zimmer gekommen war. Ich kniete mit dem R\u00fccken zur T\u00fcr neben dem Plattenspieler.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte den vagen Eindruck, da\u00df seine Mieze auch im T\u00fcrrahmen stand, obwohl ich nicht sicher war. Ich wollte mich nicht umdrehen, weil mir auf einmal ziemlich zum Heulen war, und ich nicht wollte, da\u00df er das mitkriegte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich mu\u00dfte an Mario denken, und daran, da\u00df ich nie jemanden hatte, den ich mal liebhalten konnte. Und da\u00df ich noch nicht mal dar\u00fcber reden konnte. Obwohl ich das Gef\u00fchl hatte, da\u00df sie mich verstehen w\u00fcrden und mich sogar tr\u00f6sten wollten. Sie schienen zu sp\u00fcren, was in mir vorging, und am liebsten h\u00e4tte ich es ihnen gesagt, aber ich sch\u00e4tze, ich h\u00e4tte dann voll losgeheult. Und ich verliere ungern die Haltung. Keine Ahnung, warum ich nicht zu meinen Gef\u00fchle stand, aber es war eben nicht \u00fcblich. Eigentlich machte ich mir ja nichts daraus, was \u00fcblich ist, oder nicht, aber ich hatte wohl nicht gelernt, \u00fcber irgendwas zu reden, was so dick war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Berti kniete sich neben mich auf den Boden und sagte: &#8222;Alles nicht so einfach.&#8220;<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 17\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Und das machte mich noch viel trauriger. Ich wei\u00df nicht, wie ich es geschafft habe, nicht loszuheulen. Irgendwie war es unendlich traurig, da\u00df Berti mich so ein bi\u00dfchen verstand, aber eben doch nicht ganz.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">7<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es war reichlich sp\u00e4t in der Nacht, als wir schlie\u00dflich auseinandergingen. Ich w\u00e4re zwar gerne noch ein bi\u00dfchen mit den beiden zusammen geblieben, aber Berti hatte nun mal Fr\u00fchdienst und es war klar, da\u00df er zwischendurch noch \u0301ne Runde Knacken wollte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich ging wieder auf meine Bude und war total frustig drauf. Besonders, weil ich dauernd daran denken mu\u00dfte, da\u00df die beiden sich jetzt gem\u00fctlich zusammen auf die Matratze hauen w\u00fcrden und sich sicher noch eine Weile streicheln w\u00fcrden und so. Nicht, da\u00df ich Berties Mieze das nicht geg\u00f6nnt h\u00e4tte, oder so, aber mir h\u00e4tte ich es Auch geg\u00f6nnt, zum Teufel.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann mu\u00dfte ich nat\u00fcrlich an Boris denken, der heute mit seiner Freundin irgendwo zelten wollte. Und ich stellte es mir ganz sch\u00f6n gem\u00fctlich vor, zusammen mit Boris in einem kleinen zwei-Mann-Zelt zu liegen und den Regen auf das Zeltdach tropfen zu h\u00f6ren.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Boris hatte ich vor drei Jahren im Jugendzentrum in unserem Nest kennengelernt. Ich wei\u00df nicht mehr, warum ich in dem Laden gewesen war, aber vermutlich hatte es zu Hause mal wieder Zoff gegeben. Mein Alter verlor manchmal die Beherrschung und ab und zu flogen dann irgendwelche Lebensmittel durch die Gegend. Das war eine schwere Zeit f\u00fcr mich, weil ich darauf angewiesen war, zu Hause zu wohnen und ich meinem Alten nicht einfach erz\u00e4hlen konnte, da\u00df er mir gar nichts zu sagen hatte. Er hatte mir etwas zu sagen, nur, da\u00df er immer auf Sachen rumritt, die ich \u00fcberhaupt nicht einsehen konnte. Jedenfalls trieb ich mich in dieser Zeit ziemlich viel in diesem Laden rum, um der dicken Luft zu Zause zu entgehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">An dem Tag war voll tote Hose in dem Jugendtreff und deswegen nahm ich mir erst mal dieses Weltraumspiel vor. Sie hatten so einen Bildschirmapparat, wo man jede Menge Raumschiffe umnieten konnte, wenn man eine Mark in den Schlitz investierte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich machte mir nicht viele Gedanken darum, ob das das richtige Spielzeug f\u00fcr einen pazifistisch veranlagten Menschen ist. Es gibt Leute, die sagen, Dinger machen aggressiv, aber das ist totaler Schwachsinn. Es bringt einfach Bock, und schlie\u00dflich sind es auch nur Lichtpunkte, die man zerst\u00f6rt. Und man tut niemandem weh, damit.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es ist einfach eine Herausforderung an die Reaktion, und an was wei\u00df ich. Jedenfalls mu\u00df man schon hervorragend gut drauf sein, wenn man l\u00e4nger als zehn Sekunden \u00fcberleben will. Allerdings war ich nicht gerade eine Koryph\u00e4e auf der Mattscheibe. Aber es brachte eben Bock.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Mit der linken Hand konnte man die Fahrtrichtung des eigenen Schiffes steuern und mit der rechten den roten Knopf bet\u00e4tigen. Und nachdem ich eine Mark investiert hatte, ging es gleich los; von allen Seiten kamen feindliche UFOs an und Raumminen und so. Und ich war gewaltig am Wirbeln. Trotzdem dauerte es nicht sehr lange, bis ich meine erste M\u00fchle in atomaren Staub verwandelt hatte. Irgend so ein verdammter Aufkl\u00e4rer war mir voll von hinten in die Maschine gejagt und da war nat\u00fcrlich alles zu sp\u00e4t. Sind verdammt t\u00fcckisch, diese Dinger.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Man hat drei Schiffe zur Verf\u00fcgung und mit dem zweiten kam ich auch etwas weiter. Ein rundes Dutzend Feindschiffe mu\u00dfte dran glauben und ich hatte knappe sechstausend Punkte. Der High Score lag bei guten neunzigtausend. So weit kam ich allerdings nie. Jedenfalls war ich gerade voll in Action, da ein formierter Angriff von f\u00fcnf Zerst\u00f6rern angesagt war, als sich dieser Typ neben mich stellte Allerdings kann man sich nicht um zwischenmenschliche Beziehungen k\u00fcmmern, wenn man gerade mit einer Handvoll UFOs zu tun hat. Also scho\u00df ich vier von den Dingern ab und das f\u00fcnfte sah zu, das es weg kam. Das faszinierende an diesen Apparaten ist ja, da\u00df sie tats\u00e4chlich individuell auf jede Situation reagieren. Nur d\u00fcste ich dabei voll in eine Raummine, womit ich nat\u00fcrlich weg vom Fenster war.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Dann drehte ich meine Birne erst mal so weit rum, da\u00df ich den Typ anvisieren konnte. Das brachte mein Herz fast noch mehr zum Bubbern, als die gesamte Feindflotte in dem Kasten. Es war n\u00e4mlich ein verdammt h\u00fcbscher Junge. Ich meine, Blonde Haare und ein h\u00fcbsches Gesicht und scheinbar ganz gut gebaut. Seine Haut sah braun und gesund aus und ich wurde ziemlich nerv\u00f6s. Und dann fragte er mich mit diesem umwerfenden, jungenhaften L\u00e4cheln, ob er jetzt mal k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich sagte \u00fcberhaupt nichts, weil ich vermutlich sowieso nichts Senkrechtes zur Sprache gebracht h\u00e4tte und machte den Hocker vor der Killerautomaten frei. Er sagte sowas, wie ,Danke&#8216; und hockte sich hinter das Ger\u00e4t, als wenn er seit der Taufe nichts anderes gemacht hatte und steckte eine M\u00fcnze in die Kiste. Und dann r\u00e4umte er erst mal auf, mit den UFOs. Und er machte das so routiniert, da\u00df die Feindschiffe \u00fcberhaupt nicht zu Potte kamen. Er lie\u00df ihnen total M keine Chance, ,Bei Dir haben die UFOs nicht viel zu melden, was?&#8216; sagte ich, als ich meine Nervosit\u00e4t wieder einigerma\u00dfen im Griff hatte. Er lachte kurz und griff dann das riesige Mutterschiff an. Da geh\u00f6rt schon einiges zu, weil man erst die Au\u00dfenw\u00e4nde anknabbern mu\u00df und dann durch einen ganz engen Schacht genau in die Energieaggregate feuern mu\u00df. Gleichzeitig mu\u00df man nat\u00fcrlich aufpassen, da\u00df man die anderen kleinen M\u00fchlen in Schach h\u00e4lt. Aber das lie\u00df ihn scheinbar v\u00f6llig kalt. Er machte das voll systematisch und traf dann in den Reaktor, womit der Kolo\u00df zu einem riesigen Feuerball wurde und sich verfl\u00fcchtigte. Das gab nat\u00fcrlich massenhaft Punkte. W\u00e4hrend er die Galaxis unsicher machte, betrachtete ich ihn von schr\u00e4g hinten. Mann, dieser blonde Wuschelkopf konnte einen ganz sch\u00f6n nerv\u00f6s machen. Er war nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig gro\u00df, hatte aber ganz sch\u00f6n kr\u00e4ftige Schultern.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 18\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Und in seinen ausgewaschenen Jeans steckte ein sagenhaft runder, knackiger Hintern. Es gingen Tausend Sachen vor in meinem Kopf. Vor allem hoffte ich, da\u00df ich ihn irgendwie n\u00e4her kennenlernen w\u00fcrde. Aber so ein St\u00fcmper, wie ich in Sachen Weltraumkrieg, da konnte ich ihm ja nicht viel beibringen. Aber wer wei\u00df, vielleicht brachte es ihm Bock, mit dem Auto durch die Gegend zu d\u00fcsen und sich vorzustellen, es w\u00e4re ein Raumjet. Auf alle F\u00e4lle mu\u00dfte ich zusehen, da\u00df mir diese Chance nicht entging. Ich meine, ich mu\u00dfte den Kontakt irgendwie intensivieren, so, da\u00df es f\u00fcr ihn reizvoll w\u00e4re, mich n\u00e4her kennenzulernen. Er sah noch sehr jung aus, vielleicht siebzehn oder so. Ich war zwar \u00e4lter, aber allzuviel hatte ich auch noch nicht anzubieten. Jetzt w\u00e4re es nicht schlecht gewesen, wenn ich eine eigene Bude gehabt h\u00e4tte, nicht, um ihn ins Bett zu bringen &#8211; daran dachte ich noch gar nicht. Aber ich wollte ihn unbedingt n\u00e4her kennenlernen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">,Wenn Du die Hunderttausend Punkte voll hast, geh\u00f6rt Dir dann der Apparat?&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er lachte wieder dieses offene, fr\u00f6hliche Lachen. Er hatte einen sch\u00f6nen Mund. Noch ganz bartlos, wenn man von dem d\u00fcnnen blonden Flaum absah, der sich \u00fcber seinen Lippen abzeichnete.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann hatte er den High-Score des Tages erreicht und er trug seinen Namen ein. Mit dem Steuerhebel konnte man das Alphabet durchsausen lassen und mit dem Feuerknopf den gew\u00fcnschten Buchstaben einprogrammieren. BORIS hie\u00df er demnach.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Nicht schlecht, Boris,&#8220; sagte ich. \u0301Sch\u00e4tze, damit wirst Du in die Weltraumgeschichte eingehen.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das Lachen, das er daraufhin ablie\u00df, zog mir ganz sch\u00f6n die Socken aus. Ich meine, eine, es war so ein offenes und fr\u00f6hliches Lachen. Jedenfalls war das noch sch\u00f6ner, als ein Sonnenuntergang im Teufelsmoor, wenn sich jemand f\u00fcr Details interessiert.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war ganz gut drauf, in dem Augenblick. Nur, da\u00df dann von irgendwoher eine Mieze auftauchte und ihm von hinten die Arme um den Bauch legte. Das ist mir dann schon wieder ganz sch\u00f6n an die Nieren gegangen obwohl es ja ziemlich naheliegend war. H\u00fcbsche Typen sind erfahrungsgem\u00e4\u00df immer von einem guten Duzend Weibern umlagert, die ihn anhimmeln.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Allerdings hielt mich das auch nicht weiter davon ab, in der folgenden Zeit mein gesamtes Taschengeld in den Killerautomaten zu stecken, und ihn auf diese Art und Weise dann des \u00f6fteren zu sehen. Und wir haben uns echt gut verstanden. Er hatte auch einige Spr\u00fcche drauf und war manchmal wirklich ganz sch\u00f6n komisch. Auf alle F\u00e4lle hatten wir auf vielen Gebieten die gleiche Wellenl\u00e4nge.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">In dem Zusammenhang war nat\u00fcrlich sehr g\u00fcnstig, da\u00df ich eine Blechkiste hatte, weil ich ihn so des \u00f6fteren dazu \u00fcberreden konnte, etwas mit ihm zu unternehmen. Und manchmal hatten wir eine Menge Spa\u00df. Ich erinnere mich noch an das eine Rockkonzert in der Unimensa. Die Gruppe hie\u00df BOTS und kam aus Holland, und machten eine Art politische Rock. Ein St\u00fcck hie\u00df ,Aufstehen&#8216; und es war echt tierisch, wie dann bei jeder Gruppe, die in dem Text aufgefordert wurde, aufzustehen, einige Leute im Saal aufstanden. So was kann einem durch und durch gehen, wenn so eine Riesen Masse Leute sich einig sind \u00fcber bestimmte Dinge. Die Gruppe ist total f\u00e4hig.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber das Sch\u00f6nste an dem Konzert war nat\u00fcrlich, das Boris bei mir war. Und auf dem Heimweg waren wir beide wirklich tierisch gut drauf. Dummerweise stand dann eine Anhalterin an der Stra\u00dfe und ich hielt auch noch an, weil Boris sagte: ,Die nehmen wir mit.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war keine gute Entscheidung, denn unterwegs fing Boris dann an, die Mieze anzumachen, da\u00df einem die Fu\u00dfn\u00e4gel hochklappten. Er machte sich gar nicht die M\u00fche, sich irgend etwas Unauff\u00e4lliges auszudenken, um herauszufinden, ob er bei ihr Chancen hatte. Er fragte sie gleich, was sie heute Nacht machen w\u00fcrde und solche Sachen. Und als sie nicht direkt darauf einging, fragte er, ob sie nicht wisse, was gut w\u00e4re und solche Spr\u00fcche. Sie lachte und sagte, da\u00df er ganz nett und ganz h\u00fcbsch w\u00e4re und sie w\u00fcrde sich das Angebot \u00fcberlegen. Dann fragte sie ihn, wie alt er w\u00e4re und er sagte: ,Naja, fast siebzehn, aber es ist schon alles voll entwickelt. \u0301<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das haut nat\u00fcrlich ganz sch\u00f6n rein, wenn man so was mitkriegt. Ich meine, wie er die intimsten Vorz\u00fcge seines K\u00f6rpers so unverhohlen darbot &#8211; da war mir schon klar, da\u00df ich bei ihm wohl schlechte Karten haben w\u00fcrde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sie haben dann noch ihre Adressen ausgetauscht und, naja, Boris hat diese Freundin heute immer noch. Ich k\u00f6nnte mir stundenlang in den Arsch bei\u00dfen, da\u00df ich damals angehalten habe.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Am Tag darauf hatte ich mir dann fest vorgenommen, mal ganz ernsthaft mit Boris zu reden, um mal abzuchecken, was angesagt war. Ich wollte ihm sagen, da\u00df es wohl keinen Zweck h\u00e4tte, wenn wir weiter befreundet blieben, weil ich inzwischen erkannt h\u00e4tte, da\u00df ich ihn nicht haben k\u00f6nnte, und da\u00df es mir nur weh tun w\u00fcrde, wenn ich immer nur von ihm tr\u00e4umen k\u00f6nnte und so. Ich meine, es w\u00e4re wirklich am vern\u00fcnftigsten gewesen, einzusehen, da\u00df ich null Chancen bei ihm h\u00e4tte, und zu versuchen, ihn zu vergessen. Und da\u00df wollte ich ihm auch sagen. Allerdings hoffte ich nat\u00fcrlich irgendwo, da\u00df er mir dann sagen w\u00fcrde, da\u00df er mich auch gerne h\u00e4tte, und da? er auch nicht dagegen h\u00e4tte, mal mit mir zu schmusen, oder so, obwohl das unwahrscheinlich war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich bin echt mit dem festen Vorsatz zu ihm gegangen, ihm zu sagen, Was Sache war, aber dann war er gerade voll im Aufbrechen und fragte mich, ob ich nicht mitkommen wollte, zum Baden.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich bin zwar kein Wasserfreak, oder so was, aber im Augenblick war sowieso keine gute Gelegenheit f\u00fcr ein ernstes Gespr\u00e4ch, also bin ich mitgefahren.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ist ,n ziemlich versyphter Flu\u00df, die Hamme und bei hygienischer und toxikologischer Betrachtung d\u00fcrfte man das Wasser eigentlich nicht mal angucken, aber irgendwann hat Boris mich mal reingeschubst, und von da an war es auch egal. Es brachte jedenfalls eine Menge Spa\u00df, im Wasser rumzutoben, wenn ich auch nicht viel besser schwimmen konnte, als eine schwangere Antilope. Aber ich glaube, ich hatte selten soviel Spa\u00df, wie in dieser Zeit.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 19\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war damals schon einundzwanzig, ab er ich f\u00fchlte mich auf einmal j\u00fcnger, als in der Zeit, So ich so jung war, wie ich mich f\u00fchlte. In meiner Schulzeit war ich ein ziemlicher Waschlappen, der voller Minderwertigkeitsgef\u00fchle steckte und deshalb nie so locker drauf war. Jedenfalls holte ich in der Zeit all das nach und das war nicht von \u00fcbel. Ich kam mir dabei fast wie ein normaler Junge vor, weil ich genauso rumalberte und jeden totalen Schwachsinn mitmachte, wie die anderen auch. Nur, wenn ich an Boris dachte, das, was ich dabei f\u00fchlte, war absolut nicht normal.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Oh Mann! Dieser kr\u00e4ftige, sonnengebr\u00e4unte K\u00f6rper und dazu dieses niedliche Gesicht mit den blonden Haaren auf der R\u00fcbe, das war schon nett. Und wenn er dazu so heiter und offen lachte, dann tr\u00e4umte ich davon, mit ihm irgendwo ganz allein auf einer Bananeninsel zu leben und den ganzen Tag mit ihm zu schmusen. Aber da spielte sich nichts ab, denn daf\u00fcr hatte er ja seine Mieze, die jede Minute bei ihm war und ihm die Arme um den Torso legte. Niemand dachte sich was dabei und es war voll normal. Nur ich war immer ungeheuer traurig dabei, weil ich auch gerne dieses Gl\u00fcck gehabt h\u00e4tte, seinen K\u00f6rper zu sp\u00fcren, seine Haut zu f\u00fchlen und seine kr\u00e4ftigen Arme um mich zu sp\u00fcren. Er hatte wirklich ganz sch\u00f6n was in den ;Muscheln, das mu\u00df man schon sagen. Erst sechzehn Jahre alt, aber ein K\u00f6rper, wie ein B\u00e4r. Ich habe wirklich sehr oft davon getr\u00e4umt, wenn ich an ihrer Stelle sein k\u00f6nnte und seine ? k\u00f6nnte, aber selbst, wenn ich irgendwie das mal in den Griff kriegen sollte, dann konnte ich nicht einfach mit ihm am Ufer der Hamme schmusen, weil dann auf einmal alle Freunde, mit denen wir uns so gut verstanden, irgendwelche hohlen Bemerkungen machen w\u00fcrden. \u0301Guckt Euch die beiden Schwulen an,&#8216; oder so was. So was ist herbe, ich meine, da\u00df doch, was ich mir unter der totalen Happyness vorstelle, eine totale Verachtung bei den meisten Menschen ausl\u00f6sen w\u00fcrde. Es ist wirklich schade, da\u00df so sch\u00f6ne Dinge, wie mit einem h\u00fcbschen blonden Freund am Ufer der Hamme zu liegen und zu schmusen, immer so einen bitteren Beigeschmack haben. Und gegen solche Vorurteile ist man echt machtlos. Selbst, wenn man sich vornimmt, sich nichts daraus zu machen, Was die Leute sagen, ist es doch ganz sch\u00f6n herbe, mit so was st\u00e4ndig leben zu m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Manchmal sind wir auch mit Boris \u0301 Boot die Hamme entlang gefahren. Er hatte so einen alten Holzkahn mit Au\u00dfenborder, mit dem er die ganze Gegend von Melchiors H\u00fctte bis zur Teufelsmoorschleuse unsicher machte. Es war echt sagenhaft sch\u00f6n, mit ihm Boot zu fahren. Obwohl diese tr\u00fcben Gedanken auch da immer dabei waren und ich mich nie so recht an allem freuen konnte, weil st\u00e4ndig diese unerf\u00fcllbare Sehnsucht nach einer intensiveren Beziehung zu Boris mitruderte. Einmal war ich fast soweit, ihn sp\u00fcren zu lassen, was ich f\u00fcr ihn empfand. Wir waren alleine mit seinem Kahn auf dem Weg zur Pionierbr\u00fccke, als es auf einmal tierisch zu gie\u00dfen anfing. Das kam so \u00fcberraschend, weil es den ganzen Tag etwas bedeckt war, aber sonst nur schw\u00fcl. Und nun kam da die ganze N\u00e4sse aus dem bi\u00dfchen Wolkendecke. Jedenfalls war Boris wie wild am Wirbeln, da\u00df er seine Plane \u00fcber den Kahn packte. Und dann blieb uns nicht weiter \u00fcbrig, als nebeneinander in seinem Boot zu liegen und zuzuh\u00f6ren, wie der Regen auf die Abdeckung tropfte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Boris hatte nur seine Jeanshose an und sonst nichts. Jedenfalls als ich so neben ihm lag und der Kahn so langsam hin und her schaukelte, da h\u00e4tte ich ihn am liebsten umarmt. Er lag mit dem Bauch auf der Matratze und auf seinem breiten, braungebrannten R\u00fccken liefen die Schwei\u00dftropfen nur so runter. Seine blonde Birne lag auf seinen starken Armen und er st\u00f6hnte \u00fcber die Hitze. Ich wischte einmal kurz mit der Hand \u00fcber seinen R\u00fccken, um den Schwei\u00df zu sammeln und dann fragte ich ihn, ob er vorhabe, das Zeugs literweise herzustellen und dann zu verticken. Er lachte nur, was wiederum sehr sch\u00f6n war. andererseits w\u00e4re es noch viel sch\u00f6ner gewesen, jetzt noch mehr Schwei\u00df auf seinem R\u00fccken und seinen kr\u00e4ftigen Schultern zu sammeln. Aber ich hatte so einen Horror davor, da\u00df er dann wer wei\u00df was dachte und mich ins Wasser schubste. Schlie\u00dflich sind diese Vorurteile gegen\u00fcber Schwulen ja so tief verwurzelt, da\u00df er m\u00f6glicherweise gleich eine mittlere Herzattacke gekriegt h\u00e4tte, oder sonst was, vielleicht h\u00e4tte er es aber auch sch\u00f6n gefunden. Ich meine die ganze Situation alleine in dem Kahn, war wirklich sehr gem\u00fctlich es war gar nicht so ganz ausgeschlossen, da\u00df es ihn nicht auch irgendwie erotisiert hatte. Dabei selbst wenn er nichts dagegen gehabt h\u00e4tte, stand immer noch das Problem da rum, da\u00df die mich nachher wegen Verf\u00fchrung Minderj\u00e4hriger einbuchten konnten, wenn irgend jemand dahinter gekommen w\u00e4re.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es ist wirklich trostlos; wie sehr man sich auch immer bem\u00fcht, mit so einer Veranlagung fertig zu werden &#8211; st\u00e4ndig wird einem jede Situation vermiest von irgendwelchen Einschr\u00e4nkungen, etwas Verbotenes zu tun.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">8<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Besonders viel hatte ich in der Nacht garantiert nicht geschlafen, jedenfalls war ich ziemlich sauer, als mich mein Radiowecker um Viertel vor sechs mit einem lausigen Schlager aus irgendeinem Traum ri\u00df. Ich hatte nat\u00fcrlich auch sofort vollkommen vergessen, wovon ich getr\u00e4umt hatte, dabei w\u00e4re es sch\u00f6n gewesen, das St\u00fcck noch zu Ende zu tr\u00e4umen, denn ich hatte mich in dem Streifen total gut gef\u00fchlt.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich stellte erst mal die \u00e4tzende Musik aus, weil ein Tag schon so gut wie gelaufen ist, wenn man ihn mit Peter Alexander oder so was beginnt. Eigentlich h\u00e4tte ich langsam in die Hufe kommen m\u00fcsse; wenn ich vor dem Dienst noch was E\u00dfbares in den Kopf stecken wollte, aber ich bin ein Morgenmuffel. Also blieb ich noch eine Weile liegen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich lauschte auf die verschiedenen Ger\u00e4usche. Das Rascheln der Bl\u00e4tter und die ersten Schreie der Behinderten aus den fernen Stationen. Das einzig Tr\u00f6stliche an der ganzen Sache war, da\u00df dies vorerst der letzte Tag war, wo ich um<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 20\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">sechs Uhr auf der Matte stehen mu\u00dfte. Ab und zu schielte ich zu den rot leuchtenden Ziffern meines Radioweckers. Das erinnerte mich wieder so ein bi\u00dfchen an Science-fiction, aber man kann sich solche Stimmungen nat\u00fcrlich nicht in Ruhe reinziehen, wenn man wei\u00df, da\u00df man nur noch ein paar Minuten \u00fcbrig hat.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Um f\u00fcnf vor kam ich endlich in die Socken. Da blieb nat\u00fcrlich keine Zeit mehr zum Fr\u00fchst\u00fcck. Ich mu\u00dfte mir wohl wieder auf Station irgendwas E\u00dfbares zurecht schustern.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich zog mich im Dunklen an, weil es ganz sch\u00f6n \u00f6de ist, wenn man morgens schon die h\u00e4\u00dfliche Wirklichkeit blicken mu\u00df. Das hei\u00dft, es war eigentlich schon nicht mehr dunkel. Aber es war ein bew\u00f6lkter Tag und so war es um diese Zeit noch ziemlich tr\u00fcbe drau\u00dfen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Weg zur Station lief mir ein Kollege von einer anderen Station \u00fcber den Weg, dem ich ein kurzes ,Moin&#8216; ins Ohr schob. Vor der Stationst\u00fcr blieb ich kurz stehen, weil es eine gewisse \u00dcberwindung kostet, sich von der Ruhe der Nacht in die totale Hektik zu st\u00fcrzen. Ein Gl\u00f6ckchen \u00fcber dem Schott bimmelte, als ich das Ding aufmachte. Das war f\u00fcr den Fall, da\u00df einer der Behinderter mal &#8217;ne Biege machte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jetzt blieb mir auch die grelle Helligkeit der Neonlampen nicht mehr erspart und ich mu\u00dfte blinzeln. Au\u00dferdem stieg mir gleich wieder der \u00fcble Stationsgeruch in die Nase.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Nachtwache kam mir gerade mit einem B\u00fcndel nasser Nachthemden unter der Achsel entgegen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Na? Ausgeschlafen?&#8216; fragte die Tante und meine geistige Energie reichte um diese Zeit gerade dazu aus, die Standart-Antwort auf so eine Frage abzudr\u00fccken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8218;Nee, abgebrochen.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Damit war die Begr\u00fc\u00dfungszeremonie erst mal beendet. Ich hatte keinen besonderen Bock, \u00fcberhaupt irgendwas zu machen, aber es gab um diese Zeit kaum eine M\u00f6glichkeit, sich vor unangenehmen Dingen zu dr\u00fccken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich ging also in die dritte Schlafkammer und machte die Funzel an. Peter, der Epileptiker mit den X-Beinen gab erst mal einen grenzenlos leidenden Laut von sich. Konnte ich eigentlich gut verstehen, aber wenn man auf so was R\u00fccksicht nehmen w\u00fcrde, k\u00e4men die ja zum Fr\u00fchst\u00fcck, wann sie wollten und schlie\u00dflich was das kein Hotel, hier. Der einzige, der Morgens schon gut drauf war, war Norbert, der gleich fr\u00f6hlich pfeifend aus dem Bett sprang und erst mal zum Schei\u00dfhaus rannte. Sieht schon komisch aus, so&#8217;n Typ in so \u0301m wei\u00dfen Nachthemd.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Karl-Heinz drehte sich erst mal um und zog sich die Decke \u00fcber die R\u00fcbe. Dann fing ich an, bei ein paar Leuten die Windeln aufzuknoten. Das ist einer der \u00fcbelsten Jobs vom ganzen Tag. Besonders, wenn jemand die Dinger Na\u00df gemacht hat, gehen die Knoten total schwer auf und dabei stinkt das bestialisch.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Nach und nach kamen die Leute langsam in die Senkrechte und die meisten hingen schon auf dem Klo. Bis auf Karl- Heinz. Der lag mit seinen knappen zwei Zentnern Lebendgewicht unter der Bettdecke und in seinem eigenen Urin und tat so, als ginge ihn das alles nichts an. Jedenfalls habe ich f\u00fcr einen Morgenmuffel eine ganz sch\u00f6ne Vehemenz daran gelegt, solche Leute zu verarzten. ,Komm in die Socken, Karl-Heinz,&#8216; sagte ich in einem ziemlich barschem Kasernenhofton, den ich mir hier so angew\u00f6hnt hatte. Aber der Typ wollte immer noch nicht aufstehen. Deshalb zog ich ihm irgendwann die Bett decke weg und schubste ihn von der Matratze. Ziemlich brutal eigentlich.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Und dann ab auf Toilette.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er humpelte unbeholfen los und ich zog erst mal das Bettlaken ab, das klitschna\u00df war und warf es auf den Haufen in der Mitte des Raumes.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Einer von den Kollegen kam in den Raum, sagte kurz ,Morgen&#8216; und k\u00fcmmerte sich dann um Walter, der so gut wie \u00fcberhaupt nichts konnte. Mit einem ge\u00fcbten Griff um den Oberk\u00f6rper hob er ihn aus dem Bett und st\u00fctzte ihn auf dem Weg zum Klo.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">In der Zwischenzeit fing ich an, Peter anzuziehen, der schon auf der Entw\u00e4sserungsanlage gewesen war. Die meisten hier mu\u00dften angezogen werden, weil sie das selber nicht packten. Die Klamotten waren echt nicht besonders modisch, weil nur die wenigsten noch Verwandte hatten, die ab und zu mal ein paar schicke Discopl\u00fcnnen vorbei brachten. F\u00fcr die meisten gab es nur graue Gummizughosen und lausige Hemden. Die Gummizughosen waren am einfachsten zu wechseln und der Vorteil wog hier schwerer, als eine elegante Erscheinung.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Von Peter fehlte nat\u00fcrlich wieder ein Schuh. Es war ja auch unwahrscheinlich, da\u00df alles so einwandfrei klappte. Ich machte mich erst mal auf die Suche in s\u00e4mtlichen R\u00e4umen der Station. In den Tagesr\u00e4umen war er nicht, im Duschraum, wo die Nachtwache immer noch damit besch\u00e4ftigt war, diejenigen abzuduschen, die in der Nacht in die Windeln gemacht hatten, war er auch nicht. Schlie\u00dflich fand ich ihn auf dem Schei\u00dfhaus.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Als Peter fertig war, mu\u00dfte ich erst mal Frank verarzten, der mal wieder zu \u00fcberhaupt nichts Bock hatte. Er hatte sich gleich wieder in die Kiste gepackt, nachdem ein Kollege ihn rausgeschmissen hatte und jetzt, nachdem ich ihn wieder in der Senkrechten hatte, wollte er sich nat\u00fcrlich nicht anziehen, obwohl er es eigentlich konnte. Das war vielleicht &#8217;ne Maske. Er mu\u00dfte Nachts immer mit Lederriemen ans Bettgestell gebunden werden, weil er sonst die ganze Nacht rumlief. Und inzwischen hatte er sich so dran gew\u00f6hnt, da\u00df er nicht einschlafen konnte, bevor man ihm nicht einen Riemen ums Bein geschnallt hatte. Es war schwer, ihm das abzugew\u00f6hnen, weil, wenn man ihn nicht festmachte, lief er solange rum, bis man ihn doch besser anband, nur um seine Ruhe zu haben.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Naja, so nach und nach kamen alle in die Socken und die Kollegen waren flei\u00dfig dabei, den Rest zu waschen und zu k\u00e4mmen. Also schl\u00fcsselte ich erst mal die K\u00fcche auf, um das Fr\u00fchst\u00fcck vorzubereiten. Ich packte einen Stapel Plastikbecher auf die Tische in den Tagesr\u00e4umen und danach Plastikteller. Nach und nach kamen die Freaks an und setzten sich hin. Ein Kollege kam schon mit den Broten an und verteilte sie unters Volk. Also schnappte ich mir eine von diesen Riesenkannen mit Muckefuck und kippte jedem erst mal was ein. Ist&#8217;n elendiges Zeug, aber die waren<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 21\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">hier nichts anderes gew\u00f6hnt. Bernhard zog sich die Tunke gleich auf ex rein und hustete dann wieder alles raus. Frank wollte mal wieder keine Handbewegung tun und wartete darauf, da\u00df ihn jemand festband. Ich versuchte eine Weile, ihm die Schnitte bis an den Mund zu fuhren, was ihm aber nicht viel gab. Jedenfalls bi\u00df er sich sofort in die Hand, wenn ihn jemand zu etwas zwingen wollte. Eigentlich sollten wir ihm die Macke wieder abgew\u00f6hnen, aber er war ziemlich hartn\u00e4ckig, und w\u00fcrde wahrscheinlich eher verhungern, als sich etwas zwischen die Kiemen zu schieben, ohne festgebunden zu sein. Jedenfalls holte ich irgendwann einen G\u00fcrtel aus dem Wandschrank, wickelte ihn einmal um sein Bein, was ihm aber nicht gen\u00fcgte. Erst, als ich die Sache an der Bank befestigt hatte, fing er an zu spachteln. Innerhalb von einer halben Minute, oder so, war er mit dem Fr\u00fchst\u00fcck durch. Null Ahnung, wie man jemandem so was abgew\u00f6hnen soll, aber das war ja jetzt auch nicht mehr mein Problem.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann \u00fcberwand ich mich dazu, Karl-Heinz zu f\u00fcttern. Er hatte keine Bei\u00dfer und bekam immer so eine Pampe aus Muckefuck und zermanschtem Brot. Ich hockte mich also neben ihn auf die Bank und gab ihm ab und zu einen L\u00f6ffel von dem Zeug, was ein \u00f6der Job war, weil er ziemlich sorgf\u00e4ltig kaute.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">W\u00e4hrenddessen beobachtete ich die anderen Masken so ein bi\u00dfchen, und es war irgendwie wie eine Auff\u00fchrung von Becket oder Brecht, oder was wei\u00df ich. Ziemlich modern jedenfalls. Kalle schnappte sich blitzschnell eine Schnitte von seinem Gegen\u00fcber, schob sie sich rein und dann fiel ihm wieder alles aus dem Kopf. Ich seufzte ein bi\u00dfchen, weil es sinnlos war, zu versuchen, denen andere Tischsitten beizubiegen. Es gab jeden Morgen die gleich Show. Gerhard mu\u00dfte immer rumlaufen, beim Essen. Eigentlich h\u00e4tte man ihn festbinden m\u00fcssen, aber dann fing er am Ende auch so an, wie Frank und drehte die Strafma\u00dfnahmen einfach um, indem er fortan nicht mehr ohne sie leben wollte. Jedenfalls, als ich aufstand, um Nachschub zu holen, kam ich gerade noch zu sp\u00e4t, um mitzukriegen, wie Gerhard umkippte und mit der R\u00fcbe genau auf die Stahlkante der Fu\u00dfmattenumrandung donnerte. Er war \u00fcber die Gr\u00e4ten von J\u00fcrgen gestolpert, der sich auf den Linoliumboden gehockt hatte, an seinem L\u00e4tzchen kaute und den Unfall gar nicht beachtete.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Gerhard fing tierisch an zu bluten. Aber das kratzte ihn nicht weiter. Er versuchte noch, die aus seinem Plastikteller gefallenen Brotst\u00fccke wieder einzusammeln, die sich inzwischen mit seiner roten Tunke vollgesogen hatten. Allerdings war er dabei wohl doch etwas schwindelig, denn er setzte sich gleich wieder hin.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Einer von den Kollegen sah sich den Fall an und stellte fest, da\u00df die Wunde wohl gen\u00e4ht werden m\u00fc\u00dfte. Er rief einen Wagen an, der Gerhard zum Arzt bringen sollte. Ich steh&#8216; nicht so auf solche Fleischerarbeiten, aber ein anderer Kollege betrachtete das als willkommene Gelegenheit, ein bi\u00dfchen frische Sonne zu schnappen und teilte sich dazu ein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Das ist wieder typisch,&#8220; meinte er. &#8222;Kaum haben wir ihm den Helm wieder abgenommen, legt der sich wieder hin.&#8220; Fr\u00fcher hatte Gerhard so einen Lederhelm gehabt, mit dem er tierisch doof aussah, weil er sich dauernd hinpackte. Und seitdem fiel er nicht mehr hin. Und gerade vor ein paar Tagen hatte der Chefarzt gemeint, da\u00df er das Teil wohl nicht mehr br\u00e4uchte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann h\u00f6rten wir drau\u00dfen den Wagen anhalten. Der Fahrer kam rein und sagte: &#8222;Na, schon wieder ein Fall von Selbst\u00fcberlistung?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich sah noch zu, wie sie Gerhard zu der grauen Anstaltsm\u00fchle brachten, er sich reichlich doof beim Einsteigen anstellte und wie sie losd\u00fcsten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann schnappte ich mir zwei von den Jungens, die zur Besch\u00e4ftigungstherapie gebracht werden mu\u00dften, wo sie T\u00fcten kleben oder irgendwelche anderen \u00f6den Jobs verrichten mu\u00dften. Ob es so was bringt, wei\u00df ich nicht. Aber ich wu\u00dfte auch keine Methode, die besser gewesen w\u00e4re. Drau\u00dfen war es noch etwas tr\u00fcbe, aber es sah so aus, als ob es sch\u00f6n werden w\u00fcrde, und ein Kollege von einer anderen Station meinte das auch. Es ist &#8217;ne sch\u00f6ne Sache, Leute zu treffen, die man kennt. Er wu\u00dfte scheinbar auch, da\u00df meine Zeit rum war und fragte, ob ich denn mal rumkommen w\u00fcrde. Klar w\u00fcrde ich das, obwohl man so was meistens schnell vergi\u00dft, wenn man raus ist.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Zur\u00fcck auf der Station ging ich erst mal zur K\u00fcche und setzte einen Kaffee an. Jetzt war n\u00e4mlich erst mal Fr\u00fchst\u00fcckspause angesagt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Kaffeemaschine machte einen enormen Krach. Es klang so, als w\u00fcrde sie das Wasser krampfartig erbrechen. Dabei achtete ich zu wenig auf die T\u00fcr, weil auf einmal Oliver reinged\u00fcst kam, und sich ein Br\u00f6tchen von einem Kollegen schnappte. Bei ihm kam regelm\u00e4\u00dfig jede Reaktion zu sp\u00e4t. Er hatte es sogar schon gebracht, einem Pfleger mal eine Stulle wegzunehmen, bevor der gerade reinbei\u00dfen konnte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich rannte Oliver hinterher. Aber als ich ihn erwischt hatte, hockte er auf dem Boden und hielt mir \u00e4ngstlich die angebissene H\u00e4lfte hin, auf der die Scheibe Mettwurst schon fehlte. Ich nahm ihm den Rest wieder ab, obwohl er eigentlich nicht mehr zu gebrauchen war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er blickte mich mit gro\u00dfen Augen an, so als wartete er auf eine Tracht Pr\u00fcgel. Diese Angst zeigte, da\u00df hier so etwas noch oft genug praktiziert wurde, obwohl es offiziell nicht erlaubt war. Er hatte sch\u00f6ne, blaugraue Augen und mir wurde ganz komisch zumute als er mich so ansah. Ich pre\u00dfte nur indigniert die Lippen zusammen und ging wieder zur K\u00fcche. Der Kollege lachte nur, als er die Reste von seinem Fr\u00fchst\u00fcck sah und strickte sich eine neue Schnitte aus dem Lebensmittelvorrat der Behinderten. Ich versorgte mich auch aus der Quelle, weil ich bis jetzt noch nicht ans Fr\u00fchst\u00fcck gedacht hatte, und der Kollege sah das nicht so eng.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann kamen langsam alle zum Fr\u00fchst\u00fcck zusammen. Die eine Schwester war wohl nicht besonders gut drauf.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Sie haben wohl auch noch nie Kaffee gemacht, was?&#8220; sagte sie in einem ziemlich unangenehmen Tonfall, der in einem alles zu einer heftigen Erwiderung zusammenzieht. Ich hatte n\u00e4mlich vergessen, die Kanten von den<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 22\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Filtert\u00fcten umzuknicken, was angeblich besser war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Naja, hat wohl keinen Zweck, Ihnen am letzten Tag noch was beibringen zu wollen.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es nervte tierisch, wie die so was brachte. Ich hatte wirklich schon reichlich oft Kaffee gebrodelt, und so was Schlimmes ist das nun auch wieder nicht, wenn man die Kanten nicht umknickt. Aber die Mutti mu\u00dfte immer aus allem einen Lehrfilm machen. Wahrscheinlich bekam sie zu Hause von ihrem Alten immer Druck, den sie hier wieder ablassen mu\u00dfte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Schmeckt aber trotzdem ganz gut,&#8220; kam mir der eine Kollege zu Hilfe, was ich sehr in Ordnung fand.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Danach war das Gespr\u00e4ch etwas fade, weil so was die Stimmung nicht gerade hebt. Irgend jemand fing an, von Gerhard zu sprechen und davon, da\u00df seine Kopfhaut schon reichlich vernarbt war, von den vielen Platzwunden und da\u00df der Medizinmann sicher Schwierigkeiten haben w\u00fcrde, mit der Nadel durch die Haut zu kommen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Da w\u00e4r&#8216; so&#8217;n Tacker nicht schlecht,&#8220; sagte ich und alle waren am Lachen. Sogar die Alte mit den Haaren auf den Z\u00e4hnen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Von dem Tacker ging das Gespr\u00e4ch dann zu einem Werkzeug, da\u00df der eine dem anderen mal leihen mu\u00dfte, \u00fcber die gestiegenen Baukosten und Handwerkerl\u00f6hne zu allgemeinen Betrachtungen \u00fcber die hohe Arbeitslosigkeit und von da folgerichtig zu der Einteilung des Dienstplanes .<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sie versuchten noch scherzhaft, mir die eine oder andere Schicht anzudrehen, worauf ich sagte, da\u00df ich mich von jetzt an nur noch um eine Schicht k\u00fcmmern w\u00fcrde; um die Lackschicht meiner M\u00fchle.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich geno\u00df das seltene Gl\u00fcck, mich aus der Diensteinteilung rauszuhalten und beobachtete das Chaos, das sich hinter dem T\u00fcrrahmen abspielte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dauernd lief irgend jemand vorbei und warf einen mehr oder weniger langen Blick in die K\u00fcche, wahrscheinlich um abzuchecken, wie lange das Ph\u00e4nomen, vom Personal in Ruhe gelassen zu werden, noch anhalten w\u00fcrde. Oliver sa\u00df lauernd auf der gegen\u00fcberliegenden Seite und \u00fcberlegte, ob er Chancen hatte, etwas abzustauben. Als er meinen Blick wahrnahm, legte er den Kopf zur\u00fcck und setzte ein irres Grinsen auf. Manchmal fragt man sich, was in denen vorgeht.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann kam Manfred rein, beugte sich ganz tief zu der Kollegin herunter und deutete mit der Hand auf den Mund. Dabei sah er ihr wohl so tief in die Augen, da\u00df sie lachen mu\u00dfte und die Fluppe fallenlie\u00df. Ein anderer Kollege packte ihn dann am Handgelenk und f\u00fchrte ihn sanft, aber bestimmt wieder auf den Flur.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann kam der Wagen mit Gerhard wieder. Er hatte ein Riesenpflaster auf der Verletzung. Er kam mit seinem Betreuer in die K\u00fcche und machte mit seiner etwas kaputten Ausdrucksweise auf seinen Unfall aufmerksam.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Hast Du hingefallen?&#8220; Dabei streckte er in theatralischer Geste die Hand aus, fast so, wie Hamlet in der Friedhofszene. War schon witzig, das Ganze.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Nach einer Weile meinte die Kollegin, da\u00df es Zeit w\u00e4re, wieder an die Arbeit zu gehen. Man kann immer daran erkennen, f\u00fcr wie kompetent sich jemand h\u00e4lt, wie h\u00e4ufig er an die Pflicht erinnert.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sie teilte auch gleich die anstehenden Jobs ein. F\u00fcr sich selber Medikamente fertig machen und der Rest Betten machen. F\u00fcr mich gibt es nichts \u00c4tzenderes, als Betten bauen. Ich mache nicht mal mein eigens Bett, und hier mu\u00dfte immer alles top sein. Sie machte immer einen Film davon, wenn irgendwo eine Ecke rausguckte. Man achtete hier ziemlich auf solche \u00c4u\u00dferlichkeiten. Wohl f\u00fcr den Fall, da\u00df mal eine F\u00fchrung durch gemacht wurde. Allerdings wurde selten jemand durch solche Ernstfall-Stationen, wie unsere gef\u00fchrt. Besucher bekamen haupts\u00e4chlich die Stationen zu sehen, wo die Patienten Reitunterricht bekommen und f\u00fcr zwei von denen ein P\u00e4dagoge zur Verf\u00fcgung steht, und so.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">W\u00e4hrenddessen machte die Kollegin die Medikamente fertig. Dabei erz\u00e4hlte sie mir immer, wie problemlos Betten bauen w\u00e4re und warum ich das nie lernen w\u00fcrde. Zum Teufel, dann sollte sie es doch machen. Ich w\u00fcrde auch lieber die Zaubertr\u00e4nke und Pillen fertig machen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Jungens bekommen hier n\u00e4mlich massenhaft irgendwelche Pharmadinger verpa\u00dft, damit sie nicht den ganzen Tag rumflippen. Das ist manchmal ganz sch\u00f6n herbe, weil die teilweise so viel kriegen, da\u00df man einen Ackergaul damit lahmlegen k\u00f6nnte und dann waren die so groggy, da\u00df die den ganzen Tag irgendwo in der Ecke hingen und fast \u00fcberhaupt nichts vom Leben mitkriegten. Aber hier auf Station war eben wichtig, da\u00df der Tag einigerma\u00dfen reibungslos \u00fcber die B\u00fchne lief. Und wenn die nicht dauern einen mit der chemischen Keule kriegen w\u00fcrden, w\u00fcrde \u00f6fters mal einer ausklinken und man m\u00fc\u00dfte vor einer Pflegerlaufbahn eine Ausbildung im Nahkampf mitmachen. Zu Anfang fand ich das ziemlich hart, da\u00df die ihr Leben lang nur so am Rande des Bewu\u00dftseins verbrachten, aber ich als einfacher Zivi hatte kaum eine M\u00f6glichkeit, etwas daran zu \u00e4ndern und Ambitionen zu einem Aufst\u00e4ndischen hatte ich auch nicht. Immerhin ist es auch nicht so angenehm, wenn die Typen einen Anfall kriegen, und mit den Medikamenten wurde das weitgehend verhindert. Es hat eben alles im Leben seine zwei bis drei Seiten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Nachdem die Schlafkammern fertig waren, schnappte ich mir den Rasierer, um den Patienten das Unkraut aus dem Gesicht zu nehmen. Der Job ging noch ganz gut ab und solange ich etwas zu tun hatte, konnte mir keiner einen Vorwurf machen. Also suchte sich jeder den Job aus, der ihn nicht so an\u00f6dete.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die hatten so einen alten Philips Elektrorasenm\u00e4her. Naja, immer noch besser, als den Leuten mit Schaum und Klinge im Gesicht rumzuwerken, wie die das fr\u00fcher gemacht hatten. Stell ich mir ganz sch\u00f6n herbe vor, mit so&#8217;m Rasiermesser rumzus\u00e4beln, wenn da einer eine empfindliche Stelle am Hals hat und rumflippt. Vermutlich mu\u00dften die sich immer massenhaft Pflaster und Blutstillende Mittel unter den Arm klemmen, bei dem Job.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Peter kam gleich als erster angetigert und setzte sich auf den Hocker, den ich neben die Steckdose in den Tagesraum<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 23\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">gestellt hatte. Er war immer der Erste beim Rasieren, obwohl er so einen Horror hatte, da\u00df man ihm irgendwo weh tat, da\u00df er immer ganz nerv\u00f6s auf dem Hocker hin und her rutschte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Man mu\u00df sich erst dran gew\u00f6hnen, so einen fremden Hals zu bearbeiten. Aber inzwischen hatte ich das ganz gut drauf. Ist &#8217;ne komische Sache, wenn die Leute den Kopf heben, damit man sie am Hals rasieren kann und man ihnen von oben in die angespannten Augen sehen kann. Faszinierende Sache, eigentlich. Es kann einer noch so bekloppt sein, solche Augen hauen mich regelm\u00e4\u00dfig um. Es gibt alle m\u00f6gliche Arten von Augen; Graue, Blaue, lustige, \u00e4ngstliche, ernste, verwirrte, gro\u00dfe dunkle, leere, sanfte, teilnahmslose, aufmerksame. Gr\u00fcn umwaberte Pupillen, sanfte Lider und markige Augenbrauen. Am sch\u00f6nsten sind Christians Augen. Er kam immer erst, wenn man ihn holte. Er wirkte ein bi\u00dfchen wie ein gro\u00dfer Teddyb\u00e4r. Mit&#8217;m unheimlich breiten Kreuz, aber sonst eher plump gebaut, mit ein paar H\u00e4rchen auf dem Bauch, aber unheimlich sanfte, gro\u00dfe braune Augen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Er hatte ein einfaches, s\u00fc\u00dfes Gesicht und so &#8217;ne Art Schmollmund. Und wenn Musik an war, drehte er die braunen Knopfaugen in Richtung Decke und drehte seinen K\u00f6rper langsam hin und her. S\u00fc\u00dfer Junge, eigentlich. Allerdings konnte er auch tierisch aggressiv werden, wenn ihm irgendwas nicht pa\u00dfte. Dann warf er mit St\u00fchlen durch die Gegend und man mu\u00dfte sehen, da\u00df man in Sicherheit kam. Dann konnte man nichts weiter machen, als ihn austoben lassen, weil es selbst mit drei kr\u00e4ftigen Pflegern dann nicht m\u00f6glich war, ihm eine Schutzjacke anzulegen. Die Dinger hie\u00dfen hier nicht Zwangsjacken, obwohl es im Grunde nat\u00fcrlich welche Waren. Unheimlich kr\u00e4ftiger, wei\u00dfer Stoff und Lederriemen, mit denen man sie auf dem R\u00fccken zuschnallen konnte. Im Moment war Christian aber gut drauf, als ich ihm zum Rasieren holte. Irgendwie mochte ich ihn ganz gerne und rasierte ihn immer besonders ausgiebig, um ihm m\u00f6glichst lange in die sch\u00f6nen, braunen Augen sehen zu k\u00f6nnen. Irgendwann war allerdings absolut kein einziges H\u00e4rchen mehr \u00fcber, das man h\u00e4tte wegs\u00e4beln k\u00f6nnen, und er schob erst mal ab, in seine Lieblingsecke unter dem Lautsprecher, aus dem Musik, Werbung und Nachrichten kamen. Das Radioprogramm ist meistens total \u00f6de, aber das war dem ziemlich egal. Ich hatte irgendwann mal eine Kassette mitgebracht, mit Musik von Mike Oldfield und Alan Parsons, weil ich sehen wollte, ob er die lieber h\u00f6rte. Aber das lie\u00df ihn v\u00f6llig kalt. Hauptsache es war sch\u00f6n rhytmisch. Ihm war es egal, ob es Heino war oder vern\u00fcnftige Mucke. Zum Schlu\u00df nahm ich Holger und Franz dran, weil die sich regelm\u00e4\u00dfig in den Bart sabberten. Obwohl das ganze mit Hygiene sowieso nicht allzuviel zu tun hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Nachdem ich den Rasierer wieder weggepackt hatte, setzte ich mich ein bi\u00dfchen neben Alexander auf die Bank. Er war ein ziemliches Nervenb\u00fcndel und reagierte ziemlich komisch, wenn man sich mit ihm besch\u00e4ftigte. Er fabrizierte nie einen Ton, obwohl er sprechen, ja sogar lesen und Schreiben konnte. Aber seit seine Alte \u00fcber den Jordan gegangen war, machte er einen auf Stummfisch. Er hatte wohl sehr an ihr gehangen. Seit ihrem Tod kam fast niemand mehr, um ihn zu besuchen, au\u00dfer einer Tante von ihm, die zweimal im Jahr aufkreuzte und einen Stapel Schokolade unter der Achsel hatte. Ich will nicht n\u00e4her darauf eingehen, wie die Station aussah, nachdem Oliver und ein paar andere Spezialisten die Schokolade konfisziert hatten. Denn Alexander war viel zu schlapp, um sich zu wehren. Kann sein, da\u00df es keinen besonderen Bock brachte, sich mit so &#8217;ner Tante zu unterhalten, aber da\u00df er deswegen \u00fcberhaupt nicht mehr redete, ging mir nicht in die Birne, deswegen versuchte ich manchmal, ihn zu provozieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">,Wir haben Mittel, Sie zum Reden zu bringen?&#8220; sagte ich deshalb, wobei er tierisch zu lachen anfing, aber dann versuchte, das Lachen zu unterdr\u00fccken. Jedenfalls zeugte es davon, da\u00df er da oben einiges mitkriegte, wenn er \u00fcber so was lachen konnte und da war es herbe, da\u00df er sich jetzt jeglicher Kommunikation entzog.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Haben Sie nichts zu tun, Herr Kollege?&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Kollegin stand in der T\u00fcr und beobachtete mich, wie ich mich mit Alexander besch\u00e4ftigte. Auf dieser Station war es wichtiger, da\u00df die Fenster sauber waren, als da\u00df man sich mit den Patienten besch\u00e4ftigte. Deshalb sagte ich auch nichts und ging zur K\u00fcche, da drau\u00dfen bereits der Essenswagen vorgefahren war und nun das Mittagessen auf dem Plan stand. Ich \u00e4rgerte mich noch ein bi\u00dfchen \u00fcber den bevormundenden Ton der Tante, als ich den Riesenk\u00fcbel aus Edelstahl aufmachte. Es gab mal wieder Eintopf, der tierisch dampfte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Schon wieder Single-Pot, was?&#8216; scherzte ein Kollege. Naja, das Mittagessen verlief so \u00e4hnlich, wie das Fr\u00fchst\u00fcck, nur da\u00df sich aus Single-Pot noch leichter irgendwelche Schweinereien fabrizieren lassen, als aus Brot und Muckefuck. Einer hustete das ganze Zeugs wieder aus, ein anderer versch\u00fcttete alles und so weiter.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann ging ich selber zum Mittagessen in die Kantine, wobei es schon eines gewissen Abstraktionsverm\u00f6gens bedurfte, die beiden<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Mahlzeiten nicht in einen Topf zu werfen &#8211; geistig, mein ich. Die Tante, die in der Kantine servierte, war unheimlich nett zu mir und bedauerte, da\u00df ich nun nicht mehr kommen w\u00fcrde. Sie bot mir noch einen Kaffee an. Ich Trottel sagte auch noch ja, obwohl es gleich auf der Station auch noch eine Kaffeepause geben w\u00fcrde, aber im Moment freute ich mich \u00fcber das nette Angebot. Sie fragte mich, was ich nun machen w\u00fcrde und ich sagte ihr, da\u00df ich versuchen w\u00fcrde, irgendeinen Job in einem Fotolader zu kriegen, nur um was zu sagen. Darauf meinte sie, da\u00df ich ja jederzeit zur\u00fcckkommen k\u00f6nnte, um hier zu arbeiten. Die war vielleicht witzig. Ich war froh, da\u00df ich mit der Sache hier durch war und die meinte, ich sollte mich hier fest anstellen lassen. Naja, wer wei\u00df, vielleicht tat ich es ja tats\u00e4chlich irgendwann. Vielleicht bekam ich ja keinen Fotojob. Und abgesehen davon war die Zeit hier in den Anstalten auch nicht die Schlechteste. Ich war ziemlich ausgeglichen in der Zeit. Irgendwie gibt es einem was, wenn man dauernd sieht, wie dreckig es einem auch gehen k\u00f6nnte und insofern kann man sich jeden Tag freuen, da\u00df man einigerma\u00dfen fit ist und alle Murmeln beisammen hat. Immerhin h\u00e4tte man ja auch das Gl\u00fcck haben k\u00f6nnen, in so<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 24\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">einem Laden zu landen. Ich meine es gab Millionen Behinderte in der Bundesrepublik und so weit ist das gar nicht weg. Nachdem ich mich herzlich von ihr verabschiedet hatte, ging ich wieder auf Station und die eine Kollegin blickte mich ziemlich finster an. Vermutlich hatte sie mit der Stoppuhr in der Hand abgecheckt, wie lange ich zum Mittagessen gewesen war. Sie sagte aber nichts.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Vor der Kaffeepause mu\u00dfte jetzt nur noch der Flur gewischt werden. Das war ein Job, um den sich keiner besonders ri\u00df. Und als die Kollegin daraufhin fragte, ob keiner fegen wollte, sagte ein anderer Typ cool: ,Wer fr\u00e4gt, der fegt.&#8216; Sie lachte ein bi\u00dfchen, wurde aber gleich wieder ernst. Bevor sie anfing, irgendwie vehementer auf das Wischen zu dr\u00e4ngen, ging ich selber in die Besenkammer und schnappte mir einen Feudel Die anderen fingen schon an, mit Schmierseife und ,Nasser den Linoliumfu\u00dfboden zu bearbeiten. Den ganzen langen Korridor und die Tagesr\u00e4ume durch. Ich wischte hinterher trocken, nachdem ein Kollege vorher mit einem Abzieher das Meiste von der Suppe in den Abflu\u00df dirigierte. Ist &#8217;ne elende Arbeit und das jeden Tag. Dann mu\u00dfte Oliver unbedingt durch den klitschnassen Flur laufen und legte sich gleich lang. Seine ganzen Klamotten waren na\u00df und da sich sonst niemand in der N\u00e4he aufhielt, schnappte ich ihn<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">mir, um ihn in der W\u00e4schekammer umzuziehen. Immer noch besser, als den Flur zu wischen. Oliver sah mich mit seinen gro\u00dfen Augen an, als ich ihm sagte, da\u00df er sich ausziehen sollte. Das bedeutete so viel, wie da\u00df er keine Triebe hatte, irgend etwas selber zu tun. Also zog ich ihm die graue Gummizughose runter, die Sandalen aus, setzte ihn auf den Holzstuhl und zog ihm die Hose \u00fcber die Quanken Der Pullover war auch klitschna\u00df und ich zog ihn auch aus. Und die Unterhose war scheinbar schon vorher na\u00df gewesen, was auf ihn selber zur\u00fcckzuf\u00fchren war. Es stank bestialisch. Er blickte mich aber nur treudoof an und ich zog ihm auch die Unterhose runter. Wenn jetzt jemand denkt, da\u00df das f\u00fcr jemanden wie mich eine reizvolle Situation ist der hat sich geschnitten. Erst mal stank alles tierisch und au\u00dferdem h\u00e4tte es eine Menge Zoff gegeben, wenn dann jemand reingekommen w\u00e4re. Das w\u00e4re ein Fall gewesen, wo man sofort nach Sibirien gekommen w\u00e4re. Sibirien, so nannten wir eine Station, wo die H\u00e4rtef\u00e4lle hinkamen. Die Patienten, die auch mit Medikamenten nichts von ihrem Aggressionstrieb verloren und die st\u00e4ndig sich selber oder andere ernsthaft gef\u00e4hrdeten, und die Pfleger, die sich irgendwann mal daneben benommen hatten. F\u00fcr uns alle war Sibirien das, was man sich unter der totalen H\u00f6lle vorstellte, weil da weder von den Patienten noch vom Personal irgend jemand bei war, bei dem man berechnen konnte, was als n\u00e4chstes kam. Auf der Station wurde auch mal zugeschlagen, m\u00f6glichst in den Bauch, da gab es keine blauen Flecken. Jedenfalls hatte ich keine Triebe, da zu landen und ich zog Oliver eine andere Unterhose und die anderen Klamotten \u00fcber.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Als er wieder flott war, waren die drau\u00dfen auf dem Flur auch so gut wie durch. Ich packte die nassen Pl\u00fcnnen in den W\u00e4schesack und ging dann wieder in die K\u00fcche, um den Kaffee anzusetzen, weil es im Moment keine anderen Jobs mehr gab.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Drau\u00dfen war ganz sch\u00f6nes Wetter. Ziemlich mild und abgesehen von ein paar Haufenwolken knallte die Sonne voll auf die Landschaft. Deswegen trugen zwei Kollegen einen Tisch nach drau\u00dfen in den Garten. Die Patienten durften auch raus und Ball spielen oder sich einfach aufs Gras setzen. Das war eine sch\u00f6ne Stimmung, alles ganz gr\u00fcn und warm und sehr Sommerm\u00e4\u00dfig.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Bis der Kaffee durch war, spielte ich &#8217;ne Runde Ball mit ein paar Jungens. Alexander war ganz verwirrt, als ich ihm die Pille zuwarf. Er fing sie zwar auf, war dann aber so erschrocken von seiner Reaktion, da\u00df er sie. gleich wieder fallen lie\u00df. Dann stand er linkisch davor und blickte mit schiefgelegtem Kopf auf das Leder. Ich seufzte und holte es wieder.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Dann warf ich es zu Rainer, der es mit einer Hand fing und gleich wieder wegwarf, indem er nur die flache Hand blitzartig hochbewegte, wodurch die Pille nach einem kleinem Bogen in der Luft wieder runterfiel. Man mu\u00dfte dabei nur aufpassen, da\u00df Erhard den Ball nicht in die Finger bekam, weil der das Ding gleich \u00fcber den Zaun in den Garten der Nachbarstation warf, Und da dr\u00fcben war einer, der mit blo\u00dfen H\u00e4nden die Luft aus so einem lassen konnte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Von der anderen Station rief ein Kollege r\u00fcber: ,Na, hast auch Dienst? Das w\u00fcrd \u0301 mir aber stinken.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich lachte kurz und sagte ihm dann, da\u00df das mein letzter Tag war. Darauf beneidete der mich tierisch. Verst\u00e4ndlich, eigentlich.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann war der Kaffee fertig und ich stellte die Tassen auf den Tisch. Hierbei mu\u00dfte man vorsichtig sein, damit nicht irgend jemand irgendwas kaputt machte. Dann stellte ich noch einen Sonnenschirm auf und die sommerliche Stimmung wollte einfach nicht aufh\u00f6ren. Nach all den verregneten Tagen war das wirklich ein umwerfendes Naturerlebnis.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Thomas meinte das wohl auch, weil er sich gleich im Garten voll auszog. Der Kollege mit dem geklauten Br\u00f6tchen lachte nur und sagte:<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Der will wohl nahtlos braun werden.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Kollegen konnte so einen M\u00e4nnerstrip allerdings nicht zulassen und ging zu Thomas und zog ihn wieder an, wobei sie ziemliche Schwierigkeiten hatte, ihm beim Hoseanziehen nicht an irgendwelche edlen Teile zu kommen. Die anderen Kollegen grinsten am\u00fcsiert und hatten M\u00fche, wieder ernst zu kucken, als sie zur\u00fcckkam und sich mit an den Tisch setzte. Es wurde nicht viel geredet, die meisten lie\u00dfen nur irgendwann eine Bemerkung \u00fcber das geile Wetter ab. Der Kaffee schmeckte ganz gut, nur war es langsam schon ziemlich viel und als dann noch die letzten Reste verteilt wurden, bekam ich noch eine dritte Tasse angedreht, obwohl ich schon voll bis oben hin war. Irgendwann war die Schicht dann um und ich verabschiedete mich von den Leuten. Besonders von Christian, der<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 25\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">immer noch im dunklen Tagesraum stand und sich nach der Musik im Radio hin und her drehte. Er checkte nicht, da\u00df ich mich von ihm verabschiedet wollte und lie\u00df sich nicht ablenken. Das tat irgendwo ein bi\u00dfchen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">weh, weil ich ihn echt gerne mochte. Nur ganz kurz trafen sich unsere Augen. Dann kam ein anderer Kollege in den Tagesraum, der auch Feierabend hatte und ich sagte nur kurz:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Tsch\u00fcs Teddy.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es brauchte nicht unbedingt aufzufallen, da\u00df ich ihn besonders lieb hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Der Kollege begleitete mich noch auf dem Weg zu meiner Bude und w\u00fcnschte mir dann alles Gute f\u00fcr meinen Lebensweg und ich versprach, ab und zu mal reinzugucken. Ich nahm mir das auch fest vor, weil ich die Leute alle irgendwie gerne mochte, aber meistens vergi\u00dft man so was sehr schnell. Ich ging auf meine Bude und wollte mich noch &#8217;ne Runde hinlegen, weil ich in der Nacht nicht viel geknackt hatte, aber durch den vielen Kaffee war ich so aufgedreht, da\u00df ich es im Bett nicht aushielt. Also stand ich wieder auf, als ich merkte, da\u00df es keinen Zweck hatte und \u00fcberlegte, was ich jetzt mit meiner freien Zeit anfangen konnte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">9<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Wenn man es n\u00fcchtern betrachtet, ist eine der elementarsten Besch\u00e4ftigungen im Leben doch die, die Langeweile zu vertreiben. Zumindest, wenn man nicht gerade arbeiten mu\u00df oder sonst was zu tun hat. Deswegen wurde das Fernsehen erfunden, aber erstens hatte ich keine Glotze auf meiner Bude und zweitens machte ich mir auch nicht mehr viel daraus. Fr\u00fcher, als ich noch j\u00fcnger war, habe ich viel ferngesehen, aber inzwischen \u00f6dete es mich reichlich an. Jedenfalls habe ich oft das Problem, da\u00df ich nicht wei\u00df, was ich machen soll. Nicht, da\u00df ich mich nicht alleine mit meinen Gedanken besch\u00e4ftigen konnte &#8211; das hatte ich vielen, deren Leben nur aus Arbeiten, Fernsehen, Schlafen und Saufen besteht, immerhin voraus &#8211; aber es waren reichlich tr\u00fcbe Gedanken, meistens, und dann ist es ein Fluch, wenn man sich nichts aus Fernsehen macht.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich versuchte es bei Berti und Stefan, weil sie mich vielleicht etwas aufgemuntert h\u00e4tten, oder auch, weil ich meinen Frust mit ihnen teilen konnte, aber sie waren beide nicht da.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann kam mir die Idee, nach Bremen zu fahren. Irgendwas w\u00fcrde es da schon geben, was mich auf andere Gedanken brachte. Au\u00dferdem hatte ich gerade Kohle gekriegt, eine Art Abfindung nach dem Zivildienst und ich konnte also auch irgend etwas k\u00e4uflich erwerben, was ja auch eine M\u00f6glichkeit ist, eine Zeitlang an was anderes zu denken.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich fuhr mit Murphy zum Bahnhof, weil man von hier aus schneller und billiger mit dem Zug nach Bremen kam. Die ganze Fahrt \u00fcber beobachtete ich nur die Landschaft, die drau\u00dfen vorbeigezogen wurde. Ganz sch\u00f6n, teilweise, aber tr\u00fcbes Wetter.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Bremer Hauptbahnhof hatte ich dann auf einmal das Gef\u00fchl, da\u00df der Tag nicht weniger frustrierend sein w\u00fcrde, wenn ich in der City war. Null Ahnung, warum mich der Bahnhof an\u00f6dete.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich tigerte erst mal los, und versuchte, mir nichts daraus zu machen. \u00dcberall hingen Wahlplakate rum. Ich wei\u00df nicht mehr, wer oder was gew\u00e4hlt wurde, nur, da\u00df die politischen Aussichten so oder so tr\u00fcbselig waren. Ich meine, es war im Grunde schnuppe, welche Partei gew\u00e4hlt wurde. Alle k\u00fcmmerten sich in erster Linie darum, da\u00df sie wiedergew\u00e4hlt wurden, und da\u00df ihre Di\u00e4ten nicht zu knapp bemessen wurden. Fr\u00fcher hatten sie mich mal beeindruckt, Helmut Schmidt und Willy Brandt, die Art, wie sie redeten und es war cool, wie sie sich gaben, so als k\u00f6nnte sie nichts ersch\u00fcttern. Inzwischen finde ich, da\u00df es wohl auch nicht so schwer ist, sich durch nichts ersch\u00fcttern zu lassen, wenn alles, was man tut, letzten Endes ein Konkurrieren mit der anderen Partei war, und man darin eine gewisse Routine hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Schade, da\u00df nicht alle Leute so drauf waren, wie Berti, Stefan oder Boris. Ich meine, das Leben w\u00e4re viel unkomplizierter und sch\u00f6ner, und eine Regierung war gar nicht unbedingt n\u00f6tig, wenn alle so locker w\u00e4ren, wie sie. Zumindest keine Regierung, die haupts\u00e4chlich versuchte, an der Macht zu bleiben.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">F\u00fcr die meisten Politiker waren nur die Entscheidungen wichtig, die mit der Verteilung von Geld zu tun hatten, und da m\u00f6glichst von unten nach oben. Die Probleme, die durchs Geldmachen entstehen, kommen immer erst ziemlich zum Schlu\u00df.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Warum gab es keinen Bundeskanzler, der Jeans tr\u00e4gt, der ein Fan von Konstantin Wecker ist, und der im Bundestag Frisbee spielt? Klar, Politik ist nichts f\u00fcr Romantiker und Tr\u00e4umer, aber ein paar menschliche Sachen w\u00fcrden in einer Regierung sicher auch nicht schaden. Aber da alle menschlichen Sachen gro\u00dfz\u00fcgig \u00fcbergangen wurden, interessierte es mich auch nicht so sehr, wer oder was gew\u00e4hlt wurde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann kam ich an diesem Fotoladen vorbei, und da war ein Objektiv angeboten, das ein echtes Sahnest\u00fcck war und ziemlich g\u00fcnstig. Irgendwie habe ich immer mit meinem Gewissen zu k\u00e4mpfen, wenn ich gr\u00f6\u00dfere Summen Geld auf den Kopf haue, aber ich beruhigte mich damit, da\u00df es immerhin f\u00fcr mich eine Art Handwerkszeug war und holte mir das Teil.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann tigerte ich ein bi\u00dfchen durch die Gegend, hing in Plattenl\u00e4den rum und so. Und auf einmal stand ich vor diesem Porno Schuppen. Eigentlich sollte man an so etwas ziemlich schnell vorbei gehen, weil es kaum etwas Mieseres gibt, als so was. Andererseits, wenn man keine M\u00f6glichkeiten hat, seine Triebe irgendwie im Geb\u00fcsch<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 26\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">oder sonstwie auszuleben, kann einen so was schon kribbelig machen. Schlie\u00dflich bin ich nicht der Papst.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte mir so was schon ab und zu reingezogen, weil es so einfach war, und die zur Verf\u00fcgung stehende Knete das einzige Kriterium war, das einen daran hinderte, an so was ranzukommen, au\u00dfer wenn man unter achtzehn war. Aber ich war lange vollj\u00e4hrig und da ich ganz allein war, und es mir allenfalls beim Verk\u00e4ufer peinlich sein konnte, spielte ich eine Ganze Weile mit der Idee, einfach mal reinzugucken. Andererseits, naja, irgendwo habe ich auch die Angst, da\u00df es einen verdirbt. Ich meine, wenn man schon alles M\u00f6gliche in Pornos gesehen hat, ist man am Ende vielleicht schon viel zu abgenudelt, wenn man einfach mal nur einen einfachen, h\u00fcbschen Typ im Bett hat. Ich wei\u00df nicht, ob es einen abstumpft, aber vermutlich schon.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich w\u00e4re fast reingegangen. Aber auf einmal d\u00fcsten diese Mannschaftswagen von den Bullen an mir vorbei, und reichlich viele Werder-Taxis. Diese Gr\u00fcnwei\u00dfen, jedenfalls. Es waren ziemlich viele, und das machte mich irgendwie stutzig. Und dann fiel mir diese Menschenmenge auf, die da an der Unterf\u00fchrung zur Stadthalle rumstand. Ich bin nicht neugierig, eigentlich, aber es interessierte mich doch, was da los war, und ich ging da mal r\u00fcber.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Unterf\u00fchrung war gesperrt, und keiner konnte durch. Die Leute diskutierten wild mit den Jungens von der Trachtengruppe. Einer wohnte in dem Gebiet, und sagte einem von den Gr\u00fcnen ziemlich deutliche Worte, als der ihn nicht durchlassen wollte. Dann bekam ich mit, was Sache war; in der Stadthalle war eine Wahlveranstaltung der Konservativen angesagt, und irgendein hohes Tier sollte ,n paar Takte reden, und er hatte in letzter Zeit ziemlich viele Lebensmittel ins Gesicht bekommen, bei solchen Gelegenheiten, und die Bullen sollten wohl sicherstellen, da\u00df er diesmal seine Rede halten konnte, ohne nachher eine Gem\u00fcsestand aufmachen zu k\u00f6nnen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich fand das ziemlich herbe, weil das ja immerhin eine Beschneidung der Freiheit war, wenn man auf einmal einen bestimmten Teil der Stadt nicht mehr betreten durfte, wegen so einer Maske. Auf jedem Wahlplakat stand mindestens einmal das Wort Freiheit. Und wenn die schon vor der Wahl so eingeschr\u00e4nkt wurde, wie sollte es dann erst nach der Wahl werden?<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Immer mehr Bullen wurden angekarrt, mit der Zeit, und irgendwie machte sich eine merkw\u00fcrdige Stimmung breit, \u00fcber der ganzen Stadt. Man konnte es fast k\u00f6rperlich sp\u00fcren, da\u00df was im Busch war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann fing es an zu nieseln, was die Stimmung noch unterstrich.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und das einzig Positive an der ganzen Sache waren die Reflexionen der blinkenden blauen Lichter auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Schei\u00dfe, da\u00df ich keine Kamera dabei hatte, und nur so eine Wahnsinns Linse.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Bullen in ihren Kampfanz\u00fcgen h\u00e4tten auch ein tierisches Foto abgegeben. Mit ihren Helmen und Plastikschilden erinnerten sie mich ein bi\u00dfchen an die R\u00f6mer aus Asterix und Obelix.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich stellte mir, wie sie sich f\u00fchlten, in ihren Uniformen. War vielleicht nicht mal ein schlechtes Gef\u00fchl. Nicht, da\u00df ich was f\u00fcr so was \u00fcbrig habe, aber wenn ich es mir n\u00fcchtern \u00fcberlegte, h\u00e4tte ich ja auch irgendwann im Leben mal auf den Trichter gekommen sein k\u00f6nnen, da\u00df es stark w\u00e4re, Bulle zu sein. Ich meine, ganz cool und m\u00e4nnlich in einer Uniform rumzulaufen und von allen respektiert zu werden, war sicher auch erhebend. Und es w\u00e4re keineswegs ausgeschlossen gewesen, da\u00df ich auch einer von denen geworden w\u00e4re .<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Wenn ich daran dachte, wie weit ich bei meinem Zivildienst schon abgestumpft war und ich die Jungens manchmal mit einem Wahnsinns Kasernenhofton durch die Gegend scheuchte &#8211; naja, es war eigentlich gar kein weiter Weg, um auf einmal auf der anderen Seite zu stehen. Vielleicht h\u00e4tte ich zu einer anderen Zeit und unter anderen Umst\u00e4nden sogar einen guten Nazi abgegeben. Es war eine erschreckende Vorstellung. Jedenfalls, als ich so vor den R\u00f6mern stand, und mir vorstellen konnte, das auch geil finden zu k\u00f6nnen, fragte ich mich, was einen eigentlich zu dem machte, der man war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Andererseits, wenn man so eine Kette von Bullen vor sich hat, hat man auch wieder ein ziemlich exaktes Gef\u00fchl daf\u00fcr, auf welcher Seite man steht. Die sahen jedenfalls alle so aus, als w\u00fcrden sie auf einen Kampf warten, und dabei sah auf unserer Seite niemand nach einem Terroristen aus.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sie hatten schon das gesamte Gebiet um den Hauptbahnhof abgeriegelt, und es war ein komisches Gef\u00fchl, die Einkaufsstra\u00dfen, wo man sich sonst nur schn\u00f6dem Konsumrausch hingab, auf einmal mit dieser erschreckenden Pr\u00e4sentation von Macht verunstaltet zu sehen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ein paar ganz junge Typen waren unter den Jungens und ein ganz h\u00fcbscher. Allerdings wu\u00dfte ich nicht, ob ich mich mit so jemandem h\u00e4tte anfreunden k\u00f6nnen. Andererseits sind Polizisten ja auch dazu da, denen zu helfen, die angegriffen werden, und sich nicht selber helfen k\u00f6nnen, und auch, die zu bestrafen, die etwas gemacht hatten, was verboten war. Aber im Augenblick waren sie nicht dazu da, einem Schwachen zu helfen, sondern sie schienen darauf zu warten, ihre Gummikn\u00fcppel gegen irgendwelche einsetzen zu wollen, die was gegen den Typ von den Konservativen hatten. Und die konnte ich auch irgendwo verstehen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Light-Show, die die Werder-Taxis boten, wurde immer imposanter, als es dunkler wurde. Aber auch immer beklemmender. Und dann konnte man diesen Hubschrauber ankommen h\u00f6ren und alle schienen zu wissen, da\u00df das dieser Politiker war, wegen dem dieser ganze Aufstand angesetzt worden war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwie f\u00fchlte ich mich auf einmal mit den anderen Passanten, die so herumstanden, mehr verbunden, als sonst. Ich meine, ich f\u00fchlte, da\u00df ich zu denen geh\u00f6rte, die von der Staatsgewalt in ihrem gew\u00f6hnlichen Einkaufsbummel abrupt gest\u00f6rt worden waren. Am liebsten h\u00e4tte ich irgend jemanden angesprochen, aber man ist es so gewohnt, da\u00df man andere Menschen in einer Stadt m\u00f6glichst nicht beachtet, und die Situation war noch nicht so au\u00dfergew\u00f6hnlich, da\u00df man diese Verhaltensweisen \u00fcber Bord werfen konnte. Und dann wollten die Bullen wohl vorsorglich alle potentiellen Terroristen abschrecken, denn sie klopften auf einmal alle mit ihren Gummikn\u00fcppeln auf die<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 27\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Plastikschilde und rannten dann auf die Leute zu. Es gab erst mal voll Panik, weil niemand sich vorstellen konnte, da\u00df man tats\u00e4chlich gef\u00e4hrdet war. Und ich war auch immer noch der festen \u00dcberzeugung, da\u00df ich ja in einem Rechtsstaat lebte, und keine ernsthafte Gefahr bestand. Aber als dann diese Polizeikette anged\u00fcst kam, bin ich auch ganz sch\u00f6n gelaufen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Inzwischen konnte man auch die ersten Leute sehen, die scheinbar auf so einen Kampf vorbereitet waren. Es war aber nur eine Handvoll Typen, die mit \u00d6lzeug und Helmen bekleidet war und mit Steinen auf die Gr\u00fcnen warf. Allerdings schien mir der Aufwand f\u00fcr die paar Leute doch ziemlich gro\u00df. Ich war zwar auch nicht daf\u00fcr, da\u00df sie mit Steinen warfen, aber ich sp\u00fcrte selber an mir auch, da\u00df dieser unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Polizeieinsatz einen aggressiv machte. Ich meine, ich sp\u00fcrte ganz genau, auf welcher Seite ich stand.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Und auf einmal waren wir eingenebelt. Die Polizisten hatten wohl eine Tr\u00e4nengasbombe geworfen oder so was, jedenfalls tr\u00e4nten mir auf einmal die Augen und ich hatte M\u00fche, zu sehen, wohin ich lief. Ich wollte nur m\u00f6glichst schnell weg. Es kam mir auf einmal alles ziemlich Kriegsm\u00e4\u00dfig vor. Die blinkenden blauen Lichter, die Menge von uniformierten Leuten, die Nebelschwaden und der L\u00e4rm von Maschinen und menschlichen Stimmen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann wurden noch Wasserwerfer eingesetzt. Ich lief noch weiter zur\u00fcck, da ich auch keinen Bock hatte, klitschna\u00df in einer fremden Stadt rumzulaufen. Ein paar \u00e4ltere Tanten, die bestimmt keine anarchistischen Ambitionen hatten, wurden auf einmal voll von dem Wasserstrahl getroffen und wu\u00dften vor Verwirrung gar nicht, wohin sie laufen sollten. Nun war mir ziemlich klar, da\u00df das nicht mehr gerechtfertigt war. Ich meine, da\u00df harmlose B\u00fcrger von der Polizei gejagt werden, nur weil irgendein konservativer Politiker in Ruhe eine Rede halten will, ist schon ein ganz sch\u00f6n dicker Egon, wenn man es n\u00fcchtern betrachtet.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war langsam stinksauer und als mir ein Wahlplakat von dem Typ im Weg stand, habe ich einen gro\u00dfen Fetzen abgerissen. Das war zwar bestimmt keine Heldentat, aber ich war echt langsam aggressiv.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die beiden Omas, die Klitschna\u00df angehumpelt kamen, konnten einem echt leid tun. Allerdings wu\u00dfte ich auch nicht, wie ich ihnen helfen sollte. Sie waren b\u00f6se am schimpfen, wie denn so was m\u00f6glich sei und ich hoffte, da\u00df sie bei der N\u00e4chsten Wahl ber\u00fccksichtigen w\u00fcrden, was sie hier erlebt hatten. Trotzdem w\u00fcrden morgen in der Zeitung nur Bilder sein von den Vermummten, die mit Steinen geworfen hatten und der Polizeieinsatz w\u00fcrde gelobt werden, da er die Sicherheit des Politikers gew\u00e4hrleistet hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Nach und nach l\u00f6ste sich die ganze Panik auf und die Bullen schoben ab. Ich ging langsam wieder zum Bahnhof, weil ich ja irgendwann wieder nach Hause mu\u00dfte. Es war allerdings schon nach Mitternacht und als ich mir den Fahrplan so betrachtete, checkte ich bald, , da\u00df der n\u00e4chste Zug in meine Richtung erst morgens fr\u00fch um f\u00fcnf ging. Jetzt war ich nat\u00fcrlich erst recht sauer und ich hatte Lust, zur Polizei zu gehen und zu fragen wo ich diese Nacht verbringen sollte, da sie schlie\u00dflich daran Schuld war, da\u00df ich den Bahnhof nicht erreichen konnte. Ich meinte eine Zeitlang echt, da\u00df ich einen Anspruch darauf hatte, da\u00df sie mir irgendwas zum Schlafen besorgten. Ich h\u00e4tte sogar in einer Zelle \u00fcbernachtet. Das w\u00e4re ganz sch\u00f6n kernig gewesen. \u00dcberall um den Bahnhof standen Leute herum, die mit den Bullen diskutierten. Und in den Mannschaftswagen konnte man die Bierdosen zischen h\u00f6ren und die Feuerzeuge klicken.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich gesellte mich zu einem der Gespr\u00e4che zwischen Passanten und Ordnungsh\u00fctern. Der Bulle war ganz cool drauf und erkl\u00e4rte nur, da\u00df sie ja pers\u00f6nlich \u00fcberhaupt nichts gegen die Leute h\u00e4tten, da\u00df sie es sogar gut f\u00e4nden, wenn Leute ihre Meinung demonstrierten, aber sie h\u00e4tten ja nur ihren Befehlen gehorcht und au\u00dferdem sei durch ihren massiven Einsatz verhindert worden, da\u00df irgend jemand ernsthaft zu Schaden gekommen sei.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich tigerte eine Weile um die Gruppe herum, weil ich dem Typ gerne noch erz\u00e4hlen wollte, in welche saubere Situation ich nun geraten sei, und weil ich Bock hatte, mich mit ihm anzulegen. Ich war immer noch ziemlich sauer auf die Bullen, weil ich fand, da\u00df sie nicht das Recht hatten, harmlose Passanten so zu behandeln. Dummerweise habe ich mich dann nicht getraut, ihn anzusprechen, weil zu viele Leute dabei waren und auch keine richtige Pause entstand, in der man dazwischen hauen konnte. Ich hatte einfach nicht den richtigen Drive. Deswegen bin ich irgendwann wieder abgedreht .<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jetzt mu\u00dfte ich mich langsam darum k\u00fcmmern, wie ich nach Hause kam. Ich wollte meine Alten anrufen, damit die mich abholen konnten, aber sie kamen nicht an den Draht. Sie h\u00f6ren das Ger\u00e4t im Schlafzimmer nicht und sie gingen meistens sehr fr\u00fch in die Pennt\u00fcte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann machte mich so ein Penner an. Er sah ziemlich abgerissen aus und roch reichlich nach Fusel, trotzdem habe ich nichts gegen solche Leute, weil sie meistens nicht viel daf\u00fcr k\u00f6nnen, da\u00df sie nicht im Columbus Hotel wohnen. ,So f\u00e4ngt das an,&#8216; sagte er und erz\u00e4hlte mir dann, wie er das noch aus dem Krieg kannte und so. Er hatte ganz korrekte Ansichten und blickte das voll, wie sich in unserem demokratischen Staat langsam faschistische Tendenzen abzeichneten und was f\u00fcr ein schlechtes Zeichen das ist, wenn der Staat mit solchen Mitteln verhindert, da\u00df die Leute ihren Unwillen \u00fcber bestimmte Politiker ausdr\u00fccken k\u00f6nnen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann machte er mich noch um f\u00fcnfzig Pfennig leichter. Er sagte, da\u00df er das f\u00fcr die Stra\u00dfenbahn brauchte, weil er aus dem Bahnhofsgebiet verschwunden m\u00fc\u00dfte, weil er sonst wegen Stadtstreicherei eingelocht werden w\u00fcrde. Allerdings sch\u00e4tze ich, da\u00df er das Geld vermutlich eher in Sprit anlegen w\u00fcrde, aber das war mir im Moment auch egal. Immerhin war es ganz gut gewesen, da\u00df man sich mit jemandem \u00dcber die ganze Schei\u00dfe unterhalten konnte, wenn er auch Schwierigkeiten gehabt hatte, sich irgendwie besonders gut auszudr\u00fccken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann wollte ich mit dem Bus an die Stadtgrenze fahren und von da an versuchen, weiterzutrampen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ein Bus fuhr und die Fahrt war auch reichlich \u00f6de.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 28\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Der Bus schaukelte reichlich und man h\u00f6rte das komische Surren des Motors und des automatischen Getriebes. Ab und zu sagte eine Tonbandstimme die Haltestellen an. Der Bus leerte sich nach und nach und ich war so ziemlich der Einzige, der bis zur Endstation durch fuhr.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und als ich das Ger\u00e4t dann verlassen hatte und allein an der Stra\u00dfenecke stand, kam ich mir sehr beschissen vor. Es war kalt und ich hatte nur meine d\u00fcnne Regenjacke an. Die Kreuzung war von einer dieser orange-farbenen Stra\u00dfenfunzeln beleuchtet, und sonst war alles dunkel und verlassen. Nur ganz vereinzelt kam ein Auto vorbeiged\u00fcst und von den Spie\u00dfern hielt noch nicht einmal einer an. Ich stand etwa eine halbe Stunde da und kam mir reichlich bl\u00f6d vor, wenn die dicken Kisten so vorbeigurkten. Und irgendwann hatte ich die Schnauze voll, weil ich keine Triebe hatte, die ganze Nacht da rum zu stehen. Deswegen bin ich irgendwann zu Fu\u00df losgegangen, obwohl das mehr als zehn Kilometer Strecke waren. Aber es ist immer noch besser, man tut irgendwas, um voranzukommen, als irgendwo rumzustehen und nicht zu wissen, ob irgendwann mal jemand vorbeikommt, der die korrekte Einstellung zu Anhaltern hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">10<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es wurde ein ziemlich trostloser Fu\u00dfmarsch von groben zwei Stunden Dauer. Weit und breit war kein Mensch, abgesehen davon, da\u00df alle halbe Stunde, oder so, ein Auto vorbeiged\u00fcst kam, wodurch die Angelegenheit allerdings nicht weniger einsam wurde. Es war total dunkel, und ich besch\u00e4ftigte mich die ganze Zeit mit Sachen die mindestens genauso dunkel waren, wie die Nacht.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Zuerst war ich noch mit dem Polizeieinsatz besch\u00e4ftigt, und tr\u00fcbseligen Gedanken dar\u00fcber, da\u00df sich die demokratischen Grundrechte schon wieder an der Exekutive wetzen mu\u00dften.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sp\u00e4ter drifteten meine Gedanken dann wieder mehr in Richtung Boris und den damit zusammenh\u00e4ngenden Dunkelheiten. Ich bedauerte da\u00df er nicht bei mir war und mit mir gezwungen war, stundenlang durch die Nacht zu laufen. W\u00e4re die optimale Gelegenheit gewesen, mit ihm mal ernst zu reden.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Eigentlich hatte ich viel zu viel Horror davor, da\u00df irgend jemand dahinter kam, da\u00df ich schwul bin, weil jedes Gef\u00fchl von Stolz und W\u00fcrde total hin\u00fcber ist, wenn man sich dazu bekennt. Ich meine, ich war halt mit einer sehr konkreten Vorstellung von M\u00e4nnlichkeit erzogen worden und schwul zu sein pa\u00dfte da absolut nicht hinein. Andererseits w\u00fcrden sich diese Vorurteile nie abbauen , wenn sich diejenigen, die davon betroffen waren, nicht daf\u00fcr einsetzten. Und wenn man sich \u00fcberlegt, was f\u00fcr Dinge im Leben es eigentlich \u00fcberhaupt gibt, die einen wirklichen Sinn machen, dann sind es doch eigentlich nur alle Bem\u00fchungen, die Welt zu verbessern, und wem das zu dick ist, Zust\u00e4nde zu verbessern, unter denen irgendwelche Leute leiden m\u00fcssen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Nun hat man als junger Typ kaum die M\u00f6glichkeit, die Welt zu ver\u00e4ndern. Trotzdem ist es auch keine gute Ausrede, sich vor der Aufgabe zu dr\u00fccken, nur weil sie so \u00fcberw\u00e4ltigend gro\u00df und un\u00fcberschaubar ist. Es hatte lange Jahre gedauert, \u00fcberhaupt erst mal damit klar zu kommen, schwul zu sein und ich konnte es mir kaum vorstellen, mich dazu zu bekennen und sogar missionarisch t\u00e4tig zu werden.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber in unserer Zeit sollten doch eigentlich alle Menschen die M\u00f6glichkeit haben, sich frei zu entfalten. Klar, wenn ich im Mittelalter gelebt h\u00e4tte, w\u00fcrde ich mich schon damit abgefunden haben, besser die Schnauze zu halten und in ein Kloster zu gehen oder ein einsamer, aber angesehener Ritter zu werden, der schwer an seiner R\u00fcstung und seinem tiefsten Geheimnis zu tragen hat.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber in unserer Welt waren die meisten Sachen aus dem Mittelalter schon ziemlich ausgemerzt, bis auf einige alte Vorurteile, zu denen auch die gegen\u00fcber Schwulen geh\u00f6rten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls geh\u00f6rte es auch zu der Vorstellung von M\u00e4nnlichkeit, die ich mitgekriegt hatte, da\u00df man mutig f\u00fcr das einstand, das man f\u00fcr richtig hielt und notfalls jedem die Faust in die dritten Z\u00e4hne zu rammen, der anderer Meinung war. Allerdings war ich davon noch weit entfernt. Aber ich mu\u00dfte irgendwann zumindest aufh\u00f6ren, mich zu verstecken, weil sich sonst nie etwas \u00e4ndern w\u00fcrde. Irgendwann wollte ich soweit sein, da\u00df ich ein gutes Beispiel f\u00fcr einen Schwulen war. Da\u00df man mich akzeptieren w\u00fcrde, obwohl ich so war. Es war nicht gerade meine Art, zu jedem zu gehen, und es ihm zu erz\u00e4hlen. Aber ich wollte wenigstens langsam anfangen, ein paar Leute einzuweihen. Zuerst nat\u00fcrlich die Leute, bei denen ich davon ausgehen konnte, da\u00df sie eine korrekte Einstellung zu den Dingen hatten. Jemand, der in der Beziehung viel los hatte, war Boris&#8216; Mutter. Man konnte ganz gut mit ihr reden, und sie hatte f\u00fcr alles Verst\u00e4ndnis, au\u00dfer f\u00fcr die D\u00fcsenj\u00e4ger, die im Tiefflug \u00fcber den Weyerberg donnerten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jeden Abend mu\u00dfte jemand bei denen die Hunde ausf\u00fchren. Niemand ri\u00df sich besonders darum; ihr Alter hatte die gute Ausrede, arbeiten zu m\u00fcssen und Boris selber lag Abends lieber vor der Glotzbeule. Und wer wollte jemandem, wie ihm schon etwas mit barschem Ton in die Hand dr\u00fcckend. Und wenn es nur eine Hundeleine war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich nutze an einem Abend also die Gelegenheit aus, sie zu begleiten, weil alles in mir darauf dr\u00e4ngte, mich mit irgend jemandem \u00fcber meine Probleme zu unterhalten, was ich zwanzig Jahre lang kein einziges Mal gedurft hatte. Sie hatte nichts dagegen, da\u00df ich sie durch die dunkle Nacht begleitete, die so \u00e4hnlich war, wie bei diesem Gewaltmarsch von der Demo nach Hause. Schlie\u00dflich ist es f\u00fcr eine Frau auch Risiko, alleine des Nachts durch die Botanik zu tigern. Also hatten wir uns die Viecher geschnappt, die uns fast mehr zogen, als da\u00df wir sie f\u00fchrten. Manchmal andererseits mu\u00dfte man sie mit Gewalt wegziehen, wenn sie irgendwo an der Duftnote eines Kollegen h\u00e4ngen blieben.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war ziemlich aufgeregt, weil ich mir fest vorgenommen hatte, sie einzuweihen, andererseits hatte ich so eine<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 29\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Angst davor, da\u00df ich nur ganz nerv\u00f6s ab und zu eine Bemerkung \u00fcber die Hunde-<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">machte, oder so.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber sie als Menschenkennerin hatte voll geblickt, da\u00df ich was auf der Pfanne hatte und sagte nach einer Weile: &#8222;Nun fang&#8216; schon an . &#8222;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Dir bleibt auch nichts verborgen, was?&#8220; sagte ich und sie lachte. Sie lachte immer, wenn es ihr gelang, jemanden mit ihrer Menschenkenntnis zu verbl\u00fcffen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Naja, das ist nicht so einfach,&#8220; sagte ich ausweichend. Obwohl sie den Anfang gemacht hatte, war es immer noch nicht einfacher, zu sagen, was Sache war. Schlie\u00dflich war ich nicht so cool drauf, ihr zu sagen: &#8222;Ich bin schwul und liebe Deinen Sohn.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Die Wahrheit ist nie einfach,&#8220; sagte sie, und ich fragte mich, wieviel sie wu\u00dfte. Ich war froh, da\u00df es dunkel war, und ich ihr nicht in die Augen sehen mu\u00dfte. Trotzdem half mir das auch nicht viel. Wei\u00df der Henker, was sie schon ahnte. Vielleicht hatte sie als Frau gesp\u00fcrt, da\u00df ich anders auf sie reagierte, als andere Jungens. Allerdings, selbst wenn sie etwas vermutete, w\u00fcrde sie mir keinen Schritt entgegen kommen. So gut kannte ich sie auch.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich fing ziemlich umst\u00e4ndlich an, damit, da\u00df ihr sicher schon aufgefallen war, da\u00df ich keine Mieze hatte und so. Das war nicht besonders genial, aber ich wu\u00dfte nicht, wie ich es sonst machen sollte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Wir hatten die Hunde losgeleint, die gleich losd\u00fcsten, Kaninchen jagen, oder wei\u00df der Geier, was. Es war mir in dem Augenblick auch ziemlich egal.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Du kannst Dir sicher schon denken, worum es geht&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war ein ziemlich plumper Versuch, aber sie ging sowieso nicht darauf ein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Kann sein. Aber ich will, da\u00df Du es sagst.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Eigentlich h\u00e4tte es jetzt einfacher sein sollen, aber war es nicht.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Naja, ich bin&#8230;&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Der Anfang war schon ganz gut gewesen, aber dann kamen mir alle Vokabeln, die mir in den Sinn kamen, ziemlich \u00e4tzend vor. Es gab eigentlich keinen Ausdruck daf\u00fcr, der nicht irgendwie nach etwas Unanst\u00e4ndigem klang, auch wenn man keine Vorurteile hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Es ist so, da\u00df ich nicht auf M\u00e4dchen stehe.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Meine Pumpe war ganz sch\u00f6n am Rattern, als ich es endlich heraus hatte. Sie sagte eine ganze Weile \u00fcberhaupt nichts. Erst wollte ich sie fragen, ob sie nun schockiert w\u00e4re, aber die Frage w\u00e4re ziemlich heuchlerisch gewesen. So leicht war sie garantiert nicht zu schockieren.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ja, das ist nicht so einfach,&#8220; sagte sie nach einer Weile. Das sagte eigentlich nicht viel, aber ich hatte das Gef\u00fchl, da\u00df sie mich verstand und da\u00df sie es akzeptierte. Es war das erste Mal in meinem Leben, mit jemandem dar\u00fcber gesprochen zu haben.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann blubberte alles aus mir raus, mit der Einsamkeit und der ungl\u00fccklichen Liebe zu Mario, und wie ich darunter litt, und alles. Nur eins erz\u00e4hlte ich ihr nicht: da\u00df ich ihren Sohn liebte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auch wenn sie noch so tolerant war und alles verstand. Aber wenn ich ihr sagte, was f\u00fcr Feelings ich f\u00fcr Boris hatte, dann w\u00fcrde sie als Mutter sicher versuchen wollen, ihren Sohn vor so einem, wie mir zu sch\u00fctzen und ihn von mir fernzuhalten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber ich brauchte ihr gar nichts zu sagen. Sie raffte das auch ohne meine Hilfe. Sicher war ihr aufgefallen, da\u00df ich \u00f6fters nach Boris fragte, als nach seinem Bruder, da\u00df ich seltener kam, wenn er nicht da war, da\u00df ich ihn massenhaft zum Eis-Essen einlud, wie befangen ich in seiner Gegenwart war, auch wenn ich mir M\u00fche gab, mir nichts anmerken zu lassen. Sie hatte schon so viele verliebte Freundinnen ihres Sohnes erlebt, da\u00df es f\u00fcr sie kein Akt war, zu peilen, was Sache war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann mu\u00dfte ich losheulen. Keine Ahnung, warum. Es war einfach entsetzlich traurig. Vielleicht, weil sie merkte, da\u00df ich Boris liebte, aber er nicht, da\u00df ich mit ihr dar\u00fcber reden konnte, aber mit ihm nicht.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war nicht besonders m\u00e4nnlich, zu heulen. Aber sie gab wohl nicht viel auf solche Eigenschaften. Schlie\u00dflich, was war M\u00e4nnlichkeit anderes, als Saufen, sich pr\u00fcgeln, Kriege f\u00fchren, nicht weinen, sondern k\u00e4mpfen?<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann kamen die Hunde anged\u00fcst, sprangen an uns hoch und winselten. Es war, als h\u00e4tten sie meinen Liebeskummer bis zu den Kaninchenl\u00f6chern gesp\u00fcrt und waren ganz schnell gekommen, um mich zu tr\u00f6sten. Tiere haben wirklich ganz merkw\u00fcrdige Sinne, da\u00df sie Sachen merken, die man in absoluter Dunkelheit nicht sehen und \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Entfernungen auch nicht h\u00f6ren kann. Trotzdem kamen sie an.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls nachdem ich die Tr\u00e4nensache wieder einigerma\u00dfen im Griff hatte, f\u00fchlte ich mich ganz gut, weil ich es jemandem erz\u00e4hlt hatte, und trotzdem nicht kleiner geworden war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Andererseits hatte ich nat\u00fcrlich irgendwo die ganz kleine Hoffnung in mir gehabt, da\u00df sie mal mit Boris reden w\u00fcrde und ihm die Sache verklugfiedeln, was ich f\u00fcr ihn \u00fcbrig hatte. Man hofft immer, da\u00df sich unangenehme Dinge von selbst erledigen. Aber das spielte sich nat\u00fcrlich nicht ab. Es war mein Job und niemand konnte mir das abnehmen. Wir hatten ziemlich ausf\u00fchrlich \u00fcber alles geredet und auch dar\u00fcber, wie wichtig es w\u00e4re, da\u00df ich selber zu meinen Gef\u00fchlen stand und den Mut hatte, ihm selber zu verklickern, da\u00df meine Pumpe nur f\u00fcr ihn arbeitete. Aber ich hatte vor nichts mehr Angst, als ihn mit so etwas zu belasten. Zwar wollte ich, da\u00df er es wu\u00dfte, aber ich wollte ihm auch nicht zu nahe treten und riskieren, da\u00df er dann gar nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Null Ahnung, warum ich so eine Angst vor seiner Reaktion hatte. Eigentlich war ich ja \u00e4lter als er, und er h\u00e4tte vor mir Respekt haben m\u00fcssen und nicht umgekehrt. Aber immer, wenn ich es mir vorgenommen hatte, mit ihm dar\u00fcber zu<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 30\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">reden, hatte ich gemerkt, da\u00df ich seine Unbefangenheit und seine Fr\u00f6hlichkeit nicht mit so etwas belasten konnte. Ich brachte das einfach nicht und ich sp\u00fcrte, da\u00df ich es mir immer vergebens vornehmen w\u00fcrde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber ich wollte, da\u00df er wu\u00dfte, was in mir f\u00fcr ihn schlug. Ich wollte, da\u00df er mich verstand, vielleicht mich tr\u00f6sten w\u00fcrde, aber ich war sicher, da\u00df ich es ihm nicht sagen w\u00fcrde, bevor wir beide im Rentenalter waren. Ich wollte ihm einen Brief schreiben, aber ich habe eine ziemlich miese Klaue, die ich nicht mal selbst entziffern kann. Und au\u00dferdem wollte ich es ihm SAGEN, zum Teufel, mit dem Klang meiner Stimme, da\u00df er sp\u00fcrte, was in mir vorging. Also habe ich mir irgendwann meinen Kassettenrecorder geschnappt und dem Mikrofon alles erz\u00e4hlt. Aber das war gar nicht so einfach. Um genau zu sein brachte ich \u00fcberhaupt nichts Senkrechtes auf den Schn\u00fcrsenkel. Ich brauchte einige Versuche, bis ich das so einigerma\u00dfen auf der Reihe hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Lieber Boris, sicher wunderst Du Dich, von mir so eine Kassette zu kriegen. Eigentlich sehen wir uns ja oft genug. Aber ich m\u00f6chte Dir etwas sagen, was ich Dir nicht sagen kann. Ich m\u00f6chte, da\u00df Du wei\u00dft, was in mir vorgeht, damit es keine Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse und Unklarheiten zwischen uns gibt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es geht einfach darum, naja, da\u00df ich Dich sehr gerne mag. Ich meine, mehr, als das normalerweise bei Freunden \u00fcblich ist. Ich hoffe, da\u00df Du jetzt nicht schockiert bist. Ich wei\u00df, da\u00df die meisten Menschen nicht viel \u00fcbrig haben, f\u00fcr Leute, mit so einer Veranlagung, weil sie immer etwas perverses und Krankhaftes darunter verstehen. Ich hoffe sehr, da\u00df Du nicht auch diese Vorurteile hast. Versuch doch, es als einfache, sehr starke Zuneigung zu sehen, an der nichts Unanst\u00e4ndiges ist. Ich bin sehr gerne mit Dir zusammen, und traurig, wenn Du nicht da bist.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wei\u00df, da\u00df ich nicht der Erste und Einzige bin, der Dir verfallen ist, was ja auch kein Wunder ist, weil Du so sch\u00f6n und dufte drauf bist. Und mir ist klar, da\u00df ich auch nicht erwarten kann, da\u00df Du meine Gef\u00fchle erwiderst. Aber ich m\u00f6chte, da\u00df Du wei\u00dft, wie es in mir aussieht. Und ich hoffe, da\u00df es Dich nicht zu sehr abst\u00f6\u00dft, und da\u00df wir weiterhin Freunde sein k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es ist sicher schwer f\u00fcr jemanden, der von allen geliebt wird, zu verstehen, wie es ist, wenn man immer alleine sein mu\u00df und nie jemanden hat, den man mal liebhalten kann, wenn man seine Gef\u00fchle st\u00e4ndig verbergen mu\u00df, obwohl man sie am liebsten mit allen teilen m\u00f6chte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hoffe, Du hast jetzt keine Angst, da\u00df ich vorhabe, Dich zu verf\u00fchren, oder so. Darum geht es nicht. Ich m\u00f6chte nur, da\u00df Du wei\u00dft, was Trumpf ist, und ich hoffe, da\u00df Du es akzeptieren kannst.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Du brauchst Dich nicht unbedingt dazu zu \u00e4u\u00dfern, wenn es Dir unangenehm ist, dar\u00fcber zu sprechen, aber la\u00df mich bitte sp\u00fcren, ob wir weiterhin Freunde bleiben k\u00f6nnen, okay?<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Bleib so. Ich hab&#8216; Dich lieb.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war ziemlich aufgeregt, als ich die Kassette dann in der Nacht in den Briefkasten vor seinem Elternhaus gesteckt hatte. Und in den n\u00e4chsten Tagen war ich ziemlich aufgeregt. Ich hoffte, da\u00df irgendein Brief oder ein Anruf kommen w\u00fcrde, irgend etwas, das mir zeigte, da\u00df er mich verstand, aber es kam nichts. Irgendwann bin ich dann mal wieder zum Tee zu ihnen gekommen und Boris war furchtbar befangen, auf einmal. Er hatte nichts dazu gesagt, bis heute nicht, und ich hatte auch keine Triebe, ihm ein Gespr\u00e4ch aufzudr\u00e4ngen, obwohl ich so immer noch genauso in der Luft hing, wie vorher.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwie hatte ich in der folgenden Zeit das Gef\u00fchl, da\u00df er nicht mehr so unbefangen l\u00e4chelte, wie fr\u00fcher, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Jedenfalls war ich ziemlich traurig, als ich so \u00fcber die n\u00e4chtliche Landstra\u00dfe tippelte und an Boris denken mu\u00dfte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Zum Teufel, irgend jemand oder irgend etwas m\u00fc\u00dfte doch daf\u00fcr zust\u00e4ndig sein, da\u00df so starke Gef\u00fchle nicht v\u00f6llig unerwidert blieben. Ich habe keine Ahnung, ob es einen Gott gibt, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, da\u00df so etwas Sch\u00f6nes, wie Boris&#8216; Nase nur aus einem Klumpen Urmaterie entstanden sein soll, auch nicht in Millionen von Jahren. Also mu\u00dfte es irgend etwas geben, das das alles geschaffen hatte und dann sollte sich dieses Etwas doch auch ein bi\u00dfchen darum k\u00fcmmern, da\u00df man nicht so entsetzlich leiden mu\u00dfte. Ich meine, das war einfach nicht korrekt.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Klar, es gibt Menschen, die sind noch viel schlimmer dran, als ich. Immerhin mu\u00dfte ich nicht hungern, wenn ich auch auf dem Weg mit der Zeit einen ganz sch\u00f6nen Kohldampf entwickelte, und ich war auch nicht in einem Gef\u00e4ngnis, sondern hatte die Freiheit, unter freiem Himmel zu leiden. Andererseits tr\u00f6stete mich das alles auch nicht so sehr.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">11<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war ganz sch\u00f6n geschlaucht, als ich endlich in dem Kaff ankam. Es wurde bereits langsam hell. Im Sommer wird es fr\u00fch hell. Das war irgendwo ,n ganz duftes Feeling. Ich meine der dunkelblaue Himmel und die V\u00f6gel, die massenhaft zu zwitschern anfingen. Klar, am Tag zwitschern die auch, aber da knallt die Sonne voll auf die Landschaft und \u00fcberall ist Hektik und L\u00e4rm. Aber so um vier Uhr morgens ganz allein in der Botanik, wenn alle anderen noch poofen, das ist schon saustark.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dazu kam dieser Morgennebel, der \u00fcber den Feldern lag. So was muckt unheimlich, besonders wenn man Fotograf ist. Obwohl ich total m\u00fcde war, wollte ich noch meine Kamera holen, um ein bi\u00dfchen zu fotografieren. Ich meine, so eine Morgenstimmung mit Nebel und allem, das gab sicher mordsm\u00e4\u00dfige Bilder. Au\u00dferdem wollte ich nat\u00fcrlich meine neue Linse austesten.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 31\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Also bin ich erst mal m\u00f6glichst schnell zu meiner Bude gelaufen, obwohl mir die F\u00fc\u00dfe schon weh taten. Ich schnappte mir meine Kamera und wollte gerade wieder abschlie\u00dfen, da kamen Bertold und Stefan an. Stefan ist der andere Zivi, der gegen\u00fcber von meiner Bude wohnte Ich war ziemlich \u00fcberrascht, da\u00df die beiden auf waren, weil es ja eigentlich zierlich sp\u00e4t war, oder ziemlich fr\u00fch &#8211; je nachdem, von wo man es betrachtete.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Scheinbar hatten sie die Nacht durchgezecht, jedenfalls kamen sie mir reichlich schwindelig vor. Berti hatte eine Flasche Wein in der Hand.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Hier, trink auch was. Das is&#8217;n sagenhaft dufter Wein.&#8220; Eigentlich wollte ich nichts trinken, weil ich ja noch mit Murphy losd\u00fcsen wollte, zum fotografieren, aber es ist schwer, jemandem wie Berti etwas abzuschlagen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Der Wein ist so gut, da tr\u00e4umt der Papst von.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Bertis Spr\u00fcche k\u00f6nnen einem manchmal die Schuhe ausziehen. Dabei war der Wein eher mittelm\u00e4\u00dfig. Ich meine, er hatte bestimmt nicht mehr als drei Mark gekostet. Aber ich fand es ganz dufte, da\u00df Berti so gut drauf war. Ich sagte ja schon, da\u00df ich ihn ganz gerne mochte. Und, wenn er kn\u00fclle ist, ist er ganz niedlich. Er kam immer ganz dicht an mich ran und legte mir die Hand auf die Schulter und so. Andererseits war es ganz sch\u00f6n aufdringlich, da\u00df er mir dauernd die Weinflasche unter die Nase hielt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Wo willst&#8217;n hin?&#8216; fragte Stefan. ,Fotografieren?&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Au ja, da fahr&#8217;n wir mit,&#8216; sagte Berti, bevor ich Stefans Frage beantwortet hatte. Eigentlich bin ich ein Einzelg\u00e4nger, besonders als Fotograf, aber die beiden k\u00fcmmerten sich nicht besonders darum, also sind wir zusammen ins Moor gefahren, mitten in die Landschaft. So eine Morgend\u00e4mmerung im Nebel ist eine Saustarke Angelegenheit. Wir hielten auf einer kleinen Br\u00fccke. Da konnte ich die Kamera aufs Gel\u00e4nder stellen, damit die Bilder nicht verwackelten. Jedenfalls war das ein sagenhaftes Licht und die Fotos wurden bestimmt spitzenm\u00e4\u00dfig. Bertis Meinung zur Natur wurde mal wieder von einem witzigen Spruch begleitet.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Das ist saustark! Das hat auch nur Gottfried drauf.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es gab total hei\u00dfe Farben. Der Himmel war fast violett, aber kein St\u00fcck kitschig, immerhin war der ja auch echt. Dann war da so ein kleiner Flu\u00df, mit Schilf am Rand und durch den Nebel bekam alles so was Duftiges. Vorteilhaft war nat\u00fcrlich auch, da\u00df man bei dem Nebel die Hoch\u00f6fen von Kl\u00f6ckner und die Hochspannungsleitungen nicht sehen konnte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Stefan mu\u00dfte unbedingt ins Schilf pinkeln. Kein Wunder, die beiden hatten ja auch reichlich getrunken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Wenn das Gottfried w\u00fc\u00dfte,&#8216; sagte Berti dazu.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich habe wie ein Wahnsinniger fotografiert, und zwischendurch mu\u00dfte ich ab und zu einen Schluck aus der Flasche nehmen, weil Berti mir sonst keine Ruhe lie\u00df. Er war unheimlich lieb zu mir. Wenn ich nicht gewu\u00dft h\u00e4tte, da\u00df er voll breit war, w\u00e4re ich ganz sch\u00f6n happy gewesen, aber das meiste seiner Freundlichkeit war wohl dem Alkh zu verdanken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann sind wir weitergefahren. Nur sind wir nicht weit gekommen, weil Stefan meine Frisbee-Scheibe entdeckte, die auf dem R\u00fccksitz lag. &#8222;Hey, halt an. Wir spielen &#8217;ne Runde Frisbee.&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Frisbee ist nur gut. Deshalb bin ich auch gleich in den Anker gegangen. Wir haben dann die Scheibe &#8217;ne ganze Zeitlang durch die Luft geworfen. Wir hatten ganz gute Flugbedingungen, weil kaum Wind war. Obwohl, die beiden waren nicht besonders gut drauf. . . Sie . trafen weder noch fingen sie ein einziges Mal das Ding. Alkohol kann einem ganz sch\u00f6n zu schaffen machen. Nur, die beiden merkten das niedrige Niveau des Spiels gar nicht, sondern schleuderten immer fr\u00f6hlich drauf los. Bis Berti die Scheibe genau im Teich versenkte, was schon eine besondere Leistung war, da wir mindestens hundert Meter vom Wasser weg waren.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Berti tat das unheimlich leid und er legte mir seinen Arm um die Schulter.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Das tut mir leid, Alter. Echt. Ich besorg die &#8217;ne neue. Hundertprozentig&#8230;Bist Du sauer?&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Wie kann man sauer auf jemanden, wie Berti sein. Ich versuchte, das Gef\u00fchl von seiner N\u00e4he zu genie\u00dfen. Das war echt nicht schlecht. Daf\u00fcr konnte er \u00f6fter &#8217;ne Scheibe ins Wasser werfen. Nur, das war nat\u00fcrlich viel zu kurz und ich mu\u00dfte mich ganz sch\u00f6n zur\u00fcckhalten, da\u00df ich ihn nicht ganz umarmte. W\u00e4re nicht schlecht gewesen, aber ich wei\u00df nicht, ob die beiden betrunken genug waren, um es nicht als ungew\u00f6hnlich zu identifizieren. Ich hatte immer noch einen ganz sch\u00f6nen Horror davor, da\u00df jemand erfuhr, wie ich empfand. Nat\u00fcrlich hatte keiner so recht Triebe, die Scheibe wieder aus dem Wasser zu holen, deswegen sind wir irgendwann abgehauen. Der Nebel verschwand auch nach und nach, und reizte irgendwann nicht mehr so sehr.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Heimweg haben wir uns dann einen Beutel Br\u00f6tchen geklemmt, der irgendwo vor einer Haust\u00fcr lag. Stefan hatte die Idee, uns noch ein richtiges Spie\u00dferfr\u00fchst\u00fcck reinzuziehen, mit Br\u00f6tchen, Marmelade und Kaffee. Das war auch nicht schlecht, im Prinzip, wenn auch der Kaffee von Stefan ziemlich traurig war. Aber man konnte ihn trinken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Sieht nach Regen aus, schmeckt aber nach Kaffee,&#8216; sagte Berti. Witzbold,&#8216; Aber dufter Typ, au\u00dfer, da\u00df er seine Br\u00fche gleich \u00fcber den ganzen Tisch kippte. Ist ziemlich \u00fcbel, so aufgeweichte Br\u00f6tchen und Kaffee auf der Marmelade. Berti entschuldigte sich schon wieder, allerdings ohne mir den Arm um die Schulter zu legen. Deswegen n\u00fctzte ich die Gelegenheit, das bei ihm zu tun und zu sagen:<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Das macht doch nichts, Mann.&#8216; Er hatte sch\u00f6ne, kr\u00e4ftige Schultern.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,So&#8217;n Fr\u00fchst\u00fcck ist superstark. K\u00f6nnen wir \u00f6fter mal machen.&#8216; Als wir damit fertig waren, stellte ich die Butter wieder in den K\u00fchlschrank und packte erst mal die Kamera in meine Bude. Die beiden kamen gleich nach und machten es sich in meinem Zimmer bequem. Berti legte sich auf meine Matratze und Stefan hockte sich auf die<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 32\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Erde. Die beiden waren st\u00e4ndig am g\u00e4hnen und ich war auch ganz sch\u00f6n m\u00fcde. Drau\u00dfen war es schon richtig Tag und die V\u00f6gel zwitscherten, wie verr\u00fcckt. Ich fragte mich, wie man dabei einschlafen sollte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Ich will langsam mal nach&#8217;m Bett hin, seht zu, Leute,&#8216; sagte Stefan und machte &#8217;ne Biege. Netter Junge, eigentlich. Nur, da\u00df er sich so gut wie nie rasierte, und ich steh&#8216; nicht auf so&#8217;n Unkraut im Gesicht, wenn sich jemand f\u00fcr Details interessiert.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Als er weg war, schnallte ich erst, da\u00df Bertold l\u00e4ngst nicht mehr auf&#8216; Sender war. Er knackte seelenruhig auf meiner Matratze und atmete ganz ruhig. Das machte mich ziemlich nerv\u00f6s, weil ich nicht so recht wu\u00dfte, was ich jetzt machen sollte. Es w\u00e4re nat\u00fcrlich reizvoll gewesen, mich zu ihm zu legen, allerdings, was w\u00e4re dann, wenn man zusammen aufwachte Andererseits war es bl\u00f6de, ihn aufzuwecken. Ich \u00fcberlegte mir, da\u00df ich wenigstens den Versuch machen sollte, ihn aufzuwecken, dann konnte ich am n\u00e4chsten Tag immerhin sagen, da\u00df ich ihn nicht wachgekriegt hatte. Allerdings versuchte ich es ziemlich vorsichtig, ihn zu wecken, weil der Gedanke, mit ihm in einem Bett zu liegen, ziemlich reizvoll war. Nicht, da\u00df jemand was Falsches denkt; ich wollte mich nur ganz einfach neben ihn legen. Au\u00dferdem konnte ich ja am n\u00e4chsten Morgen alles mit dem Wein rechtfertigen. Und, schlie\u00dflich hatte er sich in mein Bett gelegt und nicht umgekehrt.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ganz vorsichtig habe ich mich dann neben ihn gelegt. Ich hatte zwar tierisch viel Panik, da\u00df er aufwachte, aber er schlief, wie ein Stein. Ich bewegte mich so vorsichtig, als w\u00e4re Nitroglyzerin in der Matratze, aber er raffte nicht mal was, als ich die Decke \u00fcber uns beide legte. Es war ziemlich eng, weil er sich so eingeigelt hatte, aber es war tierisch gem\u00fctlich. Sein Kopf lag neben meinem Arm und unsere Beine ber\u00fchrten sich. Ich traute mich nicht, mich zu bewegen, obwohl ich am liebsten noch meinen Arm um ihn gelegt h\u00e4tte, aber ich hatte einen ziemlichen Horror davor, da\u00df er aufwachte und einen mittleren Schock kriegte. Ich versuchte, das Gef\u00fchl zu genie\u00dfen, neben ihm zu liegen, aber es war ja auch irgendwo unbequem. Aber immerhin war es nicht das Schlechteste. Es ist ziemlich anstrengend, so ganz ruhig auf einer Matrazenh\u00e4lfte zu liegen, aber es dauerte nicht besonders lange, dann war ich weg &#8211; bewu\u00dftseinsm\u00e4\u00dfig.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">12<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich knackte ziemlich lang. Jedenfalls war es kurz nach zwei, als ich mit verschlafenen Augen nach meiner Armbandzwiebel suchte und m\u00fchsam die Zeigerkonstellationen ablas. Dann fiel mir auf einmal ziemlich hei\u00df ein, da\u00df ich nicht der Einzige gewesen war, der meine Matratze bev\u00f6lkert hatte, als ich eingeschlafen war. Jedenfalls war ich tierisch aufgeregt, als ich peilte, da\u00df Berti weg war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Null Ahnung, wo er steckte. Es besch\u00e4ftigte meine Gehirnwindungen eine ziemliche Zeit, was er sich wohl in seinem h\u00fcbschen Kopf gedacht hatte, als er neben mir aufgewacht war. Zwar sah er meistens alles nicht so eng, aber trotzdem besch\u00e4ftigte es mich total. Hoffentlich dachte er nun nichts Schlimmes.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich versuchte, das Feeling zu genie\u00dfen, so dicht neben jemandem geschlafen zu haben, den ich ganz gerne mochte, aber richtig happy konnte ich damit auch nicht werden. Ich h\u00e4tte wenigstens versucht haben sollen, meinen Arm um seinen Bauch zu legen, oder so. Aber solche Gelegenheiten l\u00e4hmten mich immer so lange, bis sie vorbei waren.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es dauerte eine ganze Weile, bis ich zu der Einstellung gelangt war, da\u00df es sinnlos war, sich die Birne \u00fcber so was zu zermanschen, und dann dauerte es mindestens noch mal ebensolange, bis man meine Position als einigerma\u00dfen Senkrecht bezeichnen konnte. Die Turnschuhe waren noch na\u00df von dem letzten Morgen, und es war ein ziemlich unangenehmes Gef\u00fchl, die nassen Dinger anzuziehen, aber ich hatte nun mal keine anderen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich ging erst mal aufs Klo, dann in die Gemeinschaftsk\u00fcche, wo es wiederum eine Zeit dauerte, bis ich mich dazu entschlie\u00dfen konnte, eine Schnitte mit Honig zu bestreichen und in den Kopf zu stecken. Das Zeug geh\u00f6rte Stefan, aber er hatte sehr wahrscheinlich nichts dagegen, wenn ich mir etwas davon nahm.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann klopfte ich bei Berti an der T\u00fcr, weil ich abchecken wollte, wie er auf den Matratzendoppel reagierte, aber er war wohl nicht da.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwie hatte ich das Bed\u00fcrfnis, mich mit jemandem auszutauschen, geistig. Dann fiel mir Christa ein, von der ich mich sowieso noch verabschieden wollte, und ich nahm also meine Regenjacke, da es drau\u00dfen tr\u00fcbe aussah und tigerte zum Parkplatz.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Christa ist &#8217;ne Bekannte von meinen Alten. Als ich hier angefangen hatte, und noch kein Schwein kannte, hatte ich sie ein paar mal besucht, weil ich sonst niemanden hatte, zu dem ich gehen konnte. Sie war ganz gut in Ordnung, f\u00fcr ihr Alter, und irgendwann hatte sie mich gefragt, ob ich dar\u00fcber reden wollte. Ich hatte zuerst nicht geschnallt, was sie meinte, bis ich auf den Trichter kam, da\u00df sie wohl mein Liebesleben meinte. Sie meinte, Frauen h\u00e4tten eine Antenne f\u00fcr so was, was ganz sch\u00f6n \u00fcbel war, denn wie soll man verheimlichen, da\u00df man schwul ist, wenn Frauen solche Spezialempf\u00e4nger haben?<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber f\u00fcr sie war das voll in Ordnung und es tat gut, mit so jemandem zu reden. Sie verstand mich manchmal besser, als ich selber, obwohl sie den Hang hatte, solche Probleme zu theoretisieren, was einem \u00fcberhaupt nichts n\u00fctzt, wenn man verliebt ist. Ich meine, was n\u00fctzt es einem, wenn man wei\u00df, da\u00df es auf Projektion beruht, wenn man von jemandem, wie Boris nicht loskommt. Es n\u00fctzt einem \u00fcberhaupt nichts, zum Teufel.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Andererseits konnte sie gut verstehen, da\u00df ich ihn mochte. Ich hatte ihr ein Bild von ihm gezeigt, und sie fand ihn auch ganz h\u00fcbsch, obwohl sie meinte, da\u00df das Aussehen alleine ja eher nebens\u00e4chlich sein m\u00fcsse. F\u00fcr mich war es<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 33\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">das aber nicht. Au\u00dferdem hatte Boris ja noch andere Eigenschaften, die man lieben konnte, au\u00dfer seinem h\u00fcbschen Gesicht. So was kann so ein Foto nat\u00fcrlich nicht vermitteln, obwohl ich sein L\u00e4cheln per \u00dcberraschungsschu\u00df ganz gut eingefangen hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sie wohnte in so einem Reihenhaus, das nicht besonders aufregend, aber nett eingerichtet war. Ich bet\u00e4tigte ihren Zweitongong und hoffte auf einmal, da\u00df sie nicht da war. Ich wei\u00df nicht, warum. Sch\u00e4tze, ich hatte Angst, da\u00df ich heulen mu\u00dfte, wenn sie mich fragte, was Boris machte, und so. Mit Sicherheit w\u00fcrde sie auf ihn zu sprechen kommen, weil sie reich an grauen Zellen war und wu\u00dfte, da\u00df ich haupts\u00e4chlich zu ihr kam, wenn ich mit jemanden \u00fcber Boris reden wollte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es dauerte eine Weile, dann h\u00f6rte ich Schritte auf dem Flur. Sie schl\u00fcsselte die T\u00fcr auf und fing an, sich tierisch zu freuen, als sie mich identifiziert hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Komm rein, Junge. Sch\u00f6n, da\u00df Du kommst,&#8220; sagte sie und knallte die T\u00fcr hinter mir zu, als ich drin war. Dann rannte sie als erstes in die Kochgelegenheit, um Teewasser anzusetzen. Ich hab keine Ahnung, was die Leute an Tee finden. Aber meistens sind es dufte Gespr\u00e4che, die man bei solchen Aufgu\u00dfgetr\u00e4nken f\u00fchrt.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Wie geht&#8217;s Dir denn so?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wollte so einen Spruch ablassen, wie &#8222;gestern ging&#8217;s noch&#8220;.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Aber sie stellte solche Fragen nicht einfach nur aus Gewohnheit. Wahrscheinlich wollte sie mir erleichtern, zu<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">sagen, was ich auf der Pfanne hatte. Aber ich wu\u00dfte nicht so recht, was ich darauf sagen sollte und brummte nur undefinierbar.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann fiel mir ein, da\u00df ich ihr ja sagen wollte, da\u00df ich mit meinem Dienst durch war, und da unser Gespr\u00e4ch sp\u00e4ter sicher in eine andere Richtung gehen w\u00fcrde, sagte ich ihr das, bevor es in Vergessenheit geriet.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Oh, ist schon um, die Zeit?&#8220; gab sie darauf zur\u00fcck und war schon wieder unterwegs, um sich um den Tee zu k\u00fcmmern. Weiter ging sie nicht darauf ein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und was macht die Liebe?&#8220; fragte sie dann. Aber was soll man auf so was schon antworten, wenn man da so wenig zu erz\u00e4hlen hat?<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Tut sich immer noch nichts?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Nee. Immer noch die alte Einer-Kiste.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sie lachte kurz \u00fcber den Spruch und verschwand schon wieder in der K\u00fcche. So eine Teezubereitung ist ganz sch\u00f6n hinderlich, wenn man sich ernst unterhalten will. Und das wollte ich. Wei\u00df der Henker, was es brachte, dar\u00fcber zu reden, aber es nervte mich jedenfalls, da\u00df der Tee noch nicht fertig war, das Thema aber schon angeschnitten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Wie hat er denn auf den Brief reagiert, den Du ihm geschrieben hast?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Damit hatte sie genau den Punkt angeschnitten, der mir am meisten Trouble bereitete. Und gerade jetzt war sie endlich mit ihrem Tee fertig und setzte sich mir gegen\u00fcber. Dabei w\u00e4re es mir auf einmal angenehmer gewesen, wenn sie ihn noch etwas l\u00e4nger zubereitet h\u00e4tte, weil ich auf einmal das unbestimmte Feeling hatte, da\u00df mir gleich irgendwelche Fl\u00fcssigkeiten in die Augen treten wurden. Ich betrachtete die kleinen Papierschildchen, die vom Rand der Teekanne herunter baumelten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Wir haben uns nie dar\u00fcber unterhalten. Er hat halt genauso, wie ich, die Tendenz, unangenehmen Sachen aus dem Weg zu gehen und ich hab&#8216; auch nicht den Mut, ihn noch mal anzusprechen. Jedenfalls war er die erste Zeit ziemlich befangen und ich hab das Gef\u00fchl, es ist nicht mehr so, wie fr\u00fcher, zwischen uns. Ich meine, er ist nicht mehr so locker. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber es ist irgendwie ganz sch\u00f6n herbe. Wenn ich daran denke, wie das fr\u00fcher war &#8211; manchmal sind wir Arm in Arm durch die Gegend gelaufen, und waren tierisch gut drauf. Aber jetzt&#8230; Er kommt mich auch nicht mehr von selbst besuchen und ich mu\u00df mich schon aufdr\u00e4ngen, wenn ich mal was mit ihm unternehmen will. Jedenfalls&#8230;&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Man sollte S\u00e4tze, die man angefangen hat, immer zu ende sprechen, da sonst leicht der Eindruck entsteht, da\u00df man unkonzentriert ist, aber mir war auf einmal ganz beschissen zumute und am liebsten h\u00e4tte ich mich irgendwo zwischen die Sitzelemente verkr\u00fcmelt. Sie schien zu merken, was in mir vorging und war ganz ruhig, eine Zeitlang. &#8222;Nimm Dir das doch nicht so zu Herzen. Er meint das bestimmt nicht pers\u00f6nlich. Er ist halt unsicher, und Du kannst nicht von ihm erwarten, da\u00df er zu Dir kommt, um mit Dir zu schmusen.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich nippte etwas von dem Tee, aber der war tierisch hei\u00df, und ich stellte die Tasse wieder hin, wobei ich M\u00fche hatte, nichts zu verschlabbern. Ich wollte nicht, da\u00df sie mir anmerkte, wie ich drauf war. Ich brauche kein Mitleid, zum Teufel. Aber ich h\u00e4tte in solchen Augenblicken ganz gern jemand gehabt, der mich tr\u00f6stete.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">In der Zwischenzeit hatte sie eine Dose mit Keksen aufgemacht und mir welche angeboten. Die waren allerdings so hart, wie der Gesichtsausdruck von Clint Eastwood, und ich habe auch nur zwei bis f\u00fcnf von den Dingern verdr\u00fcckt. &#8222;Das ist schon schwierig f\u00fcr Dich, das verstehe ich wohl,&#8220; setzte sie wieder zu reden an.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Du bist ja auch nicht so locker, um so was mehr cool anzugehen. Und gerade vor so ernsten Gef\u00fchlen haben die meisten Menschen Angst. Vielleicht h\u00e4ttest Du vielleicht sogar mehr Erfolg, wenn Du ihn mal ganz locker zu irgendwelchen Spielereien verf\u00fchren w\u00fcrdest, beim Baden, oder was wei\u00df ich. Aber ich sch\u00e4tze, da\u00df Du das nicht so gut kannst, so unbefangen zu sein. Vermutlich w\u00fcrden M\u00e4dchen auf so einen Typ, wie Dich, viel eher abfahren, mit so tiefen Gef\u00fchlen. Aber so ein Sonnyboy, wie Boris einer ist, der hat es doch gar nicht n\u00f6tig, sich mit so unbequemen Sachen abzugeben. Der hat ja genug Freunde und Freundinnen, mit denen alles viel unkomplizierter ist, und hat es nat\u00fcrlich gar nicht n\u00f6tig, sich um einen Freund zu k\u00fcmmern, der mit so einem Riesenhammer ankommt.&#8220;<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 34\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Sie blickte das alles voll. Ich meine, da\u00df Boris so ein Strahlemann war, der es gar nicht n\u00f6tig hatte, sich um irgend etwas zu k\u00fcmmern. Er bekam alles mit einem L\u00e4cheln. Das Abi hatte er so gepackt, ohne sich gro\u00df vorzubereiten und in den kritischen F\u00e4chern hatte wahrscheinlich gen\u00fcgt, den Lehrer anzul\u00e4cheln, um durchzukommen. Die Gewissenspr\u00fcfung hatte er auch beim ersten Mal gleich abgehakt, dabei h\u00e4tte ich ihm gerne geholfen, sich etwas besser auf die zweite vorzubereiten. Eigentlich war es tierisch unfair, da\u00df einige Leute alles so in den Hintern geschoben bekommen, und andere ewig leiden m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und gerade, weil Du nicht so locker bist, wirst Du immer Schwierigkeiten haben, jemanden kennenzulernen, obwohl in Deiner Situation nat\u00fcrlich das Beste w\u00e4re, Boris zu vergessen, und Dich nach anderen h\u00fcbschen Kindern umzuschauen. Aber weil Du Dich instinktiv dagegen wehrst, Dich auch woanders umzutun, und dadurch nie jemanden kennenlernst, wirst Du auch immer kribbeliger. Aber so was strahlt man halt auch aus und die Leute merken so was. Das ist ein verdammter Teufelskreis: Du strahlst dauernd Hunger aus, weil Du nichts zu Essen hast, und Du kriegst nichts, weil Du diesen Hunger ausstrahlst, und die Leute davor Angst haben. Das ist nicht so einfach. Aber als Steinbock hast Du es nun mal schwer, da kannst Du machen, was Du willst.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sie lachte dabei, was gut war, weil es mir noch gefehlt hatte, da\u00df sie mir jetzt mein Horoskop vorlas. Das ist f\u00fcr mich alles ziemlicher Humbug. Ich meine, diese Sachen sind immer so raffiniert abgefa\u00dft, da\u00df jeder etwas f\u00fcr sich Passendes darin finden kann und ganz erstaunt \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen ist.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Als Steinbock brauchst Du Dir gar keine Hoffnungen zu machen. Vor drei\u00dfig l\u00e4uft da sowieso nichts ab.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sie lachte wieder, obwohl die Vorstellung, noch so viele Jahre mit so viel Kummer leben zu m\u00fcssen, alles andere, als gagreich war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Und meine Jugend geht vorbei, ohne da\u00df etwas passiert, oder?&#8220; sagte ich, um wieder auf die Ernsthaftigkeit meiner Probleme zur\u00fcckzukommen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Oh, Du bist ja auch schon so entsetzlich alt,&#8220; gab sie mit einem Wahnsinnstonfall zur\u00fcck.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Naja, f\u00fcr sie war ich noch jung und knackig, aber das Alter, auf das ich so abfuhr, hatte ich schon meilenweit \u00fcberschritten. Und au\u00dferdem, was hat man davon, wenn man mal einen h\u00fcbschen, knackigen Typ hat, wenn man selber schon alt und schrumpelig ist?<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Naja, j\u00fcnger werden wir alle nicht,&#8220; gab sie schlie\u00dflich zu. &#8222;Und gerade bei Euch gilt Jugend ja besonders viel. Ihr tr\u00e4umt immer von einem sch\u00f6nen Prinzen, aber den wenigsten begegnet tats\u00e4chlich mal einer.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Aber das ist ja gerade so herbe; mein Traumprinz l\u00e4uft seit drei Jahren st\u00e4ndig vor meiner Nase rum, l\u00e4chelt und ist nett zu seinen Verehrerinnen. Aber ich bin gerade gut genug f\u00fcr ihn, ihm Platten zu leihen oder ihn zum Kino einzuladen. Wenn es Tragik gibt, im Leben, dann ist es so was.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Manchmal habe ich sagenhaft theatralische Sachen drauf, da\u00df einem der Draht aus der M\u00fctze kommt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Irgendwann wird Dir auch einer begegnen, der nur ganz f\u00fcr Dich da ist,&#8220; sagte sie und zwinkerte mich zuversichtlich an.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Du als Orakel. Warum l\u00e4ufst Du nicht in langen Umh\u00e4ngen rum, damit man das auch erkennt?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sie lachte reichlich, wovon allerdings meine Situation auch nicht viel erfreulicher wurde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Wir haben noch eine ganze Weile so geredet. Aber irgendwann gab es mir nicht mehr viel. Schon, es tat ganz gut, dar\u00fcber zu reden, aber das alles brachte mir Boris nicht n\u00e4her, und allein das tat weh, und ich wollte auf einmal nur noch alleine sein, weil man nicht in Ruhe leiden kann, wenn einem dauernd Tee nachgegossen wird. Vielleicht brauchte ich das Leiden, wie sie fr\u00fcher einmal gesagt hatte, aber noch sch\u00f6ner w\u00e4re es gewesen, wenn Boris mich tr\u00f6sten w\u00fcrde. Aber er war nicht f\u00fcr mich da. Manchmal stellte ich mir vor, wie trostlos die Vorstellung war, da\u00df irgendwann ein Atomkrieg die ganze Menschheit ausl\u00f6schen w\u00fcrde. Das an sich war nicht so hart, aber wenn ich daran dachte, da\u00df ich alleine dahinsiechen mu\u00dfte, w\u00e4hrend er zusammen mit seiner Mieze sterben konnte, das tat mir wirklich weh. Bei solchen Gedanken zog sich richtig die Gegend um meine Pumpe irgendwie zusammen und tat echt weh. Die Herzschmerzen waren \u00fcberhaupt nicht fiktiv, sondern ich sp\u00fcrte sie dauernd. Aber das w\u00fcrde Boris nie begreifen, geschweige denn zum Anla\u00df nehmen, mir zu helfen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann hatte ich mich dann von Christa verabschiedet und versuchte, in Murphy jemanden zu sehen, der mein Freund war und nur meiner. Aber ein wirklicher Freund w\u00e4re wirklich sehr viel erfreulicher gewesen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">13<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Wenn man vor sich selber fliehen will und nach Ausreden sucht, fallen einem genug ein. Zum Beispiel die, da\u00df es jede Menge Leute gibt, die jede Nacht auf Achse sind, und da\u00df es deswegen nichts Schlimmes sein kann, wenn man sich auch mal unter die Nachteulen mischt. Zwar w\u00e4re es besser gewesen, irgend etwas Produktives zu tun, beziehungsweise etwas Sinnvolles, aber es ist schwer, sich was auszudenken, was Sinn macht. Ich hatte zwar ein schlechtes Gewissen, als ich beschlo\u00df, in die Stadt zu fahren, aber ich wollte mich ein bi\u00dfchen unters Volk mischen. Und zwar genaugenommen unters Gleichgesinnte. Es soll schlie\u00dflich niemand denken, da\u00df ich zu bl\u00f6d bin, etwas gegen mein trostloses Liebesleben zu unternehmen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Viel Erfolg hatte ich bisher ja nicht gehabt, auf der Suche nach Liebe oder zumindest nach etwas, das so \u00e4hnlich war. Allerdings waren die Umst\u00e4nde, unter denen ich suchen mu\u00dfte auch denkbar beschissen. Die nat\u00fcrliche Art,<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 35\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">sich kennenzulernen und sich zu verlieben, so ganz romantisch, wie in einem Roman oder Film, das lief nicht so, und dann bleiben einem noch schwule Kneipen und Kontaktanzeigen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das mit den Annoncen hatte ich abgehakt. Zwar gab es scheinbar reichlich viele Leute, die die gleichen Suchprobleme hatten, wie ich. Jedenfalls gab es massenhaft Anzeigen in so Veranstaltungsheften. ,Einsamer Boy sucht lieben Freund zum Schmusen und Anderem.&#8216; oder origineller: ,komplett ausgestatteter Oldtimer, Baujahr 45, T\u00dcV abgenommen, technisch und optisch einwandfrei sucht j\u00fcngeres Modell mit duftem Blechkleid und intaktem Innenleben zwecks gemeinsamer Spritztouren.&#8216;<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ein paar mal hatte ich es versucht, auf so eine Anzeige zu antworten, aber das war ziemlich \u00f6de. Ein paarmal hatte ich mich verabredet, mit Leuten, die ihrer Anzeige nach wahre Traumtypen sein mu\u00dften. Aber wenn man sie dann traf, wu\u00dfte man gleich, da\u00df der es nicht war. Dann sa\u00df man da, war nerv\u00f6s, weil man sich schlie\u00dflich unter dem Aspekt kennengelernt hatte, da\u00df beide jemanden zum wer wei\u00df was suchten. Man sollte denken, da\u00df einem das die Arbeit erleichtert, aber trotzdem war ich immer nerv\u00f6s. Vielleicht h\u00e4tte ich wenigstens da mal meine Neugier befriedigen k\u00f6nnen und mit einem von denen ,das erste Mal&#8216; hinter mich bringen k\u00f6nnen, aber es war einfach \u00fcberhaupt nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Man versprach sich dann, sich mal wieder zu melden, und wu\u00dfte dabei genau, da\u00df man das nur so sagte. Ein paar mal habe ich so was durchgespielt. Aber es ist nicht mehr dabei herausgekommen, als die Erfahrung, da\u00df man sich lieber nicht allzuviele Hoffnungen macht, auf diese Art seinen Traumprinzen zu finden.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte wohl zu hohe Anspr\u00fcche. Naja, ist logisch. Wenn man Leute wie Mario oder Boris kennt, ist man nat\u00fcrlich ganz sch\u00f6n verw\u00f6hnt. Und ich raffte das irgendwann, da\u00df jemand wie Boris es gar nicht n\u00f6tig hatte, so eine Anzeige aufzugeben, und da ich nur so jemanden suchte, verga\u00df ich das irgendwann mit den Chiffreanzeigen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich mu\u00dfte daran denken, wie Boris im letzten Sommer durch die Botanik gelaufen war. Nur mit &#8217;ner roten Turnhose an. Er hatte wirklich einen edlen K\u00f6rper. Ich meine, diese makellose, braune Haut und die feinen H\u00e4rchen auf dem gew\u00f6lbten Bauch, die in der Sonne golden leuchteten, das war schon Spitze. Genau das wollte ich haben, und nichts anderes. Aber wenn das so weiterging, w\u00fcrde ich nie dahinterkommen, wie sich solche Haut anf\u00fchlt, wie solche weichen Lippen schmecken oder blonde Haare riechen, oder wie es ist, so einem Typ tief in die blauen Augen zu sehen und zu sagen ,ich hab Dich lieb.&#8216;<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Die andere M\u00f6glichkeit waren einschl\u00e4gige Kneipen, obwohl das auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Ich meine, da h\u00e4ngen meistens nur Leute rum, die was f\u00fcr die Nacht zum Abschleppen suchen, aber vielleicht verirrte sich ja auch mal ein junger, h\u00fcbscher Typ dahin, der auch auf der Suche war, und m\u00f6glicherweise von einem gro\u00dfen, schlanken Zivi tr\u00e4umte. Auf diese Hoffnung berief ich mich, als ich Murphy anwarf, um in Richtung Bremen zu d\u00fcsen. Denn hier im Kaff gab es ungef\u00e4hr so viele schwule Kneipen, wie im Vatikan.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es war eine ziemlich \u00f6de Nacht. Einfach nur dunkel, und sonst gar nichts. Kein Regen, kein Vollmond oder irgendwas, was die Sache wenigstens stimmungsm\u00e4\u00dfig belastet h\u00e4tte. Auch kein Anhalter, und schon gar kein h\u00fcbscher.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und die ganze Zeit \u00fcber war ich ziemlich sicher, da\u00df ich in einer Stunde wieder auf der Gegenfahrbahn zur\u00fcckd\u00fcsen w\u00fcrde. Total frustriert. Man hatte eben so seine Erfahrungen, und so, wie jetzt war ich schon in der Nacht nach Bremen ged\u00fcst, gehofft, da\u00df ja m\u00f6glicherweise zuf\u00e4llig gerade in der Nacht mein Traumtyp da rumhing. Aber das war so unwahrscheinlich, wie sechs Richtige im Halma.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Als ich in der City angekommen war, trieb ich mich erst mal in allen m\u00f6glichen Discos rum, in der Hoffnung, da\u00df mir irgendwo ein h\u00fcbscher Bengel \u00fcber den Weg lief, in den man sich ungl\u00fccklich verlieben konnte. Aber an dem Abend reizte mich keiner so recht. Ich hatte die ganze Hand voller Stempelabdr\u00fccke, die man \u00fcberall bekam, wenn man Eintritt gel\u00f6hnt hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann sp\u00e4t in der Nacht entschied ich mich dann, das Egalit\u00e9 zu frequentieren. Das ist so &#8217;ne einschl\u00e4gige Kneipe, die ich eigentlich nicht besonders mochte, weil hier haupts\u00e4chlich Typen rumhockten, die was f\u00fcrs Bettgestell abschleppen wollten, aber manchmal tauchten da auch junge Typen auf, die gerade ihr coming out hatten und sich in der Szene umsahen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Weg durch die finsteren Stra\u00dfen von Bremen tickte mich im Vorbeigehen so ein Typ an und fragte, ob ich ihm mal warm entgegen kommen konnte. Er meinte damit wohl, da\u00df er Feuer f\u00fcr seine Kippe haben wollte. Das war das eine witzige in dem Moment. Das andere war, da\u00df im gleichen Augenblick eine Streifenkutsche neben uns hielt und der Fahrer mich fragte, ob ich \u00c4rger h\u00e4tte, worauf sich der andere H\u00e4nger gleich verdr\u00fcckte. Das zog mir alles ganz sch\u00f6n die Sandalen aus. Vermutlich d\u00fcsten die Bullen die ganze Nacht durchs Viertel und achteten darauf, ob irgendwo irgend jemand irgendwen anmachte. Schon m\u00f6glich, da\u00df der Typ tats\u00e4chlich was anderes von mir gewollt hatte und kalte F\u00fc\u00dfe bekommen hatte, als er die gr\u00fcn-wei\u00dfe M\u00fchle gesichtet hatte. Ich bedankte mich bei den Jungens in der Kiste und ging total durcheinander weiter. Man macht schon was mit in so &#8217;ner Stadt.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich klingelte an der T\u00fcr vom Egalit\u00e9 und wurde von dem ganz h\u00fcbscher Jungen, der hinter der Theke arbeitete, reingelassen. Er war stink-normal. Das hatte ich schon abgecheckt, weil ich ihn ganz nett fand. Er arbeitete hier nur, um Knete zu machen. Ich hockte mich an die Bar und sagte ihm, da\u00df er mir &#8217;ne Cola zapfen sollte und war ganz nerv\u00f6s, weil er mich dabei so nett ansah, und au\u00dferdem wurde ich von allen Seiten be\u00e4ugt, seitdem ich aufgekreuzt war. Dabei waren nur \u00e4ltere Semester da.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Als ich da so rumsa\u00df, mu\u00dfte ich daran denken, wie ich hier das erste mal jemand kennengelernt hatte, mit dem ich, oder besser, von dem ich mich verf\u00fchren gelassen hatte. Irgendwann wollte ich schlie\u00dflich mal wissen, wie das so<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 36\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">ist, das ist ja auch eine Erfahrung, die man nicht erst im Rentenalter machen sollte. Ich hatte mir ein Bier nach dem anderen reingezogen, weil ich voll nerv\u00f6s war und mir dachte, da\u00df es einfacher war, wenn ich einen in der Birne hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte gerade mal wieder an meiner Tunke genippt, als mich so ein Typ anschnackte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">,Na? So allein hier?&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">H\u00fcbsch war er gerade nicht und seine Art, Leute anzumachen, fand ich auch nicht umwerfend. Allerdings schien er noch einigerma\u00dfen jung zu sein und auch schlank oder so in der Richtung, jedenfalls war ich inzwischen so weit, da\u00df es mir fast egal war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Ich hab Dich hier noch nie gesehen,&#8216; fuhr er fort. ,Kann sein,&#8216; erwiderte ich. Das war mit Sicherheit eine der miesesten Unterhaltungen, die ich in den letzten zwanzig Jahren gef\u00fchrt hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Trinkst Du einen Pernod mit mir?&#8216; fragte er.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich nuschelte so was, wie okay, oder so und er orderte zwei dieser Getr\u00e4nke. Er hockte sich neben mich und z\u00fcndete sich eine Nikotinstange an. Er bot mir auch eine an, aber es gibt eines, was mich voll kalt l\u00e4\u00dft: Rauchen. Es macht nur ungesunde Luft und f\u00fchrt zu nichts.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er schien ganz happy zu sein, da\u00df er nicht gleich abgewiesen worden war. Vermutlich war ich auch eine Art Leckerbissen f\u00fcr ihn. Ich meine, ich sch\u00e4tze, da\u00df ich doch noch ein bi\u00dfchen besser ausgesehen habe, als er. Klar, ich bin nicht besonders sch\u00f6n, aber er war es offen gestanden auch nicht. Aber schlie\u00dflich wollte ich ja mal wissen, wie das so ist und deswegen erleichterte ich ihm die Arbeit, wo es auch nur ging.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,:Was hast Du denn hoch so vor?&#8216; fragte er und ich sagte darauf, da\u00df das davon abhinge, mit wem und warum.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann erz\u00e4hlte er ,mir, da\u00df er morgen nicht arbeiten m\u00fcsse und ich ihm, da\u00df ich weit weg wohnen w\u00fcrde und. nicht sicher w\u00e4re, ob ich noch fahren konnte, Er hatte leichtes Spiel mit mir und als er gel\u00f6hnt hatte, machten wir uns auf den Weg zu seiner Bude. Er plapperte ziemlich \u00fcberfl\u00fcssiges Zeug, vermutlich war er auch nerv\u00f6s. Ich versuchte jedenfalls, meine Anspr\u00fcche zu vergessen und auch den Eindruck von W\u00fcrde, den ich manchmal von mir habe. . Ich hoffte in dem Moment ganz stark, da\u00df irgendein h\u00fcbscher Bengel auftauchen w\u00fcrde und mich liebevoll aus der \u00fcblen Situation befreien w\u00fcrde. Aber es war wohl gerade keiner frei. Mietwohnungen in St\u00e4dten sind meistens ziemlich frustrierend, wenn man vom Land kommt. Man mu\u00df verdammt leise sein, im Treppenhaus und alle paar Sekunden geht das Licht wieder aus. In seiner Bude roch es unangenehm. Ich wei\u00df zwar nicht, wonach, aber ich mochte die Luft nicht besonders. Aber was soll&#8217;s? Bei anderen Leuten riecht es eben anders.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich verschwand noch mal auf dem Schei\u00dfhaus, uni die Biere und den Anisschnaps abzulassen. Das Klo war auch frustrierend. Als ich wieder in seine Stube kam, hatte er eine Platte aufgelegt, vermutlich seine Verf\u00fchrungsscheibe Etwas von Liza Minelli. Steh ich eigentlich nicht, so drauf, aber mir war im Moment sowieso alles ziemlich Schnuppe. Dann fing er an, mir mit der Hand \u00fcber die R\u00fcbe zu streicheln. Ich sah ihn nicht an, sondern versuchte mir vorzustellen, es w\u00e4re die Hand von Boris, aber das klappte keine Sekunde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich lehnte mich mit dem R\u00fccken gegen seine Schulter und lie\u00df mich weiter streicheln. Er kam ganz sch\u00f6n in Fahrt. Jedenfalls haben wir uns eine ganze Weile auf der Auslegeware rumgekullert. Dann meinte er, da\u00df es wohl verdammt warm w\u00e4re und zog sein Hemd aus. Dabei war es ungef\u00e4hr so warm, wie auf der dritten Plattform des Eifelturm im November.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich bat ihn, das Licht auszumachen, weil mich seine Optik nicht gerade anmachte. Er freute sich dar\u00fcber, weil ihm das sehr entgegen kam.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann fing er noch an, mich zu k\u00fcssen. Das war ziemlich \u00fcbel, weil er Raucher ,war und so was schmeckt man halt. Es ist schon \u00e4tzend wenn man beim ersten Mundkontakt sagen kann, was einer<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">f\u00fcr ein Kraut einer raucht. Aber nun konnte ich schlecht zur\u00fcck. Au\u00dferdem war ich inzwischen so weit, da\u00df ich ein bi\u00dfchen spitz wurde. Er arbeitete sich mit seinen Streicheleien immer tiefer und \u00f6ffnete dabei mit raffinierter Systematik die verschiedenen Textilverschl\u00fcsse. Scheinbar machte er so was \u00f6fters. Irgendwann hatten wir uns dann bis zum Bett vorgearbeitet und s\u00e4mtliche Klamotten irgendwo unterwegs auf der Strecke gelassen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dummerweise war ich total verkrampft und es spielte sich absolut nichts ab, bei mir. Es ging mir genauso&#8220; wie mit der Urinprobe bei der Musterung: wenn bei mir jemand darauf wartet, da\u00df e etwas kommt, kommt es garantiert nicht.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann gaben wir die verschwitzten Versuche auf. Ich war einfach zu verkrampft. Jedenfalls hatte er zumindest seinen Spa\u00df gehabt und schlief ziemlich schnell danach ein. Ich konnte nat\u00fcrlich ich \u00fcberhaupt nicht knacken. Ich war nur vollkommen na\u00dfgeschwitzt und versuchte mich aus seinem Arm herauszuwinden, weil er mich dr\u00fcckte. Dabei wurde er wieder wach und kam noch mal in Fahrt. Diesmal hatte ich etwas mehr Erfolg und irgendwo ,war es auch nicht \u00fcbel.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wei\u00df nicht, ob ich in der Nacht richtig geknackt hatte, jedenfalls war ich am n\u00e4chsten Morgen ziemlich fertig. Im hellen Tageslicht blieb mir auch in meiner Eigenschaft als \u00c4sthet nichts erspart und ich wollte nur noch schnell aufstehen und &#8217;ne Biege machen. Er wollte allerdings noch unbedingt mit mir fr\u00fchst\u00fccken. Aber ich sagte ihm, da\u00df ich morgens nie was essen w\u00fcrde. Das war nat\u00fcrlich die totale L\u00fcge, weil ich eigentlich zu jeder Tageszeit etwas esse, aber ich wollte nur so schnell wie m\u00f6glich weg.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er wollte, da\u00df wir uns wiedersehen, aber ich sagte ihm, da\u00df ich bei meinen Eltern wohnte und ich ihm deswegen nicht meine Telefonnummer geben konnte. Deshalb lie\u00df ich mir seine geben und versprach, ihn mal anzukabeln. Als ich endlich drau\u00dfen war, habe ich den Zettel allerdings in einen dieser \u00fcberf\u00fcllten Papierk\u00f6rbe geschmissen, wie sie<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 37\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">massenhaft in einer Stadt stehen. Aber immerhin war er der Partner meiner ersten zwei-Komponenten-Nacht, und das konnte man ja auch nicht so einfach ignorieren. An den Typ mu\u00dfte ich jedenfalls denken, als ich an diesem Abend im Egalit\u00e9 hockte und hoffte, da\u00df mein Traumtyp aufkreuzte. Allerdings war ziemlich unwahrscheinlich, da\u00df ausgerechnet heute mein Gl\u00fcckstag war.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Statt dessen drehte sich der Macker neben mir auff\u00e4llig zu mir rum und ber\u00fchrte mich irgendwie am Meniskus. &#8222;Trinkst Du ein Bier mit mir?&#8220; fragte er, und ich habe bestimmt noch nie so schnell &#8217;nein danke&#8216; gesagt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Komm, stell Dich nicht so an&#8220; , versuchte er es weiter. Eigentlich bin ich ungern unfreundlich, aber in diesem Augenblick durfte ich keine Sekunde freundlich sein, sonst dachte er eventuell noch, da\u00df er Chancen bei mir hatte, und dabei h\u00e4tte er mein Daddy sein k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Vergi\u00df es&#8220; , sagte ich deshalb und blickte ihm dabei ganz kurz, aber fest an. Ich war in einer ziemlich aggressiven Stimmung, falls sich jemand f\u00fcr Details interessiert.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Es macht Dir doch hoffentlich nichts aus, da\u00df ich hier neben Dir stehe, oder?&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Meinetwegen kannst Du \u00fcberall stehen, nur nicht auf mich. , Das war ein gutes Wortspiel, eigentlich. Aber er gab immer noch nicht auf. Er war wohl mehr einer von den hartgesottenen. Kein Wunder; wenn man so aussieht, wie der, mu\u00df hartn\u00e4ckig sein, sonst kriegt man in hunderttausend Jahren keinen ab.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Oooch das ist aber gar nicht nett von Dir.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Kann sein. Aber ich meine es so und es ist besser, wenn an Du Dich damit abfindest, dann kommt es hier zu keinem unangenehmen Zwischenfall.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war zwar unheimlich cool gesagt, nur da\u00df meine Stimme dabei etwa so stark zitterte, wie die Stange des Weltmeisters im Stabhochsprung direkt nach dem Loslassen. Wenn Humphrey Bogart so etwas gebracht h\u00e4tte, w\u00e4re er voll ruhig dabei gewesen. Entweder weil das ein unheimlich hartgesottener Typ war, oder weil solche Filme eher unrealistisch sind. Aber vielleicht bin ich auch zu leicht aus der Fassung zu bringen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf alle F\u00e4lle war es wohl deutlich genug gewesen, denn der Typ drehte sich wieder weg und ich hatte reichlich M\u00fche, mir nichts anmerken zu lassen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">14<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Das einzig Interessante an dem Abend waren die Etiketten der Whiskeyflaschen, die mir gegen\u00fcberstanden. Aber langsam kannte ich sie alle auswendig und irgendwann kam ich auf den Trichter, da\u00df ich den Abend scheinbar vergessen konnte. Es hielt sich auch niemand mehr in dem Laden auf, bei dem es reizvoll gewesen w\u00e4re, hinter die Tapete zu kucken, also gab es eigentlich keinen Grund mehr, meine Magenw\u00e4nde weiterhin mit Cola zu benetzen. Ich winkte den h\u00fcbschen Typen hinter der Theke heran und sagte, da\u00df ich l\u00f6hnen wollte. Als er mich aus seinen s\u00fc\u00dfen blauen Augen ansah, war ich schon wieder am Wanken. Allerdings wu\u00dfte ich, da\u00df ich bei ihm keine Chance haben wurde. Am Ende der Theke wartete eine h\u00fcbsche Mieze darauf, da\u00df er Feierabend hatte. Ich gab ihm die Knete f\u00fcr die Colas und als ich mich verabschiedete, l\u00e4chelte er mir kurz zu. Das zog mir wieder fast die Socken aus, aber ich blieb bei meinem Entschlu\u00df, weil mir auf einmal alles sagenhaft sinnlos und frustrierend vorkam. Ich meine, dieses st\u00e4ndige Suchen nach etwas, das nie kam, diese dauernden ergebnislosen Versuchen, jemanden anzusprechen, das alles ist wirklich sehr trostlos, wenn man es n\u00fcchtern betrachtet. Und n\u00fcchtern war ich ja noch. Ich mu\u00dfte an Peter denken, der auch mal hier gearbeitet hatte. Ich war unheimlich verliebt in ihn, und da er in dem schwulen Laden arbeitete, dachte ich erst schon, da\u00df man bei ihm eventuell Chancen hatte. Hatte man aber nicht. Er war total normal. Seit einigen Wochen war er verschwunden. Irgendein stinkreicher Schwuler hatte ihn auf seine Insel im Mittelmeer oder was wei\u00df ich mitgenommen. Peter hatte das s\u00fc\u00dfeste L\u00e4cheln, das man sich vorstellen kann. Und es ist frustrierend, da\u00df er mit jemandem wie mir nichts anfangen konnte, weil er nur auf Miezen stand, aber dann von einem \u00e4lteren Typen, der gen\u00fcgend Chips hatte, erfolgreich angemacht worden ist. Die Welt ist wirklich ungerecht.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Heimweg kam ich mir \u00e4hnlich \u00f6de vor, wie letzte Silvesternacht. Das war wirklich trostlos gewesen, weil ich irgendwo eingeladen war. Ich hatte bei Boris aber der war bei einer Fete bei seiner Mieze und Mario war auch irgendwo eingeladen. Und auch sonst war niemand dagewesen, mit dem ich gerne zusammen gewesen w\u00e4re. Ich bin dann total alleine \u00fcber den Weyerberg getigert, und kurz vor zw\u00f6lf fing es leise an zu schneien. Auf der Wasserkuppe waren tausend Leute fr\u00f6hlich und ausgelassen am Feiern. Aber es war niemand da, den ich kannte, und als es um Mitternacht \u00fcberall zu Krachen und Knallen anfing, und die P\u00e4rchen auf dem H\u00fcgel sich liebhielten, wurde ich unendlich traurig, auf einmal, und ging alleine wieder nach Hause.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich habe literweise Tr\u00e4nen geheult, so einsam war diese Nacht. Daran dachte ich gerade, als mir bereits die zweite Kiste auf der Stra\u00dfe auffiel, die mit Panikbeleuchtung am Fahrbahnrand stand. Mich machte das m\u00e4chtig stutzig, weil ein paar Leute um den Anh\u00e4nger herum standen, und so was wie einen keinen Baum abluden. Es dauerte eine gewaltige Zeit, bis ich auf den Trichter kam, da\u00df es die Nacht auf Pfingsten war, und da\u00df das wohl Maibaumpflanzer waren, die sich da rumtrieben. Die \u00dcbung bestand darin, da\u00df die jungen Typen in so einem Nest einen jungen Baum vor das Haus einer heimlichen oder unheimlichen Geliebten pflanzen, um damit ihrer Neigung ein Denkmal zu setzen. Allerdings artet so was in den meisten F\u00e4llen in ein Riesen Bes\u00e4ufnis aus. Daf\u00fcr kam viel<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 38\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Bewegung in die Botanik. Keine schlechte Sitte eigentlich. Zwar etwas altmodisch und b\u00e4uerlich, aber immerhin hatte es etwas mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun und das ist immer gut.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es dauerte eine ganze Weile, bis ich auf den Dreh kam, da\u00df diese Tradition ja auch f\u00fcr mich die beste Gelegenheit war, meine Zuneigung zu Boris zu formulieren. Au\u00dferdem war es sicher tierisch cool, am n\u00e4chsten Tag zum Tee zu kommen und ganz ahnungslos zu fragen, wer denn dieses merkw\u00fcrdige Gew\u00e4chs in den Garten gestellt habe. Wahrscheinlich w\u00fcrde Boris Mutter weise in sich hineinschmunzeln und mir einen indignierten Blick \u00fcber den Tisch schieben. Allerdings war mir ziemlich egal, was sie davon hielt. Mir war nur wichtig, da\u00df Boris von der Sache Wind bekam und sich vielleicht ein bis drei Gedanken \u00fcber mich machte. Aber es war absolut nicht garantiert, da\u00df er das \u00fcberhaupt raffte. M\u00f6glich war auch, da\u00df er an der Teezeremonie gar nicht teilnahm, und statt dessen mit seiner Mieze beim Eisessen oder sonst wo war.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls entschied ich mich irgendwann daf\u00fcr, auch so eine Aktion zu starten, und ich war ziemlich aufgeregt bei dem Gedanken. Ich besch\u00e4ftigte meine grauen Zellen ziemlich lange damit, wie denn so ein Gew\u00e4chs \u00fcberhaupt aussehen mu\u00df , um als Maibaum anerkannt zu werden. Schlie\u00dflich konnte ich um diese Zeit nicht in irgendeinen G\u00e4rtnerladen gehen und einen gut abgehangenen Maibaum holen. Sp\u00e4ter schnallte ich, da\u00df ich vermutlich froh sein mu\u00dfte, \u00fcberhaupt irgendwo einen passenden Jungbaum zu finden, und Anspr\u00fcche an Art und Aussehen vermutlich eh vernachl\u00e4ssigen mu\u00dfte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich d\u00fcste erst mal in Richtung Elternhaus, um mich mit einem Spaten zu bewaffnen. Den fand ich auch ziemlich schnell in der Abstellkammer, aber das mit dem B\u00e4umchen war absolut nicht so einfach. Wir hatten zwar ein total gro\u00dfes Grundst\u00fcck und vor meinem geistigen Objektiv sah ich an jeder Ecke kleine, jungfr\u00e4uliche Gew\u00e4chse stehen, allerdings waren sie tats\u00e4chlich ziemlich rar, und au\u00dferdem war es total finster. Irgendwann entdeckte ich dann einen in der N\u00e4he der W\u00e4scheleine. Er sah zwar ziemlich mickrig aus, aber da ich nicht rechtzeitig auf den Gedanken gekommen war, mich mit frischen, knackigen Maib\u00e4umen einzudecken, mu\u00dfte ich mich wohl mit dem abfinden.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es ist ein ganz sch\u00f6n harter Job, so einen verdammten Spaten in durchwachsenen Mutterboden zu bekommen, besonders, wenn man immer mit Turnschuhen ruml\u00e4uft. Meine g\u00e4rtnerischen Talente waren ohnehin nicht besonders spitzenm\u00e4\u00dfig, deshalb war ich ziemlich happy, als ich die Kelle endlich durch die Grassode bekam. Normal mu\u00df man bei so einem Maibaum wohl eine Menge Erde um die Wurzel mitnehmen, damit das Ding auch richtig anw\u00e4chst, und so. Aber ich hatte reichlich Trouble, das Gew\u00e4chs \u00fcberhaupt herauszubekommen. Viel Erde hing absolut nicht dran, aber immerhin war die Wurzel noch ganz. Immerhin was. Ich packte das Zeugs in meine Blechkiste und gurkte in Richtung Boris. Ich war voll aufgeregt, weil jetzt der spannendste Teil kam. Immerhin w\u00e4re es ziemlich peinlich gewesen, wenn irgendwo im Haus jemand aus dem Bett fiel und mich bei meiner sportiven Bet\u00e4tigung beobachtete. Au\u00dferdem, was war, wenn die Hunde anfingen, zu bellen, oder wenn der Zeitungsaustr\u00e4ger gerade sein Blatt in den Briefkasten schob, wenn ich mit dem Gew\u00e4chs unterm Arm in der Einfahrt stand. Noch herber war der Gedanke, da\u00df Boris noch andere heimlich Liebhaber hatte, die auch auf die Idee mit dem Pfl\u00e4nzchen gekommen waren und sich nun gegenseitig die Gew\u00e4chse um die Ohren hauten. Lustige Vorstellung, eigentlich.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">In reichlicher Entfernung vom Haus stellte ich meine M\u00fchle ab und schlich mich langsam n\u00e4her. Kann einen ganz sch\u00f6n nerv\u00f6s machen, so ein n\u00e4chtliches Abenteuer. Sogar meine Turnschuhe machten einen H\u00f6llenl\u00e4rm auf dem Weg, zumindest, wenn man drauf achtete. Urspr\u00fcnglich wollte ich den Baum mitten vor das K\u00fcchenfenster pflanzen, aber so an Ort und Stelle hatte ich doch einen ganz sch\u00f6nen Horror, da\u00df jemand aufwachte. Also suchte ich mir eine Stelle aus, die zwar noch auf dem Hof, aber m\u00f6glichst weit weg vom Haus war. Ein Gl\u00fcck, da\u00df die Hunde nichts sagten.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Entweder war es mit ihrer Wachsamkeit nicht besonders weit her, oder sie identifizierten mich als alten Kumpel, der nur einen Maibaum pflanzt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">So ein Loch zu graben, macht &#8217;ne Menge Krach, aber irgendwann hatte ich es doch geschafft und das Ding steckte in der Erde, wenn es auch ziemlich mickrig aussah, wie auch immer man es betrachtete. Ich meine, es entsprach keineswegs der Sch\u00f6nheit von Boris und wurde meinen Feelings total nicht gerecht. Und vermutlich h\u00e4tte ich es eher als Beleidigung aufgefa\u00dft, wenn mir jemand so&#8217;n Kr\u00fcppel vor die Bude gesetzt h\u00e4tte. Andererseits mu\u00df man die Probleme bei der Maibaumbeschaffung bedenken und so gesehen war ich nachher, als ich wieder bei meiner Kiste war, doch einigerma\u00dfen zufrieden, so eine botanische T\u00e4tigkeit zu einem naja, immerhin mittelm\u00e4\u00dfigen Ergebnis gebracht zu haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">15<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war ziemlich sauer, als ich am n\u00e4chsten Morgen von den beiden Putzfrauen geweckt wurde, die drau\u00dfen auf dem Flur rumschrubbten und sich lautstark dabei unterhielten. Die eine hatte zwar so einen schw\u00e4bischen Slang drauf, der eigentlich ganz witzig klingt, aber im Moment hatte ich keinen Draht dazu, weil ich gerade vorher etwas sehr Sch\u00f6nes von Boris getr\u00e4umt hatte und jetzt wu\u00dfte ich nicht mehr was. Nur, da\u00df es sch\u00f6ner gewesen war, als wach im Bett zu liegen und sich den L\u00e4rm eines mittleren Putzgeschwaders anzuh\u00f6ren.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Dann h\u00f6rte ich, wie sie in die K\u00fcche direkt neben meiner Bude gingen und St\u00fchle rumschoben und das Geschirr<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 39\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">zusammenstellten. Dabei waren sie st\u00e4ndig am rummosern, wie dreckig alles war, dabei war es doch eigentlich ihr Job, sauberzumachen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Der einzige Grund, aufzustehen, war, weil ich dringend mu\u00dfte, aber ich hatte null Triebe, den beiden Gewitterhexen \u00fcber den Feudel zu stolpern. Die waren zwar immer ganz nett zu mir, aber ich sah bestimmt reichlich alt aus und au\u00dferdem w\u00fcrden sie sich hinterher das Maul dar\u00fcber zerrei\u00dfen, warum ich so lange in den Federn lag. Also blieb ich noch liegen und h\u00f6rte mir an, wie die drau\u00dfen alles auf Hochglanz brachten. Das dauerte allerdings noch &#8217;ne halbe Ewigkeit, weil sie vorn Ackern scheinbar so gestre\u00dft waren, da\u00df sie erst mal einen Tee ansetzten und \u00fcber alle m\u00f6glichen \u00fcberfl\u00fcssigen Dinge redeten. Ich zog mir die Bettdecke \u00fcber die R\u00fcbe, aber das half auch nicht viel. Es ging mir jedenfalls alles voll auf die N\u00fcsse, besonders wegen dem Traum, der jetzt endg\u00fcltig hin\u00fcber war. Irgendwann waren die beiden Tanten fertig mit ihrer Teepause und schoben ab. Da konnte ich endlich auf den Entsafter und massenhaft Fl\u00fcssigkeit ablassen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Dann zog ich mich an und packte meinen ganzen Rempel zusammen, weil ich jetzt wohl nicht mehr herkommen w\u00fcrde. Ich wollte mich noch von Berti und Stefan verabschieden, aber die waren beide nicht da. Bertis Scheibe zeigte an, da\u00df er Dienst schob, auf Station, was man aber nicht \u00fcberbewerten durfte, da Berti meistens die Scheibe gar nicht einstellte. Es war ebensogut m\u00f6glich, da\u00df er bei seiner Mieze, zu Hause oder wei\u00df der Geier wo war.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich legte also einen Zettel auf den K\u00fcchentisch, in dem ich mich von ihnen verabschiedete und sie einlud, mich mal zu besuchen oder sich zumindest mal zu melden. Ich \u00fcberlegte mir noch, ob ich noch schreiben sollte, da\u00df ich sie beide sehr dufte fand, aber ich lie\u00df es schlie\u00dflich sein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">War zwar kein umwerfender Schrieb, aber besser, als so ganz ohne was abzuhauen. Ich h\u00e4tte zwar noch darauf warten k\u00f6nnen, da\u00df einer von den beiden aufkreuzte &#8211; es war ungef\u00e4hr so die Zeit, wo die Fr\u00fchschicht rum ist &#8211; aber ich hatte nicht viel Triebe, zu warten. Genaugenommen hatte ich auf einmal das Gef\u00fchl, m\u00f6glichst schnell &#8217;ne Biege machen zu wollen. Nicht, da\u00df mich die Anstalten an\u00f6deten, oder so. Ich sch\u00e4tze vielmehr, da\u00df ich mir haupts\u00e4chlich selber auf den Keks ging. Ich mu\u00dfte an meine n\u00e4chtlichen Discobesuche und den ganzen Quatsch denken, und daran, wie sinnlos das alles war. Manchmal kommt man zu keinem Ergebnis, wenn man sich \u00fcberlegt, wozu die ganze \u00dcbung eigentlich gut ist. Ich meine, manchmal ist es sogar schwierig, sich \u00fcberhaupt irgend etwas zu \u00fcberlegen, was Sinn hat. Das Einzige w\u00e4re vielleicht, die Welt irgendwie zu verbessern, f\u00fcr Frieden und Gerechtigkeit zu sorgen und so, Aber wer kann das schon. Nur, mit solchen Gedanken kann man am Besten gleich in die Kiste springen, und dazu hatte ich auch keinen Bock.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Weg zu meiner M\u00fchle lief mir der Sohn vom Hausmeister \u00fcber den Weg mit seinem Mofa. Er hatte so einen rot-schwarzen Helm auf und jedesmal spielte sich hinter seinem Visier so ein spitzenm\u00e4\u00dfiges L\u00e4cheln ab, da\u00df es mir regelm\u00e4\u00dfig die Schuhe auszog. Dieser sch\u00f6ne Mund, diese weiche, sanfte Haut umzu, die tiefliegenden braunen Augen und das alles verformte sich zu diesem offenen, lockeren, jugendlichen L\u00e4cheln. So was kann einen voll happy machen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Andererseits war es auch wieder ziemlich frustrierend, da\u00df man das immer nur im Vorbeilaufen sehen konnte, und da\u00df wahrscheinlich irgendeine Mieze das sagenhafte Gl\u00fcck hatte, mit diesem h\u00fcbschen Bengel befreundet zu sein. Mir fiel absolut nichts Brauchbares ein, da\u00df man ihm h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, au\u00dfer Moin, sonst h\u00e4tte ich ihn noch angesprochen, nur um ein bi\u00dfchen l\u00e4nger was von diesem L\u00e4cheln zu haben. Irgendwann verschwand er dann hinter dem W\u00e4schereigeb\u00e4ude und mir war ziemlich wehm\u00fctig um die Pumpe. Immerhin war mein Abschied von den Anstalten um ein L\u00e4cheln bereichert worden.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich blieb kurz stehen und versuchte, das Feeling von Abschied m\u00f6glichst lange anzuhalten. Umwerfend war das Gef\u00fchl allerdings nicht, man sollte eigentlich mehr erwarten, wenn man nach sechzehn Monaten irgendwo &#8217;ne Biege macht Allerdings, wenn man es n\u00fcchtern betrachtete, waren es nur ein paar gr\u00fcne Wiesen mit verschlungenen Wegen und ein paar h\u00e4\u00dflichen Geb\u00e4uden darauf. Trotzdem w\u00fcrde ich den Laden wohl irgendwie vermissen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich tigerte zu meiner Kiste, und die machte auch keinen \u00c4rger. Sie sprang traumhaft gut an und ich bretterte in Richtung Heimat. Die Fahrt war reichlich \u00f6de; kein einziger Anhalter und jede Menge Sonntagsfahrer, die so langsam fuhren, da\u00df man die Bewegung mit blo\u00dfem Auge kaum wahrnehmen konnte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Unterwegs machte ich mir Gedanken dar\u00fcber, wie wohl meine Alte reagieren w\u00fcrde, wenn ich nach drei Tagen nach Hause k\u00e4me. Ich meine, ob sie sich Sorgen gemacht hatte, oder was wei\u00df ich. Vielleicht hatte sie ja gedacht, da\u00df ich mir das Leben genommen hatte, oder so, weil ich mich nicht abgemeldet hatte. Sie wu\u00dfte auch \u00fcber meinen Liebeskummer Bescheid, und wer wei\u00df, was sich eine Mutter so alles denkt, wenn ihr Sohn einfach abhaut.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte ihr auch irgendwann erz\u00e4hlt, da\u00df ich auf Jungens geeicht bin. Sp\u00e4t in der Nacht bin ich zu ihr ans Bett gegangen. Bei bestimmten Dingen ist es besser, wenn man sie im Dunklen beredet. Ich wollte es m\u00f6glichst schnell hinter mich bringen und au\u00dferdem hatte ich ja schon etwas \u00dcbung im Erz\u00e4hlen von solchen Dingen. Ich fing auch wieder damit an, da\u00df ich keine Mieze hatte, und da\u00df das eben daran l\u00e4ge, da\u00df ich mir nichts daraus machte. Das ist immer der beste Einstieg in so &#8217;ne Sache und es dauerte gar nicht sehr lange, da war ich mit der Sache durch. Nur, das Gef\u00fchl, verstanden zu werden, wie ich es bei Boris Alten gehabt hatte, blieb aus. Sie schwieg eine Weile und ich f\u00fchlte mich auf einmal sagenhaft beschissen,<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann fing sie damit an, ob ich sicher w\u00e4re, da\u00df es so sei. Und da\u00df mir vermutlich nur noch nicht die richtige Frau \u00fcber die Fahrbahn gelaufen w\u00e4re und so.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war ganz sch\u00f6n herbe. Ich meine, wenn man so einen Hammer vom Stapel l\u00e4\u00dft und die Leute denken, da\u00df man noch nicht die richtige Mieze getroffen hat. Naja, meine Alten sind halt sehr konservativ in bestimmten Dingen, und<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 40\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">au\u00dferdem ziemlich religi\u00f6s und in der Bibel findet man kaum Tips, was man macht, wenn man als Junge in einen anderen Typ verknallt ist. Da steht zwar, was Jesus macht, wenn er nur einen Fisch f\u00fcr tausend Schnorrer \u00fcbrig hat und da steht auch viel \u00fcber Liebe und so, aber da\u00df man einen Freund lieben kann, weil der liebe Gott ihn so wundersch\u00f6n gemacht hat, davon steht in der Schwarte nichts.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls konnte sie es scheinbar \u00fcberhaupt nicht raffen, da\u00df ich so war, und das nicht nur, weil mir die Miss Universum noch nicht im Arm gelegen hat.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann kam der absolute Hammer; sie meinte n\u00e4mlich, da\u00df sie mal gelesen h\u00e4tte, da\u00df so was an einer Reihe falsch sortierter Hormone liegen k\u00f6nnte und da\u00df es daher vielleicht sinnvoll w\u00e4re, mir mal eine Spritze reinjubeln zu lassen, die das alles wieder zurecht biegen konnte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wollte ihr dann erz\u00e4hlen, da\u00df das Quatsch war, da\u00df ich wirklich so f\u00fchlen w\u00fcrde, und da\u00df das nicht nur was mit Sexualhormonen zu tun hatte, aber ich brachte kaum etwas Senkrechtes zur Sprache. Ich war ziemlich schlecht drauf, um genau zu sein, und bin erst mal nach drau\u00dfen in den Garten gegangen, Aber die Nacht war nur dunkel und es gab auch keinerlei Hinweise darauf, da\u00df wenigstens da oben irgendeiner rumlief, und verstand, was ich f\u00fchlte. Manchmal denke ich, es m\u00fc\u00dfte jemanden geben, der das alles von oben sieht, aber wenn man es n\u00fcchtern betrachtet, ist es nur der Gedanke, da\u00df man meint einen Anspruch auf irgendeine h\u00f6here, ausgleichende Gerechtigkeit zu haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Inzwischen hat sich das alles eingerenkt. Ich meine, mein Mutter hat wohl eingesehen, da\u00df meinen Feelings weder mit Testesteron noch mit sch\u00f6nen, netten Miezen beizukommen ist. Sie sagt, sie h\u00e4tte das nur gesagt, weil sie nicht wollte, da\u00df ich ungl\u00fccklich w\u00e4re, und scheinbar w\u00e4re ich mit dem Zustand ja ungl\u00fccklich. Sie konnte auch nicht begreifen, da\u00df mein Wunsch nicht war, normal zu sein, und eine h\u00fcbsche Freundin zu haben, sondern da\u00df ich mir nichts mehr w\u00fcnschte, als einen h\u00fcbschen Freund, wie Boris oder Mario zu haben, den ich ab und zu lieb halten konnte. Es ist komisch, da\u00df die Leute immer davon ausgehen, da\u00df das, was sie sich unter Gl\u00fccklichsein vorstellen, auch f\u00fcr jeden anderen zutreffen mu\u00df.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Jetzt wei\u00df sie, wie ich leide, und wovon ich tr\u00e4ume, und ich glaube, sie checkt das auch irgendwo. Sie m\u00f6chte mich immer tr\u00f6sten, wenn ich traurig bin, und das macht mich fast noch trauriger. Ich meine, sie ist unheimlich lieb zu mir. Als ich zu Hause ankam, hatte ich allerdings keine Triebe, mich \u00fcber das Thema zu unterhalten, deswegen sagte ich kaum was, als sie mich fragte, warum ich einfach so abgehauen w\u00e4re. Es ist einfach \u00f6de, jemandem zu erz\u00e4hlen, warum man abhaut.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Sonst lag nicht viel an. Keine Post und keine Anrufe. Jemand schien sich besonders um mich zu rei\u00dfen. Das ist ziemlich traurig, eigentlich, wenn einen niemand vermi\u00dft, aber ich versuchte einfach mir nichts daraus zu machen. Ich tigerte erst mal zu meiner Bude und stellte die Anlage an. Musikh\u00f6ren ist so ziemlich das Beste, was man sich antun kann, wenn einen das Leben an\u00f6det. Ich packte ,Tales of Topographic Oceans&#8216; auf den Plattenteller. Das ist die Sahnescheibe von ,Yes&#8216;. Ich stellte die Karre auf volle Power und schwebte durch diese fremdartige Welt der Kl\u00e4nge und Ger\u00e4usche. So was mu\u00df man voll laut h\u00f6ren, sonst kommt das nicht r\u00fcber. Es ist schwer, so was zu beschreiben, wenn man diesen musikalischen Fachslang nicht drauf hat. Auf jeden Fall geht das St\u00fcck wahnsinnig unter die Haut. Ich meine, das sind Harmonien und Wechsel von Klang und Rhythmus, da\u00df es einem die Schuhe auszieht.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich war tierisch gut drauf, bei dem St\u00fcck. Bis mein Alter aufkreuzte und einen sagenhaften Larry machte, weil ich so&#8217;n L\u00e4rm fabrizierte. Kann ja sein, da\u00df so&#8217;ne Mucke f\u00fcr konservative Ohren etwas chaotisch klingt, aber es war schade, da\u00df mein intensives Feeling sich so schnell in Frust umwandelte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich habe mir dann den Kopfh\u00f6rer \u00fcber die Lauscher geklemmt, um mir den Rest von dem St\u00fcck reinzuziehen, aber die Power war nat\u00fcrlich raus.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Mein Alter machte immer alles mit der Holzhammer-Methode und so was ist ganz sch\u00f6n frustrierend. Jedenfalls war ich schon wieder in der Stimmung abzuhauen. Es ist wirklich eine ung\u00fcnstige Situation, wenn man zu Hause wohnen mu\u00df und darauf angewiesen ist, da\u00df einem sein Alter nicht die Anlage vor die T\u00fcr stellt. Ich \u00fcberlegte mir, was ich machen konnte. Viele M\u00f6glichkeiten gab es allerdings nicht. Also habe ich mir erst mal was zwischen die Kiemen geschoben.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Am Sch\u00f6nsten w\u00e4re es nat\u00fcrlich gewesen, mit Boris etwas loszumachen. Aber dann mu\u00dfte ich ihm schon irgend etwas bieten. Ich nahm mir also das K\u00e4seblatt vor, um abzuchecken, was im Kino so ablief. Boris und ich sind unheimliche Kinofreaks. Besonders was Science-Fiction-Filme anbelangt. Ich wollte immer noch in ,200l&#8216; mit ihm gehen, weil ich ihn so gut fand, da\u00df ich das Feeling gerne mit ihm geteilt h\u00e4tte. Aber der Streifen lief nicht. Und sonst gab es auch nichts, was es wert gewesen w\u00e4re, die Brille aufzusetzen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich h\u00e4tte nat\u00fcrlich auch einfach so zu Boris gehen k\u00f6nnen, ohne was auf der Pfanne zu haben, aber ich war immer total unsicher in seiner Gegenwart, wenn ich nicht wu\u00dfte, was ich sagen sollte. Dann fiel mir diese Anzeige von dem Konzert in der Unimensa auf. Und das war auch keine schlechte Idee. Boris und ich sind fr\u00fcher oft zusammen in Rockkonzerte gegangen. Und Kaliber 38 ist &#8217;ne irre gute Gruppe.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die machen &#8217;ne Top Musik. So &#8217;ne Art funkigen Disco-Rock. Ich hatte die schon mal irgendwo geh\u00f6rt. Und Boris hatte bestimmt auch &#8217;ne Antenne f\u00fcr diese Art von Musik.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Also bin ich zu ihm gefahren. Seine Alte begr\u00fc\u00dfte mich und sagte gleich: &#8222;Boris ist oben.&#8220; Sie wu\u00dfte weswegen ich kam. Und dann lachte sie, weil sie mal wieder genau den Punkt getroffen hatte. Ich kletterte also die Treppe hoch und ging in seine Bude. Ich war immer etwas aufgeregt, bevor ich mit ihm zusammentraf, weil ich nie wu\u00dfte, wie er<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 41\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">gerade auf mich zu sprechen Rar. Im Moment hockte er gerade vor der Glotze und zog sich irgendeinen mittelm\u00e4\u00dfigen Krimi rein. Er sagte nur kurz ,Hallo&#8216; und lie\u00df sich nicht weiter von dem Streifen ablenken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das war &#8217;ne ziemlich schlappe Begr\u00fc\u00dfung, weil ich mich so auf sein offenes Lachen gefreut hatte. Aber im Moment lief da wohl nichts ab. Also setzte ich mich schr\u00e4g hinter ihn, und betrachtete seinen blonden Wuschelkopf und seine Schultern. Viel lieber h\u00e4tte ich nat\u00fcrlich ganz dicht bei ihm gesessen und ihm die Arme um den Oberk\u00f6rper gelegt, aber er hatte bestimmt nicht viel Sinn f\u00fcr so was.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Und dann kam auf der Mattscheibe noch diese tierisch romantische Szene zwischen dem jungen Inspektor und der s\u00fc\u00dfen Biene, die er gerade vor irgendeinem W\u00fcstling gerettet hatte. Sehr heldenhaft alles und mit einer Wahnsinns- Weichmachermusik untermalt. War zwar alles reichlich kitschig, aber mir wurde ganz traurig zumute, weil die in der Glotzbeule ihre Feelings so vollendet ergreifend ausleben konnten, ich mu\u00dfte dabei nat\u00fcrlich an Boris denken und wie sch\u00f6n es gewesen w\u00e4re, wenn ich ihn vor irgendeiner Katastrophe bewahrt h\u00e4tte und er mir dann dankbar in die Arme gesunken w\u00e4re. Aber das lief nat\u00fcrlich nicht ab, obwohl eine sch\u00f6ne Vorstellung war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Vielleicht h\u00e4tte ich einfach heulen sollen. Vielleicht h\u00e4tte er sogar was \u00fcbrig gehabt f\u00fcr meine Feelings und mir vielleicht die Pfote auf das Schulterblatt gelegt und gesagt ,Hey, Hey, wer wird denn weinen?&#8216;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Nur ich hatte das eben nicht drauf, meine Gef\u00fchle vor ihm auszubreiten. Ich hatte echt gewaltigen Horror vor seiner Reaktion. Weil, er war immer so unbefangen und fr\u00f6hlich und wenn ich ihm mit irgend so einem Gef\u00fchlshammer kommen w\u00fcrde, w\u00e4re es mit seiner Unbek\u00fcmmertheit nat\u00fcrlich Essig gewesen und ich kann so was nicht kaputt machen, weil es nichts Sch\u00f6neres gibt, als seine fr\u00f6hliche, lockere Art.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Als der Film endlich abgespult war, fragte ich ihn, ob er Bock auf Rock h\u00e4tte. Aber es schien ihn nicht besonders zu interessieren, weil er nicht einmal fragte, wer oder was angesagt war. Obwohl das f\u00fcr mich mehr Nebensache war. Ich meine, ich w\u00e4re auch in ein Konzert von Heino mit ihm gegangen. Nur da\u00df ich mir dann Petersilie oder sonst was mitgenommen h\u00e4tte, was man in die Lauscher stopfen konnte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Jedenfalls ging es mir ganz sch\u00f6n an die Nieren, da\u00df es ihn \u00fcberhaupt nicht reizte, etwas mit mir zu unternehmen. Und dann kreuzte noch seine Mieze auf. Er fing auf einmal an, zu strahlen und dr\u00fcckte sie kurz zur Begr\u00fc\u00dfung an sich. Und das machte mir ganz sch\u00f6n zu schaffen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich habe dann ziemlich schnell eine Biege gemacht, weil ich nicht wollte, da\u00df sie etwas von meiner Verfassung spitz kriegten. Er rief mir ein vollkommen unbek\u00fcmmertes ,Tsch\u00fcs nach, wovon ich aber auch nicht fr\u00f6hlicher wurde. Ich wei\u00df nicht, ob sich jemand vorstellen kann, wie traurig ich mich auf einmal f\u00fchlte. Ich meine, Boris und ich, wir haben uns fr\u00fcher wirklich tierisch gut verstanden und jetzt, seitdem er wu\u00dfte, da\u00df ich in ihn verliebt war, war alles Banane. Ich sa\u00df eine Weile in meiner Kiste und konnte nicht losfahren, weil ich kaum etwas sehen konnte, vor lauter Tr\u00e4nenfl\u00fcssigkeit.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">16<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Als ich gen\u00fcgend Tr\u00fcbsal geblasen hatte, versuchte ich, das Ganze etwas lockerer zu sehen. Das ist nicht so einfach, wenn man verknallt ist, aber jeder vern\u00fcnftige Typ h\u00e4tte sich gesagt, da\u00df es Schwachsinn ist, sich so an eine Figur zu h\u00e4ngen und w\u00e4re solo zu dem Konzert gefahren. Zwar fiel es mir schwer, mich zu diesem Standpunkt durchzuringen, aber als ich es endlich gepeilt hatte, stellte ich den Kompa\u00df auf Richtung Uni und d\u00fcste los.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Zwar war meine Stimmung immer noch eher mittelm\u00e4\u00dfig, aber ich versuchte, mir vorzustellen, da\u00df Boris Ablehnung nicht pers\u00f6nlich gemeint war. Und wahrscheinlich war so ein Konzert die einzige Alternative zu einem gepflegten Selbstmordversuch.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann wollte mein Schicksal mir doch etwas Erfreulich zukommen lassen, jedenfalls stand auf einmal dieser junge Typ neben der Fahrbahn und hielt den Daumen in Richtung Uni. Und da war die miese Stimmung nat\u00fcrlich endg\u00fcltig hin\u00fcber. Es war ein Junge, den ich nur so vom Sehen kannte. Er trieb sich viel im Jugendzentrum rum, das ich gelegentlich frequentierte, um alten Frust zu vergessen und neuen anzubrechen. Und er hier war einer von denen, die meinen Frust n\u00e4hrten, weil sie so h\u00fcbsch waren, da\u00df es mir immer weh tat, mit welchem unbeschwerten L\u00e4cheln sie dar\u00fcber hinweggingen, da\u00df ich wegen ihnen so entsetzlich litt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sein Name war Manuel, wenn ich das noch richtig im Speicher hatte. Jedenfalls war Manuel der angenehmste Grund, eine Vollbremsung zu machen, den ich mir vorstellen konnte. Beinahe h\u00e4tte dabei mein Hintermann bei mir angedockt, weil ich ziemlich dicht vor ihm hergefahren war. War mir m\u00e4chtig unangenehm, als der Typ vorbeizog und einen etwas finsteren Blick auf meiner Windschutzscheibe zur\u00fccklie\u00df. Aber als Manuel dann die T\u00fcr aufmachte und mit dieser jungen und unbek\u00fcmmerten Art aus seinem h\u00fcbschen Gesicht heraus l\u00e4chelte, da war das sofort vergessen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Hallo! F\u00e4hrst Du zuf\u00e4llig Richtung Bremen?&#8220; fragte er.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Genaugenommen zur Uni, aber Bremen liegt da ja in der N\u00e4he.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Das ist ja stark. willst Du auch zu dem Konzert?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er l\u00e4chelt \u00fcber beide glatten und braungebrannten Wangen und stieg ein. W\u00e4hrend er sich auf dem Beifahrersitz befestigte, nutzte ich die Gelegenheit, ihn kurz zu be\u00e4ugen, als er mit dem Anschnalltrick nicht zurechtkam. Blonde Haare und irre blaue Augen, ein makellos sch\u00f6nes Gesicht und ein Paar Augenbrauen, die ihm irgendwie etwas Verwegenes gaben. Und in seinem grobkarierten Flanellhemd verschwand ein kraftvoller Hals. Ich war froh, da\u00df ich das mit dem Autofahren erledigen mu\u00dfte, weil ich sonst total nicht gewu\u00dft h\u00e4tte, was ich getan haben sollte.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 42\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Ist das Deine Kiste?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Tja. Wenn ich Autos klauen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich was anderes fahren.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Wieso, ist doch ,n hei\u00dfes Ger\u00e4t&#8220;, sagte er, und ich freute mich, da\u00df ihm die alte Badewanne gefiel. War ja auch nicht verkehrt. War zwar die totale Spie\u00dfer Karosse gewesen, fr\u00fcher. Aber das war schon m\u00e4chtig lange her und heute war das schon wieder ganz korrekt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf der lange Fahrt gingen so alle m\u00f6glichen Sachen in meinem Gehirn vor. Ich glaube, jeder, der meine Story so ein bi\u00dfchen kennt, kann sich ungef\u00e4hr vorstellen, wie unruhig ich auf der Fahrt war. Wir unterhielten uns nicht viel. Mir fiel nicht viel ein, bzw. verwarf ich die meisten Sachen, die ich ablassen wollte, schnell wieder, und er war wohl etwas sch\u00fcchtern, weil er ganz einfach in dem Alter war, wo man noch unsicher gegen\u00fcber \u00c4lteren ist. Und ich war nun mal \u00e4lter, egal, ob das nun gut war oder nicht so.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Auf dem Parkplatz vor der Uni demonstrierte ich ihm meine Routine im R\u00fcckw\u00e4rtseinparken und dann tigerten wir zu der Cafeteria, wo die Konzerte meistens stattfanden.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">So eine Uni ist nicht verkehrt. Ich meine, auch wenn viele Leute moderne Bauart f\u00fcr unmenschlich und kalt halten, im Vergleich zu den meisten St\u00e4dten, in denen keine Bude zur anderen pa\u00dft, ist so ein Kasten aus Glas und Beton doch sch\u00f6ner. Au\u00dferdem &#8211; ich habe ja schon erz\u00e4hlt, da\u00df ich auf Science Fiction abfahre &#8211; und die Uni versetzte mich immer in so eine futuristische Stimmung. Es wurde schon dunkel, langsam, und die Bude mit den Lichtern \u00fcberall sah nicht schlecht aus, vor dem ins Tiefblaue reichenden Himmel.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Hoffentlich kriegen wir noch Tickets,&#8220; sagte ich zu Manuel, haupts\u00e4chlich, um abzuchecken, ob er mit mir ins Konzert gehen wollte, oder ob er sich jetzt absondern w\u00fcrde. Aber bis jetzt sah es nicht danach aus und ich freute mich tierisch dar\u00fcber. Allerdings rechnete ich st\u00e4ndig damit, da\u00df ihm irgendeine Mieze \u00fcber den Weg lief und er mich dann ganz schnell verga\u00df. Mit so was mu\u00df man immer rechnen, bei solchen Typen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">War ein hei\u00dfes Gedr\u00e4nge, am Eingang, aber es sah so aus, als ob man noch reinkam. Wir w\u00fchlten uns durch den Eingang und ich hatte schon Angst, ihn zu verlieren, in dem Chaos, aber irgendwie hatte ich das Gef\u00fchl, da\u00df er auch in meiner N\u00e4he bleiben wollte. Das<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">hatte sicher nichts zu bedeuten. In dem Alter ist man leicht nerv\u00f6s in so &#8217;ner Menschenmenge und freut sich, wenn jemand bei einem ist. Immerhin war es sehr Positiv zu bemerken, da\u00df in diesem Fall ich derjenige war.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Der Schlagzeuger war gerade beim Soundcheck und legte ein hei\u00dfes Solo auf die verschiedenen Toms, Becken, Bass- und Snaredrum. Nachte ganz sch\u00f6n Druck, die Bass und man konnte die Schwingungen sogar an der Ersch\u00fctterung der Bauchdecke feststellen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Trinkst n Bier mit?&#8220; fragte ich ihn.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Als Antwort kramte er seinen Geldbeutel aus den engen Jeans und machte ein skeptisches Gesicht. Ist &#8217;ne niedliche Art, &#8217;ne Frage zu beantworten. Naja, in dem Alter hat man nie Kohle.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;La\u00df man stecken,&#8220; sagte ich, um ihn aus seiner Verlegenheit zu befreien und holte zwei Becks. Die Flaschen waren sch\u00f6n kalt und beschlugen von oben bis unten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Oha! Das ist korrekt,&#8220; sagte er und sah mich dabei kurz, aber daf\u00fcr sehr freundlich an, und dieser Blick aus seinem h\u00fcbschen Gesicht machte mich f\u00fcr einen Augenblick voll happy.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Nach dem Drummer kam das Gebl\u00e4se zum Soundcheck. CALIBER 38 hat n\u00e4mlich drei Bl\u00e4ser, oder so. Ist scheinbar nicht so einfach, so was richtig einzupegeln. Ich meine, laut genug, da\u00df einem die Ohrl\u00e4ppchen schlackern und doch so, da\u00df es nicht verzerrt. Obwohl die das ja eigentlich auch schon ein bi\u00dfchen eher h\u00e4tten machen k\u00f6nnen. Aber egal.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Wir liefen ein bi\u00dfchen \u00fcbers Parkett, und ich war ganz gut drauf, weil ich mit so einem Traumtyp zusammen war. Ich war nur reichlich nerv\u00f6s, und kratzte das ganze Silberpapier von dem gr\u00fcnen Flaschenhals ab. Diese Ungewi\u00dfheit, was werden w\u00fcrde, war ganz sch\u00f6n aufregend. Ich war nicht sicher, ob es etwas zu bedeuten hatte, da\u00df er keine Mieze dabei hatte. Wahrscheinlich h\u00e4tte er sie ja mitgebracht, wenn er eine feste Freundin gehabt h\u00e4tte. Aber was sagt das schon? Eigentlich nicht viel.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Wir fanden noch zwei zusammenh\u00e4ngende Stehpl\u00e4tze an der linken Peripherie des Saales und stellten uns zwischen die Menschenmasse. Und als der Soundcheck dann abgeschlossen war, tigerten die Jungens von der Gruppe alle auf die enge B\u00fchne, und es ging ein tierisches Get\u00f6se unter den Leuten los. Ist sicher ein starkes Feeling, da oben zu stehen, und so begr\u00fc\u00dft zu werden.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann z\u00e4hlte der Drummer vier Takte vor und dann ging es los. Das ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, weil es mehr tierisch abging. Aber ich glaube, man kann so ein Life-Konzert nicht in Schriftform r\u00fcberbringen. Wie man \u00fcberhaupt sehr viel starke Sachen kaum entsprechen verbalisieren kann. Jedenfalls wenn man auf einmal in so einen gewaltigen Berg von Kl\u00e4ngen getaucht wird, jeder Trommelschlag k\u00f6rperlich sp\u00fcrbar wird, das ist schon stark. Zu dem wuchtigen Rhythmus und den Klangharmonien kam nat\u00fcrlich noch der Anblick der Gruppe, die in wechselndes, im Takt mitschwingendes buntes Licht getaucht wurde. Zwei der Musiker konnten wir nicht sehen, weil die riesigen PA Boxen davor standen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es dauert immer eine Zeit, bis die Stimmung sich etwas gelockert hat, aber nach einer Weile fingen die ersten Leute auf dem Parkett in der Mitte an zu tanzen. Und ich mu\u00dfte mich auch beherrschen, weil ich bei so was nur schwer stillhalten kann. Wenn ich alleine hier gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ich sicher auch bald ein bi\u00dfchen das Tanzbein geschwungen, aber ich wu\u00dfte nicht, was Manuel dazu sagen w\u00fcrde. Irgendwie ist es ja problematisch, so zu tanzen, da\u00df man es nicht als dummes Rumgeh\u00fcpfe deklassieren kann, und es war mir nicht gleichg\u00fcltig, was Manuel f\u00fcr<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 43\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">einen Eindruck von mir hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Als dem Lead-Gitarristen die E-Saite ri\u00df, ber\u00fchrten sich unsere Arme. Das war ein ziemlich sch\u00f6nes Gef\u00fchl, genau genommen. Sch\u00f6n warm zumindest. Und er zog seinen Arm auch nicht weg. Ich glaube, wenn ich ihm total unsympathisch gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ich es sp\u00e4testens jetzt gemerkt. Es dauerte eine ganze Weile, bis er seine Stellung ver\u00e4nderte, und ich nicht wu\u00dfte, warum ich meinen Arm nicht nachf\u00fchrte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sp\u00e4ter ging er etwas vor, n\u00e4her an die B\u00fchne. Er tanzte zwar nicht, aber er bewegte doch seinen K\u00f6rper ein bi\u00dfchen im Rhythmus, die Beine ganz dicht beisammen. Er hatte einen ziemlich knackigen Hintern. Er bewegte den Kopf im Rhythmus der Musik und die Adern in seinem kr\u00e4ftigen Hals traten hervor. Kann sein, da\u00df mich nur niedere Gef\u00fchle bewegten, aber ich stand unheimlich auf seinen Hals, seine schwei\u00dfnasse Haut, seine Haare und seine kleine Stupsnase.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Als er merkte, da\u00df ich ihn von der Seite ansah, l\u00e4chelte er und rief mir zu: &#8222;Das fetzt ganz sch\u00f6n los, was?&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich l\u00e4chelte zur\u00fcck und blickte wieder zu der B\u00fchne. Die Musiker strahlten auch jede Menge Erotik aus, wahrscheinlich nicht mal ungewollt. Ich achtete nicht so auf den Text, aber so, wie sie ihn sangen, schien er auch nicht ganz asexuell zu sein. Wenn man so von Rhythmus umgeben ist, merkt man gar nicht, wie sich die Zeiger seiner Uhr bewegen, jedenfalls fragte Manuel mich auf einmal, wie lange ich noch bleiben wollte. Und da mein momentaner Zustand zu neunundneunzig Prozent von ihm abhing, h\u00e4tte ich nichts davon gehabt, noch hier zu bleiben, wenn er nicht mehr wollte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Willst los?&#8220; fragte ich ihn und er sagte so was, wie naja, was aber deutlich genug war. Ich l\u00e4chelte ihn gequ\u00e4lt an, w\u00e4hrend ich einwilligte, weil es ein ziemlich deutliches Zeichen daf\u00fcr war, da\u00df seine Nase mir wichtiger war, als Caliber 38.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er schien auch ganz gut drauf zu sein und auf dem Weg zu meiner Dose alberten wir etwas rum. Er tat so, als wenn er voll breit w\u00e4re und fragte, ob ich denn noch fahren k\u00f6nnte. Und ich machte auch einen auf schwindelig und sagte: &#8222;Kein Problem, wenn Du mich bis zum Auto st\u00fctzt.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er lachte und ich konnte mich nicht dazu entschlie\u00dfen, mich tats\u00e4chlich bei ihm aufzust\u00fctzen, nur um ihn zu ber\u00fchren. Es w\u00e4re sicherlich die unauff\u00e4lligste Art gewesen, obwohl ich nat\u00fcrlich viel lieber eine mehr z\u00e4rtliche Ber\u00fchrung gehabt h\u00e4tte. Aber ich traute mich ja nicht mal, ihn im Scherz zu ber\u00fchren.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Murphy sprang zum Gl\u00fcck gut an und blamierte mich nicht mit stundenlangen Genudel und anschlie\u00dfendem \u00dcberbr\u00fccken, was er oft genug haben mu\u00dfte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Die Fenster waren total beschlagen, weil es drau\u00dfen ziemlich k\u00fchl war und wir mu\u00dften erst mal ganz sch\u00f6n viel wischen. Allerdings n\u00fctzte dieser sportive Einsatz nicht viel, da alles sofort wieder beschlug und die ersten Kilometer zum reinsten Blindflug wurden. Ein Wunder, da\u00df wir nichts mitgenommen haben.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich legte eine Kassette von Mike Batt ein. Das war nicht zu seicht und auch nicht zu hart. Wir unterhielten uns so gut wie fast gar nicht. Mir fiel nicht viel ein und ihm erging es wohl \u00e4hnlich. Ich war wieder ziemlich intensiv mit meinen teils hoffnungsvollen, teils resignierenden Spekulationen besch\u00e4ftigt. Ein echtes Problem war, wie ich das schaffen konnte, da\u00df wir uns mal wiedersehen w\u00fcrden. Es war nicht so mein Fall, die Karten offen auf den Tisch zu legen, obwohl es nat\u00fcrlich das ehrlichste und von daher korrekteste gewesen w\u00e4re. Aber so was hatte ich nun mal nicht drauf. Ich wollte ihm ja auch nicht zu nahe treten. Andererseits mu\u00dfte ich das irgendwie abchecken, weil es mir auch nichts gab, wenn wir uns anfreunden w\u00fcrden, aber ich mich dann dauernd zur\u00fcckhalten mu\u00dfte. Solche Freunde hatte ich genug, und eine unerwiderte Liebe zur Zeit gen\u00fcgte voll.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich h\u00e4tte ihn fragen k\u00f6nnen, ob ich ihn mal h\u00e4tte fotografieren k\u00f6nnen, aber sicher h\u00e4tte er dann gleich gedacht, da\u00df ich Nacktaufnahmen von ihm machen wollte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es war jedenfalls alles ziemlich schwierig. Wenn ich jetzt eine eigene Bude gehabt h\u00e4tte, h\u00e4tte ich ihn ja noch zu mir einladen k\u00f6nnen &#8211; das hei\u00dft, wenn ich das gepackt h\u00e4tte &#8211; aber ich wohnte ja noch zu Hause und es w\u00e4re sicher ganz sch\u00f6n unromantisch gewesen, wenn auf einmal mein Alter in die Bude gekommen w\u00e4re und einen Riesen- Larry gemacht h\u00e4tte, weil ich das ganze Haus aufwecken w\u00fcrde. Ganz abgesehen davon, was er sich wohl denken w\u00fcrde, wenn ich so sp\u00e4t in der Nacht noch einen so jungen Typ zu mir einlud.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Du kannst mich da vorne rausschmei\u00dfen. Ich hab&#8217;s dann nicht mehr weit,&#8220; unterbrach er mich in meinen Spekulationen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Quatsch. Wenn Dich dann jemand vergewaltigt, mach ich mir ein Leben lang Vorw\u00fcrfe. Ich fahr Dich noch nach Hause.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er lachte etwas \u00fcber meine Begr\u00fcndung, schien aber nichts dagegen zu haben. Auf die Art konnte ich immerhin herausfinden, wo er wohnte. Obwohl mir das \u00fcberhaupt nichts n\u00fctzte, wenn jetzt nicht der Grundstein f\u00fcr ein sp\u00e4teres Wiedersehen gelegt wurde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er dirigierte mich durch ein paar Nebenstra\u00dfen, die in dem unwirklichen Licht des Vollmondes ganz sch\u00f6n hell wirkten. Ich war krampfhaft am \u00fcberlegen, wie ich einen sp\u00e4teren Kontakt herstellen konnte, aber meine verbale Kreativit\u00e4t verkr\u00fcmelte sich in die hinterste Ecke meiner R\u00fcbe und mir fiel nicht das Geringste ein.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">,Da wohnst Du? Sch\u00f6nes Haus,&#8220; sagte ich deshalb nur.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Geschmacksache,&#8220; sagte er und l\u00e4chelte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Tja, dann vielen Dank f\u00fcrs Mitnehmen. War n dufter Abend.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Stimmt! Wenn Du \u00f6fters in Konzerte f\u00e4hrst, kannst Dich ja mal melden. Ich meine, vielleicht will ich dann ja auch gerade.&#8220;<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 44\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Das ist &#8217;ne Idee. Dann gib mir mal Deine Telefonnummer.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Diese Aufforderung machte mich fast gl\u00fccklich, obwohl ja damit gar nicht garantiert war, da\u00df er auch mal durchkabeln w\u00fcrde. Vermutlich hatte er morgen schon alles vergessen. Ziemlich nerv\u00f6s fing ich an, was zu Schreiben zu suchen und hatte auf einmal die Angst, da\u00df ich nichts finden w\u00fcrde. Immerhin, ein Kugelschreiber fand sich im Chaos von Murphys Handschuhfach, aber nicht ein Fetzen Papier. Bis Manuel die L\u00f6sung einfiel. Er hielt mir seinen Unterarm hin und sagte: &#8222;Schreib drauf.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er hatte die \u00c4rmel von seinem Flanell-Hemd noch hochgekrempelt, von der Hitze des Konzerts und ich war reichlich nerv\u00f6s, als ich den Arm mit der einen Hand umfa\u00dfte und mit der anderen die Telefonnummer meiner Alten auf die weiche Unterlage kritzelte.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Sein Arm f\u00fchlte sich sch\u00f6n kr\u00e4ftig an und an der Innenseite schimmerten die feinen \u00c4derchen durch. Es war sch\u00f6n, wenigsten seinen Arm zu ber\u00fchren, obwohl er absolut nichts Besonderes war. Ich meine, es gab Milliarden Arme auf der Welt. Aber dieser geh\u00f6rte eben Manuel, und ich hatte sehr, sehr viel f\u00fcr Manuels Arm \u00fcber.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er hatte wieder dieses offene, unbeschwerte Lausbubenl\u00e4cheln auf den Lippen und in den Augen, als er sich die Ziffern betrachtete. W\u00e4hrenddessen mu\u00dfte ich mich ganz sch\u00f6n zusammenrei\u00dfen, um ihn nicht an mich zu dr\u00fccken. &#8222;Na gut. Ich ruf mal an. Und sonst kannst Du Dich ja mal melden, wenn Du willst.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">&#8222;Hoffentlich sagst Du das nicht nur so aus H\u00f6flichkeit. Ich meine, ich w\u00fcrde mich echt freuen, wenn wir uns mal wiedersehen w\u00fcrden.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er sagte nur ein entt\u00e4uschendes &#8222;Ja&#8220; dazu und um keine Verlegenheit aufkommen zu lassen, schob ich gleich nach: &#8222;Na gut. Dann schlaf gut, Manuel. Und tr\u00e4um was Sch\u00f6nes.&#8220;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Er l\u00e4chelte wieder und sagte: &#8222;Du auch. Hau rein!&#8220; und knallte die T\u00fcr zu. Er winkte noch mal durch die beschlagene Scheibe und lief zum Haus.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wendete die Kiste und fuhr langsam weg, sehr besch\u00e4ftigt mit der \u00dcberlegung, ob ich nicht noch mal zur\u00fcckfahren sollte und ihn fragen &#8211; ja, was? Ob er noch mit zu mir kommen wollte, oder ob er was f\u00fcr mich \u00fcbrig hatte?<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Es ist eine verdammt bl\u00f6de Angelegenheit, wenn man nie wei\u00df, was Sache ist und man es nicht mal drauf hat, solche ganz einfachen Sachen abzuchecken.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Verdammt, ich mochte dieses sonnige L\u00e4cheln, die sch\u00f6nen Augen und seinen Mund, ich mochte die Art, wie er sich ausdr\u00fcckte und den Sound seiner Stimme, ich fuhr voll ab, auf seine blonden Haare und seine Augenbrauen, auf seine braune und makellose Haut und seine Art, sich zu bewegen, seine Unbeschwertheit und seinen Namen. Kann sein, da\u00df das alles nur ganz primitive Ma\u00dfst\u00e4be waren, die ich anlegte, da\u00df es keine hehre Verehrung seiner inneren Werte war, sondern nur niederes Verlangen nach seinem erotischen K\u00f6rper. Ich wei\u00df nicht, ob meine Empfindungen edle Sehnsucht oder primitives Verlangen war, und es ist mir auch egal, f\u00fcr was andere es halten, f\u00fcr mich war es jedenfalls ein ganz starker, ehrlicher Wunsch. Vielleicht nur die Sehnsucht nach Zuneigung und Z\u00e4rtlichkeit, vielleicht hatte ich in meinem Leben zu wenig davon bekommen. Mir ist es auch egal, da\u00df wahre Liebe ~ nicht vom \u00c4u\u00dferen eines Menschen abh\u00e4ngen sollte. Ich hatte nun mal viel \u00fcbrig f\u00fcr diese Art von Sch\u00f6nheit, aber auch f\u00fcr die Nat\u00fcrlichkeit, die jungenhafte Art, die die urigen, m\u00e4nnlichen Eigenschaften durchscheinen lie\u00df, aber zugleich solche Offenheit und Freundlichkeit verbreitete.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich habe noch eine ganze Weile in meiner M\u00fchle gesessen, als ich zu Hause angekommen war, den Mond durch die versyphten Scheiben angeglotzt und versucht, mir vorzustellen, wie es w\u00e4re, diesen Typ als Freund zu haben, ihn liebhalten zu k\u00f6nnen, seine N\u00e4he zu sp\u00fcren und so.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Dann mu\u00dfte ich wieder daran denken, da\u00df auch Boris immer so nett und lieb zu mir gewesen war, bevor ich ihm Einzelheiten \u00fcber meine Gef\u00fchlswelt erz\u00e4hlt hatte. Und ich mu\u00dfte an den Postboten aus unserem Nest denken und daran, da\u00df sein Leben so ganz ohne irgend etwas Sch\u00f6nes verlaufen war. Und es gab wirklich kaum positive Hinweise darauf, da\u00df es bei mir besser laufen w\u00fcrde.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich sah zum Mond hinauf, als k\u00f6nnte er mir irgendeinen Tip geben, ob dieser Typ eben f\u00fcr mich da war. Aber er tat so, als ob er von nichts w\u00fc\u00dfte. Scheinheiliger Bursche!<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Manuel &#8211; ganz leise sprach ich den Namen aus. Der Name Manuel war auf einmal so fest in meinem Speicher, als w\u00fcrde es nie einen anderen gegeben haben. Null Ahnung, ob das etwas Gutes zu bedeuten hatte. Aber ich hoffte ganz stark, da\u00df irgendwann einmal eine Zeit kommen w\u00fcrde, in der ich das in seiner Gegenwart tun konnte. Manuel sagen. Ganz sanft.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Nachwort<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es ist nun etwa 20 Jahre her, da\u00df ich diesen Roman geschrieben habe. Vieles hat sich inzwischen ge\u00e4ndert. Die Gesellschaft ist offener geworden. Ich kann heute zu meiner Veranlagung stehen, bei der Arbeit, in der \u00d6ffentlichkeit, ohne da\u00df ich deswegen verurteilt werde. Die meisten jungen Menschen gehen voll locker damit um. Aber dennoch ist es eine der schwersten Dinge im Leben, seine Sexualit\u00e4t zu befreien. Das gilt sicherlich nicht nur f\u00fcr Homosexualit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Inzwischen habe ich mich mit vielen neuen Gedanken befa\u00dft, habe die beiden spirituellen B\u00fccher &#8222;Entwirrungen&#8220; und &#8222;Zusammenh\u00e4nge&#8220; geschrieben, die offensichtlich auf viel positive Resonanz sto\u00dfen. Und obwohl ich dort die<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"padding-left: 30px;\" title=\"Page 45\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<div class=\"column\" style=\"padding-left: 30px;\">\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">\u00dcberzeugung vertrete, da\u00df wir alle Teil von Gott sind und das, was in unserem Leben auf uns zukommt, etwas mit uns zu tun hat, d.h. da\u00df wir unser Leben ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, wenn wir uns selber ver\u00e4ndern, habe ich es nicht geschafft, mein Liebesleben in den Griff zu kriegen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das, wovon ich tr\u00e4ume, ist nach wie vor in weiter Ferne, obwohl, einmal hatte ich das Gl\u00fcck, nur ein paar gl\u00fcckliche Stunden zusammen zu sein mit einem h\u00fcbschen, knackigen Freund.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Selbst in spirituellen Kreisen gibt es noch die unterschiedlichsten (menschlichen) Stellungen [ \ud83d\ude42 ] dazu. Einige, die meinen, Sexualit\u00e4t sei gut, halten dann wieder Homosexualit\u00e4t als eben doch nicht nat\u00fcrlich, oder vielleicht verlieben okay, aber den ausgef\u00fchrten Sex denn doch als schmutzig&#8230;<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wei\u00df, da\u00df ich letztlich zu einer Befreiung dessen kommen mu\u00df, was ich mir w\u00fcnsche. Ich versuche, mich selbst zu lieben und sch\u00f6n zu finden, finde mich auch sch\u00f6ner als wahrscheinlich 90 Prozent der M\u00e4nner, aber bei denen, von denen ich tr\u00e4ume, f\u00fchle ich mich dann doch immer h\u00e4\u00dflich und denke, der kann mich ja gar nicht lieben.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich hatte kurze Zeit mal das Gl\u00fcck, einen wundersch\u00f6nen, blonden (naja, gef\u00e4rbt) Lausejungen kennenzulernen, der etwas Bodybuildu\u00edng gemacht hat (nicht so \u00fcbertrieben, aber echt netter Body) glatte, gebr\u00e4unte Haut hatte und irgendwie ganz s\u00fc\u00df war. Er kam am Wochenende, ich holte ihn vom Bus ab und wir fuhren zum Badesee, anschlie\u00dfend zu mir, wo es einfach wundersch\u00f6n war, wenn er auf mir lag und wir einen Orgasmus bekamen in einer Stellung, die wohl ziemlich unbekannt ist, weil er einfach nur nackt auf mir lag und ich ihn \u00fcberall sp\u00fcren konnte und es unbeschreiblich geil war. Dann zusammen da zu liegen, einfach nur so, und diese Vertrautheit, vielleicht nackt im Bett zu liegen und in UFO-Zeitschriften zu bl\u00e4ttern oder so.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Naja, ich hatte leider die ganze Zeit das Gef\u00fchl, da\u00df er mich nicht wirklich so toll fand, wie ich ihn, und irgendwann nach nem halben Jahr verliebte er sich in einen j\u00fcngeren, h\u00fcbscheren, (den ich auch noch kannte) und war weg. Wahrscheinlich hab ich ihn weggedacht. (Der kann mich ja gar nicht lieben)<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Das ist jetzt schon 3 Jahre her und ich denke, warum kann es nicht noch mal so sein? Damals hatte ich ein paar Wochen mir vorgenommen, nicht zu onanieren. Dann habe ich ihn kennengelernt. Jetzt denke ich immer wieder, ich sollte es noch mal versuchen, schaffe es aber auch nie sehr lange und denke dann, es ist Quatsch, es ist nur eine Falle, die ich mir selber stelle. Denn warum sollte ich etwas unterdr\u00fccken, was mir offenbar ja doch Spa\u00df macht. Aber vielleicht sind es ja auch irgendwelche b\u00f6sen Kr\u00e4fte, die wollen, da\u00df wir unsere sexuelle Energie \u00fcberall &#8222;verspritzen&#8220;??? Es ist wirklich schwer, da eine Klarheit reinzukriegen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Ich wei\u00df, da\u00df ich mich selber von Vorgaben befreien mu\u00df, von Vorbedingungen. Aber man sieht, was alles f\u00fcr bescheuerte Gedanken kommen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #c7c7af;\">Irgendwann hoffe ich, da\u00df ich mich von den Zw\u00e4ngen befreien kann, denn das, was ich mir ertr\u00e4ume, w\u00e4re so wundersch\u00f6n. Warum sollte es nicht m\u00f6glich sein?<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">Es ist schwer, zu seinen Gef\u00fchle zu stehen, wenn man sie lange Zeit unterdr\u00fccken mu\u00dfte, weil man sonst sicher manchmal ganz sch\u00f6n Probleme gekriegt h\u00e4tte. Heute ist das ja schon viel lockerer als zu der Zeit meiner Pupert\u00e4t. Obwohl, ich denke, im Nachhinein &#8211; die eine oder andere Gelegenheit h\u00e4tte es vielleicht doch gegeben, wenn ich es mir eingestanden h\u00e4tte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #c7c7af;\">So bin ich inzwischen 40 Jahre alt geworden, was auf dem schwulen &#8222;Markt&#8220; schon ein Alter ist, wo man schon erheblich reduzierte Chancen hat. Zumindest bei den h\u00fcbschen, jungen Typen. Klar, es klingt so, als w\u00fcrde ich nur \u00c4u\u00dferlichkeiten suchen, aber es ist halt nur der Aspekt, den ich am besten beschreiben kann. Es bleibt also schwierig. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Eines Tages&#8230;.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Alleinsein ist herbe von Jo Conrad\u00a0\u00a0 von \u00a0https:\/\/bewusst.tv\/category\/spirituell\/ \u00a0 Die Strecke war eigentlich nicht neu f\u00fcr mich, aber ich mu\u00dfte mich doch ziemlich konzentrieren, weil, es war mitten in der Nacht und go\u00df volle Kanne. Die Scheibenwischer brachtens auch nicht mehr so; sie verschmierten eher die ganze Angelegenheit, ohne irgendwelche klareren Sichtverh\u00e4ltnisse zu schaffen. 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